Neue Zürcher Zeitung (Zürich):
"Die Nachricht über den Tod in Exarchia löste eine Protestwelle aus, die sich im ganzen Zentrum Athens ausbreitete, auf die zweitgrösste griechische Stadt, Thessaloniki, übergriff und nach und nach alle größeren Universitätsstädte erfasste. Es war, als hätte der Todesschuss der Frustration der Studenten freien Lauf gelassen. Nur ein Bruchteil der Griechen hat nach dem Studium eine Chance auf Arbeit. Der überwältigende Teil der jungen Akademiker sieht sich vom Staat, der in zahllose Korruptionsskandale verstrickt ist, verraten."
Berlingske Tidende (Kopenhagen):
"Bemerkenswert ist, dass die konservativen Regierungen in Frankreich und Griechenland die Situation völlig unterschiedlich behandelten. In Griechenland wurden die beiden beteiligten Polizeibeamten gestern verhaftet, Innenminister Prokopis Pavlopoulos entschuldigte sich öffentlich, versprach den Angehörigen des Toten, die Beamten zur Rechenschaft zu ziehen. Und er bot dem Ministerpräsidenten seinen Rücktritt an. In Frankreich hingegen erklärte der damalige Innenminister Sarkozy die Polizei seinerzeit umgehend für unschuldig. Bis heute sind die Polizisten im Dienst und es ist unklar, ob es überhaupt zu einem Verfahren gegen sie kommen wird."
Kommersant (Moskau):
"Die Unruhen in Griechenland sind ein sozialer Aufstand, keine Protestbewegung mit ethnischem Hintergrund. Im Unterschied zum 'Krieg in den französischen Vorstädten' im Jahr 2005, der zu großen Teilen von jugendlichen Migranten geführt wurde, protestieren hier junge Griechen. Die Ereignisse vom Wochenende bringen die unpopuläre Regierung Karamanlis, die im Parlament nur über eine Stimme Mehrheit verfügt, immer stärker ins Schwanken. Die Proteste könnten den Premierminister dazu zwingen, im nächsten Jahr vorgezogene Neuwahlen durchzuführen. In Anbetracht der Unzufriedenheit der griechischen Gesellschaft mit der Arbeit der Regierung und angesichts der steigenden Beliebtheit der oppositionellen Sozialisten hat Karamanlis praktisch keine Chancen, diese Wahlen zu gewinnen."
Ta Nea (Athen):
"Der Tod des Schülers war nur der Anlass. Er hat die Zündschnur für die große Explosion gelegt. Hinter der Explosion verbirgt sich eine komprimierte Verzweiflung. Viele junge Menschen leben mit der unerträglichen Erfahrung, dass es keine Zukunft gibt, dass die Zukunft ein zugemauertes Fenster ist. Irgendwo dort lauert die blinde Gewalt. Die Bürger verschanzen sich in ihren Häusern und schauen am Fernsehbildschirm den Krieg an, der vor ihren Türen stattfindet. Das Internet durchbricht diese Isolierung. Dort erscheinen verschiedenartige Ansichten, und was daraus folgt, ist ein Gleichgewicht des Schreckens. Nicht die Gewalt, sondern die Verzweiflung scheint die Mutter unserer Geschichte zu sein."
La Repubblica (Rom):
"Die schweren Unruhen, die Griechenland seit zwei Tagen erschüttern, sind die erste gewalttätige Reaktion, die sich im Westen auf Grund der Wirtschaftskrise und der unzureichenden Regierungsmaßnahmen niederschlagen. Die tragische Episode vom Samstag ist im Zusammenhang mit der Krise und den Ängsten zu sehen, die sie in den sozial schwächeren Schichten schürt. Hinzu kommt, dass sich die Explosion der Gewalt vor dem Hintergrund extrem geschwächter Institutionen abspielt. Die Regierung von Kostas Karamanlis hält die Mehrheit im Parlament mit nur einer Stimme und wurde in den letzten Monaten mehrerer schwerer Finanzvergehen verdächtigt. Am 10. Dezember haben die Gewerkschaften zu einem Generalstreik gegen die sich ständig verschlechternden Bedingungen der Arbeiter aufgerufen. Der kommende Mittwoch könnte zum entscheidenden Tag in Griechenland werden: der erste große Sturm im Westen, mit dem das wirtschaftliche Unwetter hereinbricht."
Tribune de Geneve (Genf):
"Diese Gewalt zeugt von einem tieferen Unbehagen. Die griechische Gesellschaft steckt in der Krise - einer Wirtschaftskrise, die an eine Wertekrise gekoppelt ist. Das Vertrauen im Land ist verschwunden. Kaum anderthalb Jahre nach seiner Wahl muss die konservative Regierung von Kostas Karamanlis immer wiederkehrenden Skandalen die Stirn bieten. Gestern haben alle Parteien die Handlungsweise der Polizisten verurteilt. Nach den Unruhen haben die Linke und die Bewegung für Menschen- und Bürgerrechte an Demonstrationen in Athen und Thessaloniki teilgenommen. Die Gewerkschaften rufen am Mittwoch zu einem 24-stündigen Generalstreik auf, und alle warten besorgt auf diesen Tag. Die Athener Stadtverwaltung hat schon den Festakt zum Anzünden des Weihnachtsbaums abgesagt."
Frankfurter Rundschau (Frankfurt):
"Schießfreudigkeit konnte man der griechischen Polizei in den vergangenen Jahren eigentlich nicht vorwerfen. Gerade gegenüber den Autonomen, die alle paar Monate einen Anlass finden, das Athener Stadtzentrum mit Wurfgeschossen und Molotowcocktails unsicher zu machen, hat sie Langmut gezeigt. ... Die defensive Polizeitaktik hat sich insofern bewährt, als bei den früheren Unruhen kein Mensch ernsthaft zu Schaden kam. Deshalb ist der Tod eines 15-Jährigen durch eine Polizeikugel jetzt ein besonderer Schock. Dass es sich um einen tragischen Einzelfall handelt, macht die Sache nicht weniger brisant. Die Unruhen, die sich wie ein Flächenbrand übers ganze Land auszubreiten beginnen, bringen eine Regierung in Bedrängnis, die nach zahllosen Skandalen ohnehin auf dem letzten Loch pfeift. Setzen sich die Ausschreitungen fort, dürfte sich der Abstieg des konservativen Premiers Kostas Karamanlis beschleunigen."