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StartseiteKulturKunst & ModeMozart geniessen, Freud befragen - und um Klimt trauern

06.02.2006Mozart geniessen, Freud befragen - und um Klimt trauern

Im Salzfass gefangen

250 Jahre Mozart. 150 Jahre Sigmund Freud. Adele Bloch-Bauer muss gehen, und ein wieder gefundenes Salzfass: Österreich, eine Kulturnation im Ausnahmezustand. Zwischen Lachen und Weinen vergeht so manchem Österreicher die Lust zum Feiern.

Es hätte alles so schön werden können. Die Feierlichkeiten waren minutiös geplant, das Kulturbudget großzügig ausgefallen, der Veranstaltungskalender lückenlos gefüllt, und in der Alpenrepublik wartete man nur noch geduldig auf den Startschuss für die Feierlichkeiten: der 250ste Geburtstag des wohl größten musikalischen Genies aller Zeiten - Wolfgang Amadeus Mozart. Wie praktisch, dass Wolferl, wie ihn die Österreicher gerne nennen, neben seiner musikalischen Begabung vor allem eine nicht zu unterschätzende Eigenschaft hatte. Er war gebürtiger Salzburger und – zumindest für die offiziellen Vertreter der Republik unbestreitbar – Österreicher. Langer Rede kurzer Sinn, in Österreich, einem Land, in dem die politische Instrumentalisierung der Kultur seit jeher und traditionell bis zur allerhöchsten Perfektion betrieben wird, kann das nur eines bedeuten. Ein Jubeljahr muss her.                         

Mozart und die Trapps 

Dem offiziellen Gedenkjahr 2005 – 50 Jahre Wiedererlangung der österreichischen Souveränität, 50 Jahre Staatsvertrag, 60 Jahre Kriegsende – sollte nun das Kulturjahr 2006 folgen. Ein Mozartjahr. Aber weil in Österreich die Möglichkeit von der Gelegenheit nicht allzu weit entfernt ist, ist das Mozartjahr gleichzeitig das Freudjahr. Immerhin jährt sich Anfang Mai der 150ste Geburtstag Sigmund Freuds. Dass der Vater und Begründer der Psychoanalyse 1938 von den aufkommenden Nationalsozialisten ob seiner jüdischen Herkunft aus seiner Heimatstadt Wien vertrieben wurde und bis zu seinem Tod im Londoner Exil lebte, ist da nicht weiter hinderlich. Denn im Bergland der Mozartkugeln, Mozartpasteten, Mozartwürstchen, der Familie Trapp und des Sound of Music zählt vor allem eines: einmal Österreicher, immer Österreicher, daran kann selbst der Tod nichts ändern.  

Es hätte so schön werden können, das Jubeljahr 2006. Freilich, es kam ganz anders. Denn das Jahr der Wiederkehr entpuppt sich für die Österreicher auch als Jahr des Abschieds. Adele Bloch-Bauer muss gehen, so viel steht fest. Was bleibt, ist eine tiefe Lücke im kulturellen Selbstverständnis einer Nation, deren Ausdruck sich derzeit zwischen einem hitzig geführten, national-intellektuellen Kunstdiskurs und einer Staatsräson am Rande des Nulldefizits manifestiert. Nach einem sechsjährigen Rechtsstreit um die Klimt-Bilder „Adele Bloch-Bauer I“, „Adele Bloch-Bauer II“, „Der Apelbaum“, „Buchenwald“, „Häuser in Unterach am Attersee“ und „Amalie Zuckerkandl“ kam ein eigens eingerichtetes Schiedsgericht Anfang des Jahres zu der Auffassung, dass die bis dahin im Besitz der Republik Österreich befindlichen Kunstwerke an die Erben des ehemaligen Besitzers Ferdinand Bloch-Bauer zu restituieren sind.  

Verhandlung ohne Verhandlungen 

Was darauf folgte, ist eine Posse sondergleichen. Ausgestattet mit einer Kaufoption entbrannte in der Alpenrepublik eine Diskussion, ob und zu welchem Preis die Kunstwerke des Malers Gustav Klimt in Österreich gehalten werden sollten? Wer wem ein Angebot zu machen habe? Ob die Republik statt aller fünf Bilder nur die beiden Portraits von Adele Bloch-Bauer erwerben sollte? Ob ein kolportierter Preis von mehr als 250 Millionen Euro für alle fünf Kunstwerke tatsächlich realistisch sei? Wie weit private Sponsoren die anscheinend leere Staatskasse bei einem möglichen Ankauf auffüllen dürfen oder sollen? Ob anstatt alte Kunstwerke anzukaufen, nicht lieber junge Künstler unterstützt werden sollten?  

Der Knalleffekt kam Mitte vergangener Woche. In einer von der Opposition einberufenen Sondersitzung des Nationalrats verkündete ÖVP-Kultur- und Bildungsministerin Elisabeth Gehrer, dass sich die Republik leider außer Stande sehe, die notwendigen Mittel für den Ankauf der Gemälde aufzubringen. „Daher stehen die Bilder den Erben ab sofort zur Verfügung“, betonte die Ministerin. „Daher sind weitere Verhandlungen nicht zielführend“, ergänzte der österreichische Schweigekanzler Wolfgang Schüssel.

Wie eigenartig nur, dass der Anwalt von Bloch-Bauer-Erbin Maria Altmann, der Herr E. Randol Schoenberg, seinerseits verkündete, die Republik habe den Kauf abgelehnt, ohne mit Verhandlungen überhaupt begonnen zu haben. Wieder ein österreichisches Phänomen: der Totstell-Reflex. Aber Österreich ist ein geduldiges Land, und weil in dieser großen Kulturnation ein Misserfolg niemals ohne Erfolg präsentiert werden kann, freuten sich die Kulturpolitiker der Regierungsparteien in der einberufenen Sondersitzung eilig über einen solchen: die Rückkehr der Saliera.  

Eine betrunkene Geschichte 

„Ein bemerkenswertes Kunstwerk, aber diesmal sollten die Österreicher besser darauf aufpassen“, witzelte ein aus Deutschland stammender Besucher im Kunsthistorischen Museum (KHM) in Wien. Denn seit wenigen Tagen ist das berühmteste Salzfass der Welt wieder zu besichtigen. Drei Jahre lang war das nicht der Fall. Denn genau zu jener Zeit entwendeten böse Unbekannte, genauer gesagt die gut organisierte Ost-Mafia, wie es hieß, das vergoldete Salzfass des Renaissance-Künstlers Benvenuto Cellini. „Die Täter sind höchst professionell vorgegangen und wahrscheinlich steht das 50 Millionen Euro teure Kunstwerk bereits im Wohnzimmer eines reichen Sammlers und wird nie wieder auftauchen“, lautete noch vor kurzem die landläufige Meinung von selbsternannten Sicherheitsexperten und Kunstkennern. Selbst als der Direktor des KHM, Wilfried Seipel, Anfang dieses Jahres die ersten Fahndungsbilder eines unbekannten Verdächtigen sah, betonte er die gute Figur, den durchtrainierten Körper, die unbändige Wendigkeit und die latente Professionalität des Diebes. Doch in Wirklichkeit war wieder einmal alles anders. 

Robert Mang, 50 Jahre alt, Besitzer eines Alarmanlagengeschäftes in Wien, war vor drei Jahren nächtens auf einer Zechtour durch die Wiener Innenstadt unterwegs. Am KHM angelangt, erkannte der fachkundige Gelegenheitsdieb ein ungesichertes Baugerüst, bestieg selbiges, lugte durch die Fensterscheiben in die Räumlichkeiten der bedeutendsten österreichischen Kunstsammlung und staunte. Stark angeheitert kehrt er zu seinem Wagen zurück, holte ein Brecheisen, stieg in das Gebäude ein und packte das Salzfass in eine mitgebrachte Tasche. Der Bewegungsmelder in der Kunstsammlung löste Alarm aus. Das Sicherheitspersonal schaltet diesen wieder ab. Robert Mang fährt nach Hause, schläft seinen Rausch aus und versteckt das wertvolle Kunstwerk fast drei Jahre lang unter seinem Bett.  

Erst nach zahlreichen Lösegeldforderungen und laut Mang einem dreijährigen psychischen Ausnahmezustand kamen ihm die ermittelnden Beamten auf die Spur. Heute sitzt Mang in Untersuchungshaft, gilt in Österreich als Gentleman-Dieb und vertreibt sich seine Zeit mit dem Lesen von Liebesbriefen. Die schicken Verehrerinnen. Einen Rücktritt des selbstherrlichen Museumsfürsten Wilfried Seipel hat Kultur- und Bildungsministerin Gehrer stets ausgeschlossen. Ebenso wie ihren eigenen. Das KHM sei kein Selbstbedienungsladen, sagt Seipel, es ist ein Bollwerk. Immerhin befindet sich Österreich im Kulturjahr 2006.

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