Am 22. Februar verstarb in Stille die vielleicht größte deutschsprachige Dichterin der Gegenwart, Hilde Domin. In ihren zeitlosen Zeilen spiegelt sich ein Lebensweg, der das 20. Jahrhundert aufs Intensivste widerspiegelt.
Die Verbundenheit mit Sprache zieht sich durch Hilde Domins Leben wie ein roter Faden. Über ihre Gedichte blieb die vom Nationalsozialismus verfolgte Jüdin stets mit ihrer Heimat verbunden, mit Hilfe ihrer Arbeit als Übersetzerin baute sie sich eine Brücke zu ihrem Leben im unfreiwilligen Exil. Demnach sind auch Heimat und Exil die zentralen Leitmotive ihrer Dichtung, aber auch ihres Lebens.
Domin selbst sprach von ihrem „Wohnsitz im deutschen Wort“, und meinte damit ihr ideelles Zuhause in der Sprache. Bis zuletzt, bis zu ihrem Tode im Alter von 96 Jahren, bereicherte Hilde Domin die deutsche Lyrik mit ihrer schnörkellosen, bildgewaltigen Poesie. Dabei verfasste „die Sprachhandwerkerin“ erst spät, im Alter von 42 Jahren, ihre ersten Zeilen.
Geburt einer Dichterin
Selbst ihr Mann Erwin Walter Palm verkannte die Geburtsstunde einer der bedeutendsten Lyrikerinnen des 21. Jahrhunderts. Denn als Hilde Domin ihn an einem Morgen im Jahre 1951 mit den Worten begrüßte „Ich habe ein Gedicht geschrieben“, erwiderte dieser bloß: „Du schreibst keine Gedichte“.
Auslöser für dieses plötzliche Bedürfnis zu Schreiben war der Schmerz über den unerwarteten Tod ihrer Mutter. Quasi über Nacht kam ihr die befreiende Möglichkeit in den Sinn, mit Gedichten ihr Innenleben nach Außen zu kehren: "Der Mensch hat verschiedene Möglichkeiten, sich zu befreien. Die einfachste ist ja, wenn man kann, das Gebet, dann gibt es die Couch des Psychiaters, und dann gibt es die Flucht in das Kreative."
Es dauerte weitere acht Jahre bis sie 1959 ihren ersten Gedichtband ‚Nur eine Rose als Stütze’ herausbrachte. Bei dieser Veröffentlichung überfiel eine der größte Dichterinnen des 21. Jahrhunderts allerdings ein sympathischer Anfall von Eitelkeit: Da Hilde Domin für die Öffentlichkeit nicht schon 50 sein wollte, gab sie als Geburtjahr 1912 an und machte sich selbst somit um drei Jahre jünger.
Ein bewegtes Leben
Geboren wurde Hilde Domin aber bereits am 24. Juli 1909 in Köln als Kind des jüdischen Rechtsanwalts Siegfried Löwenstein. Die Bewunderung für ihren Vater veranlasste sie als junge Frau, Jura zu studieren, später wechselte sie jedoch zu den Staatswissenschaften, der Soziologie und Philosophie.
Das kommende Grauen durch die Nationalsozialisten ahnend, verließ sie 1932 zusammen mit ihrem damaligen Lebensgefährten Erwin Walter Palm Deutschland und emigrierte nach Italien. Von dem Gerede über ihre wilde Ehe lies sich die selbstbewusste junge Frau nicht abhalten: "Man war unten durch, wenn man zu zweit lebte, aber das war uns damals schnuppe."
Nach Domins Promotion heirateten die beiden 1936 und flohen drei Jahre später, bei Kriegsbeginn, aus Italien nach England. Doch schon 1940 siedelten beide in die Dominikanische Republik über. 14 Jahre verbrachten Hilde Domin und ihr Mann in ihrem unfreiwilligen Exil in Santo Domingo. Während dieser Zeit arbeitete die Dichterin als Architekturfotografin und Übersetzerin und hier in Santo Domingo begann sie auch mit dem Schreiben von Gedichten.
In Anlehnung an diesen karibischen Zufluchtsort, der gleichzeitig auch ihre Geburtsstätte als Lyrikerin darstellte, legte sie sich den Künstlernamen Domin zu.
1954 kehrt das Ehepaar nach Deutschland zurück. Als ihrem Mann sieben Jahre später in Heidelberg eine Professur angeboten wird, ziehen beide in ihren zukünftigen Heimatort, wo Hilde Domin auch beigesetzt wurde. Nach ihrer Rückkehr setzte sie ihre dichterischen Leistungen fort und zeigte auch in ihren theoretischen Auseinandersetzungen mit Poesie und Lyrik wie ernst ihr das Thema ‚Sprache’ war. In ihrer Streitschrift ‚Wozu Lyrik heute’ (1968) verteidigte sie das Genre gegen laute kritische Stimmen, die deren Sinnhaftigkeit in Frage stellten.
Mit ihrer Gedichtsammlung ‚Doppelinterpretationen. Das zeitgenössische deutsche Gedicht zwischen Autor und Leser’ (1966) gelang es ihr, neue Wege in der methodischen Darstellungsform zu gehen: neben jedem Gedicht steht die Interpretation eines Autors und eines Kritikers. So machte sie deutlich, was schon der Untertitel der Anthologie verspricht: Zwischen jedem Gedicht steht Autor und Leser.
Leben verwandelt in Poesie
Ihr bewegtes Leben und ihre Lebenserfahrung verwandelt Hilde Domin in einfache Poesie, in der - wie die Schriftstellerin Ulla Hahn es ausdrückte - „das Gewicht des gelebten Lebens“ zu spüren sei.
Aus dem Schmerz um den Tod ihres Mannes Erwin Walter Palm im Jahre 1988 entsteht eines der schönsten und bewegendsten Abschiedsgedichte „Mein Herze“: „Mein Herze/ wir sind verreist/ nach verschiedenen Weltteilen.“ „Ich komme hinter dir her.“ Aber ihr Mann hält sie zurück: „Langsamer, sagst du wie immer/ ‚Sei langsam’“ und an diese Aufforderung hat sich die Verfasserin gehalten.
Noch im Alter von 90 Jahren veröffentlichte die mit zahlreichen Preisen und Doktorwürden ausgezeichnete Lyrikerin ihren letzten, viel geachteten Gedichtband ‚Der Baum blüht trotzdem’ und begeisterte ihr Publikum mir ihren bescheidenen und unprätentiösen öffentlichen Auftritten.
In einem ihrer Verse schrieb Hilde Domin einmal: „Ich gehe vorüber-/ aber ich lasse vielleicht/ den kleinen Ton meiner Stimme,/ mein Lachen und meine Tränen/ und auch den Gruß der Bäume im Abend/ auf einem Stückchen Papier. Mit ihren Gedichten, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, darunter sogar ins Chinesische, hat Hilde Domin der Welt sehr viel mehr hinterlassen.