Vernunft statt Populismus International nehmen die Fälle von Amoklauf von Schülern zu, und auch Deutschland befindet sich noch im Schock nach den Vorfällen in Emsdetten und Baden-Württemberg. Politiker fordern nun das Aus für...
Vernunft statt Populismus
International nehmen die Fälle von Amoklauf von Schülern zu, und auch Deutschland befindet sich noch im Schock nach den Vorfällen in Emsdetten und Baden-Württemberg. Politiker fordern nun das Aus für Killerspiele – zu Recht?
VON KARIN WEDRA
Zwei Fronten haben sich in Deutschland gebildet. Das Lager der Killerspielgegner, in dem sich jeder selbst ernannte Psychologe und Pädagoge über die Auswirkungen von Gewalt verherrlichenden Spielen erbost, ohne eines auch nur von der Nähe gesehen zu haben. Dem gegenüber finden sich die liberalen Artgenossen, die sich selbst bei Vorlage wissenschaftlicher Ergebnisse weigern, Zusammenhänge zwischen Killerspielen und Gewaltbereitschaft anzuerkennen.
Solche Erkenntnisse liegen mittlerweile jedoch vor. Im Institut für Psychologie in Potsdam haben Forscher Zusammenhänge zwischen Mediengewalt und Gewaltbereitschaft bei Menschen erkennen können. Ein wissenschaftliches Team rund um Barbara Krahé, Ingrid Möller und Anja Berger befragte insgesamt 3.300 Personen. Den Ergebnissen zufolge führt der Konsum von Mediengewalt nicht zwingend zu gewalttätigem Verhalten. Und doch weisen die Forscherinnen in ihrem Resümee darauf hin, dass auch nur wenige Raucher letztendlich an Lungenkrebs sterben. Würde deswegen ein Arzt die Wirkung von Nikotin in Frage stellen?
Schlussendlich hieß es in der Forschung: „Die These der aggressionsfördernden Wirkung des Konsums von Mediengewalt konnte durch die Befragungsdaten weitgehend gestützt und somit empirisch abgesichert werden.“ Wobei die Forscherinnen jedoch betonen, dass dieser Einfluss eher Schwach sei.
Verbote machen alles besser
Auf dieser simplen Annahme beruhen anscheinend die momentanen Argumentationen mancher Politiker. So wollen der Bayerische Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU), des Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) und Innenminister Günther Beckstein (CSU) Hersteller Gewalt verherrlichender Spiele mit Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr bestrafen. Stoiber strebt zudem eine grundlegende Wertedebatte an und entgegnete dem Spiegel „Was zum Töten verführt, gehört verboten“.
Da wirkt die Reaktion der USK-Chefin Christine Schulz auf die neu entbrannte Killerspieldebatte in Hinblick auf beiden Tragödien in Erfurt und Emsdetten etwas zu leger. Ihrer Meinung nach gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen den beiden Amokläufen von Jugendlichen und meinte: „Gäbe es einen direkten Zusammenhang würden wir alle hochgradig gefährlich leben, weil alle Liebhaber bestimmter Spielgenres sozusagen Zeitbomben wären“.
Ratlosigkeit bei den Experten
Schulz weißt zudem darauf hin, dass in Deutschland der Jugendschutz im europäischen Vergleich weitaus am strengsten angelegt sei. Denn was bei der Diskussion um die Killerspiele meist übersehen wird ist, dass bereits heute die Freigabe von Gewaltmedien nur an Personen ab 18 Jahre erlaubt ist. Die Jugendabgabe ist also bereits unterbunden.
§ 131 Strafgesetzbuch sieht unter anderem vor: „Wer Schriften (§ 11 Abs. 3), die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt oder die das Grausame oder Unmenschliche des Vorgangs in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellt […] wird mit wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“
Doch mit dem Stempel „Keine Jugendfreigabe“ verschwinden die Spiele natürlich nicht vom Markt und auch nicht aus den Wohnzimmern vieler Familien. Ein Verbot der grausamen Computerspiele wird weitere Amokläufe nicht verhindern und Politiker, die solche Fehlannahmen verbreiten, handeln naiv und unverantwortlich.
Anders hingegen Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, der sich zwar auch strikt für ein strengeres Vorgehen gegen die beliebten Baller-Spiele aussprach, jedoch auch klar fordert, dass ein Umdenken der Gesellschaft unumgänglich ist. Es müsse "mehr Interesse am Mitmenschen" praktiziert werden, sagte er im ZDF-"Morgenmagazin". Wobei Erziehungsberechtigte und Lehrer bedeutende Vorbilder sind: "Wir Erwachsenen müssen unseren Kindern immer wieder beweisen: Arbeit, Leistung, Treue, Verlässlichkeit, Familienleben - das sind trotz aller Probleme und Widerstände feste Werte, für die es sich zu leben lohnt! Eine Gesellschaft, die diese Werte verliert, läuft irgendwann selber Amok."