Die Karikaturen einer dänischen Tageszeitung vertiefen den Graben zwischen dem Islam und dem Westen. Fast scheint es, als wollten die politischen Repräsentanten beider Seiten die Krise mit jedem neuen Statement verschärfen.
Gerade noch ist der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk einer Gefängnisstrafe wegen angeblicher Verunglimpfung des Türkentums entkommen, da kommen aus Ankara schon die nächsten für einige Europäer wohl befremdlichen Töne: In einem Gespräch mit dem französischen Außenminister Philippe Douste-Blazy soll der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan darüber philosophiert haben, dass die Pressefreiheit ihre Grenzen haben müsse, weil die Karikaturen in der dänischen Zeitung ‚Jyllands-Posten’ ein „Angriff auf unsere geistig-moralischen Werte“ gewesen seien.
Wenn der Ministerpräsident eines Landes, das den Beitritt in die Europäische Union ganz oben auf seiner politischen Agenda hat, die Pressefreiheit zu beschränken trachtet, wird schnell klar, dass der Riss zwischen dem Westen und dem Islam mittlerweile recht tief geworden ist. Naturgemäß tut sich gerade die Türkei schwer, da die richtige Balance zu finden und schlittert orientierungslos zwischen den geistig-moralischen Werten Europas und den geistig-moralischen Werten des Islam umher.
Viel bedauerlicher in dieser Debatte aber sind die verzichtbaren Appeasement-Appelle jener Politiker, die mit dem westlichen Wertesystem wohl eher vertraut sein müssten, als der türkische Ministerpräsident Erdogan. So ließ UN-Generalsekretär Kofi Annan, stets umwölkt vom mentalen Mehltau mäßiger Diplomatie, in einer Erklärung in New York verbreiten, dass „die Freiheit der Presse immer so ausgeübt werden sollte, dass auch der religiöse Glauben und die Grundsätze aller Religionen voll respektiert werden“.
Da irrt der vor jeder drohenden Krise mit sanfter Stimme kapitulierende UN-Verwalter mehr oder minder mächtig: Die Freiheit der Presse muss immer so ausgeübt werden, wie die Presse ihre Freiheit zu strapazieren gedenkt. Die geistig-moralischen Werte, auf denen die Pressefreiheit basiert, müssen strapazierfähig sein und inquisitorischen Tendenzen wie jene des nun in einigen muslimischen Ländern klug gesteuerten Aufbegehrens der Massen widerstehen.
Die Entschuldigungsorgien westlicher Politiker wegen einiger Karikaturen, die sich wegen ihrer bemitleidenswerten Mittelmäßigkeit selbst als Debattenthema disqualifizieren, sind daher völlig unangebracht. Das gilt auch für die buckeligen Entschuldigungsposen der österreichischen Außenministerin und derzeitigen EU-Ratsvorsitzenden Ursula Plassnik, die sich dafür aussprach, Äußerungen, die eine Religion in beleidigender Weise herabwürdigen, „deutlich zu verurteilen“. Erst derartige Distanzierungen geben den pöbelnden Massen zwischen Jakarta und Nablus eine Legitimation für den Sturm auf dänische Vertretungen oder den Boykott dänischer Produkte.
Über die Pressefreiheit und das Recht diverser europäischer Zeitungen, derartige Karikaturen abzudrucken, kann es also gar keine Debatte geben. Freilich: den Propheten Mohammed als Bombenleger darzustellen, lässt immerhin den Verdacht aufkeimen, dass der Künstler ähnlich wie die Terroristen des 11. September oder die Selbstmordattentäter von Amman und Sharm-el-Sheik tatsächlich daran glaubt, dass Terror eine muslimische Primärtugend sein kann und auf die Terror-Exekutoren im Paradies 72 Jungfrauen und andere Privilegien warten. Das zeugt aber höchstens von einer schlechten Informationslage im Zeichenstudio und der Abdruck des politisch brisanten Nonsens kann höchstens als unsensibel gelten. Legitim war er dennoch.
Wenn nun islamische Regierungen die Bestrafung der Chefredakteure der betroffenen europäischen Zeitungen fordern, so bleibt Europas Politikern nichts anderes übrig, als kompromisslos für die Pressefreiheit einzutreten und das auch bei allen Konsequenzen. Nicht immer nämlich hat man das in Europa getan: Erst im Jahr 2005 wurde der österreichische Karikaturist Gerhard Haderer in Griechenland zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er Jesus Christus verunglimpft haben soll. Und in Polen wurde der selten mit feiner Klinge arbeitende Verleger Jerzy Urban von der Staatsmacht verfolgt, weil er den (damals noch polnischen) Papst beleidigt haben soll.
Nur wenn Europas Politiker nun auch dem Islam klar machen, dass es unter keinen Umständen Zensur geben kann, können sie ihre demokratische Glaubwürdigkeit retten und wohl auch ein wenig zu einem etwas emanzipierteren Staatsverständnis der Muslime beitragen, die Zensur und Knebelung der Meinungsfreiheit aus ihren Regimes gewohnt sind und wie selbstverständlich davon ausgehen, europäische Regierungen könnten eine eben solche Macht über die Medien ihrer Länder ausüben.