Seit Monaten tobt in Italien der Banken-Poker um Antonveneta. Lokale Finanzmatadore schmiedeten einen „Heimat-Pakt“, schalteten ABN Amro aus. Führte Notenbank-Chef Fazio Regie – und beging Amtsmissbrauch? Nun handeln die Staatsanwälte.
„Tonino, am liebsten würde ich Dich auf die Stirn küssen. Glaub mir, ich weiß, wie viel Du gelitten hast! Wenn ich könnte, würde ich jetzt den Flieger nehmen, und zu Dir kommen.“ Folgenreiche Sätze. Denn der ‚Tonino’, von dem hier die Rede ist, ist nicht irgendein Antonio. Vielmehr handelt es sich um Antonio Fazio, dem Präsidenten der italienischen Notenbank. Und der ihm wohl gesonnene Anrufer ist nicht etwa ein besonders aufmerksames Familienmitglied, das ihm zum Geburtstag gratuliert – sondern Gianpiero Fiorani, Chef jener Banca Popolare Italiana (BPI), welche seit Monaten um die Kontrolle des Paduaner Bankenjuwels Antonveneta ringt. Mit allen Mitteln.
Kompromittierter Kontrolleur
Auch der Anlass des Anrufs war kein zufälliger. Vielmehr rief Fazio selbst Fiorani an, um ihm vorab mitzuteilen, dass er die Genehmigung für die Aufstockung der kritischen BPI-Anteile an Antonveneta soeben unterschrieben hatte. Kein Wunder, dass sich Fiorani freute: Das letzte Puzzlestück einer langen Übernahmeschlacht fiel in seine Hand – und damit die Macht über das begehrte Kreditinstitut im reichen Nordosten Italiens.
Doch Gianpiero Fiorani freute sich zu früh. Denn bereits seit Monaten ist klar, dass der Oberkontrolleur der italienischen Bankenlandschaft, Fazio, bestenfalls befangen ist, und dass er von seinem Prachtbüro in der Römer Via Nazionale aus ein ganz eigenes Spiel betreibt. Seine Mission: Die Ausländer abwehren. Das Pikante dabei: Möglicherweise hat er im Übereifer Machenschaften gedeckt, die nicht nur im eklatanten Widerspruch zu seiner Rolle als Unparteiischen stehen, sondern auch zu den Schutzklauseln im italienischen Aktienrecht – und somit zum Strafrecht. Davon bekam die Staatsanwaltschaft nun Wind.
Zunehmend brenzliger Posten
Das verwundert wiederum nicht. Schon seit Wochen hallt in der internationalen Finanzpresse vehement die Empörung darüber wider, wie in Italien der nach allen Regeln der Kunst korrekt eingefädelte ABN Amro Übernahmeversuch von oberster Stelle abgekanzelt wird. Insbesondere die immer wieder zögerlich gewährten Genehmigungen für die Holländer, denen prompte Bescheide für die italienische Konkurrenz gegenüberstanden, brachten ABN-Topmann Groenink dem Vernehmen nach zur Weißglut. Zu Recht, wie die internationale Business-Community findet. Denn während ABN Amro Milliarden aus dem eigenen Firmenvermögen in die Waagschale wirft, hantieren die inländischen Gegner mit geheimen Absprachen und Anteil-Schiebereien. Zudem hängen bleischwer die Vorwürfe von getürkten Bilanzen und Insider Trading in der Luft.
Doch der Misskredit, der nun auf die italienische Finanzwelt insgesamt abzufärben droht, kommt nicht von Ungefähr. Er ist auf eine gesetzgeberische Anomalie in der Stiefelrepublik zurückzuführen: Anders als in Europa und in der angelsächsischen Welt wacht in Italien nicht ein Kartellamt über die Legitimität von Zusammenschlüssen zwischen Banken. Vielmehr verblieb diese Vollmacht in den Händen der italienischen Zentralbank. Und Antonio Fazio, einst Gralshüter über Geldwertstabilität und Inflation, klammert sich nach der Euro-Einführung an diese letzte Machtbefugnis wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm.
Ein Masterplan aus dem Wachsfigurenkabinett
Dabei schrieb er sich ein Motto auf die Fahne, das direkt aus der Mottenkiste des nationalen Befreiungskampfes im Achtzehnten Jahrhundert stammt: „Italianità“ ist das Leitmotiv, das Fazio Anfang des Jahres den vereinten Bankiers der Halbinsel als Ziel vorstellte, „Italianità“ führte er immer wieder als Legitimationsgrund gegenüber Premier Berlusconi an, denn „Italianità“ will heißen: Erst sollen die italienischen Banken innerhalb der Landesgrenzen zu nationalen Champions heranwachsen, dann kann man über internationale Zusammenschlüsse reden. Unter italienischer Regie, versteht sich. Wie Unicredit gerade gegenüber der Münchner HypoVereinsbank vormacht.
Auch wenn dieses interventionistische Verständnis im Widerspruch zur unparteilichen Wächterrolle steht, der Bankitalia eigentlich verpflichtet sein sollte, ist dagegen wenig zu unternehmen, so lange es sich nur um die Förderung von Rahmenbedingungen handelt. Und nicht um ein tätliches Eingreifen in den Ablauf von Bieterverfahren im Rahmen von Übernahmeschlachten. Genau letzteres scheint nun jedoch eingetreten zu sein.
Interne Empfehlungen übergangen
Die Staatsanwälte machte vor allem stutzig, dass die internen Bankitalia-Kontrollinstanzen von einer Übernahmegenehmigung für die Banca Popolare Italiana (ehemalige Lodi) abrieten, weil sie eine unzureichende Eigenkapitalbasis vermuteten. BPI soll in aller Eile Beteiligungen nur zum Schein abgestoßen haben, um die relativ magere Bilanzsituation zu verbessern – unter der Zusage, sie später wieder zurückzukaufen.
Auch soll BPI die Genehmigungen zum Aufstocken der eigenen Aktienpakete nicht abgewartet haben, sondern kritische Anteilspakete bei befreundeten Unternehmern geparkt haben, diese Käufe finanziert haben, und dann zu erheblich höheren Preisen wieder übernommen haben. Die Leidtragenden: ABN Amro, die auf dem freien Markt nur noch Aktien zu völlig überteuerten Preisen bekamen. Und die ursprünglichen Anteilsverkäufer, die hinsichtlich des Verkaufswertes gefoppt wurden.
Da all dies bereits bei den Kontrollen von Bankitalia ans Licht kam, lehnten die zuständigen Sachbearbeiter eine Genehmigung der Übernahme ab. Begründung: BPI sei zu schwach, den Brocken zu schlucken, das neue Kreditinstitut BPI-Antonveneta von Geburt an gefährdet. Nun jedoch kam Antonio Fazio ins Spiel: Er bestellte Gutachten von externen Anwaltskanzleien ein, um die Genehmigung dennoch zu untermauern. Ein extrem unorthodoxes Verfahren, das jedoch sein Ziel nicht verfehlte. Sobald Fazio die nach seinen Wünschen angefertigten Empfehlungen vorliegen hatte unterschrieb er die Genehmigung. Und griff zum Hörer.
Allenthalben nur noch ein Ruf: Rücktritt!
Seitdem die telefonischen Abhörungen nun bekannt geworden sind befindet sich die italienische Politik in höchster Alarmbereitschaft. Jeder weiß: Fazio bekleidet sein Amt auf Lebenszeit, er ist politisch unantastbar, und daher jede strafrechtliche Verfolgung seiner Person umso fataler für die prestigeträchtige Institution, der er vorsitzt. Und trotz des Euro ist Italien nach wie vor stark abhängig vom internationalen Finanzparkett: Mit 108% des Bruttoinlandsproduktes bleibt das Land hoch verschuldet, jede Herabsetzung der Kreditwürdigkeit schlägt riesige Löcher in die Staatsfinanzen.
Nicht auszudenken, was in dieser Konstellation eine förmliche Anklage gegen den Zentralbankchef bewirken könnte. Immer lauter werden daher die an Fazio gerichteten Rufe: Im Sinne Italiens ist der Zeitpunkt für den Rücktritt nicht morgen. Er ist jetzt.