Mit Giorgio Napolitano ist ein gemäßigter alter Herr und eine Symbolfigur der ehemaligen Kommunistischen Partei auf den höchsten Hügel Roms gewählt worden. Er muss den tiefen Riss zwischen den Lagern heilen – und die Linke zügeln.
Als Inbegriff des süditalienischen Gentleman gilt jener Mann, der diesen Montag das höchste politische Amt in Italien antrat: Giorgio Napolitano, historische Galionsfigur des alten Partito Comunista Italiano, hat es geschafft. Mit ganzen 81 Jahren ist er zum Nachfolger von Carlo Azeglio Ciampi und somit zum Präsidenten der italienischen Republik gewählt worden.
Ein Gentleman trägt rot
Für diese Betätigung bringt der stets topelegant gekleidete Neapolitaner nicht nur das geeignete Äußere mit. Zwar nannten ihn despektierliche Parteigenossen aufgrund seiner frappierenden Ähnlichkeit zum letzten italienischen Königs stets scherzhaft „Re Umberto“. Doch auch inhaltlich hat der Mann mit dem gepflegten Äußeren ein klares, über Jahrzehnte gereiftes Profil.
Er war es, der das dem Westen zugewandte Gesicht der italienischen Kommunisten stets ausmachte. Er bereiste als erstes Parteimitglied der KPI die USA, hielt dort an Ivy League Universitäten Vorlesungen, ließ den Draht zur europäischen Sozialdemokratie nicht abreißen, und forderte mit Vehemenz Ende der Achtziger angesichts der Trümmer der Berliner Mauer den politischen Neubeginn seiner Partei.
Gegen die Familientradition
Dabei ist Giorgio Napolitano eher der stille Typ. Von altehrwürdiger bürgerlicher Prägung, hatte der Widerstand gegen den Faschismus den jungen Anwaltssohn in die Nähe der neapolitanischen Kommunisten gerückt. Auch nach dem Krieg standen ideologische Motive eher im Hintergrund, vielmehr überzeugte ihn der rebellische Charme einer Partei, die es wie keine andere verstand, die junge gutbürgerliche Elite für ihre Ziele zu gewinnen.
Wie viele Intellektuelle seiner Generation zog es Napolitano in die Nähe einer KPI, die Künstler und Schriftsteller mit dem Versprechen eines alternativen Lebensstils lockte. Nichts lag Napolitano nach Abschluss seines Jura-Studiums ferner, als die väterliche Anwaltskanzlei zu übernehmen. Vielmehr hatte der junge Mann im lebendigen Neapel der Nachkriegsjahre bereits im Journalismus von sich reden gemacht. Demgemäß trat die KPI mit einem Angebot an ihn heran, die lokale Zweigstelle der kommunistischen Jugendorganisation aufzubauen und zu führen.
Seiner Zeit voraus
Von Anfang an engagierte sich Napolitano im rechten, den Sozialisten zugewandten Flügel der Partei. Dafür stand sein politisches Vorbild, Giovanni Amendola, ein. Im Gegensatz zu KPI-Generalsekretär Palmiro Togliatti versuchte dieser Flügel, sich von Moskau zu emanzipieren, und die Einheit mit den Sozialisten zu erreichen. Mit visionärem Gespür ahnte Amendola, dass Italiens Kommunisten eine sehr lange Durststrecke in der Opposition bevorstehen würde, wenn sie sich nicht mit Sinn für Realpolitik damit arrangierten, der westeuropäischen Familie sozialdemokratischer Parteien beizutreten.
Diese Sicht sollte sich als goldrichtig und als glasklare Analyse der innenpolitischen Ist-Situation Italiens herausstellen. Die dominierende Strömung der Partei, mit Togliatti an der Spitze, teilte sie jedoch nicht, und setzte auf einen anderen Kurs. Vom starken Wachstum an der Basis angefeuert, berauschte man sich an der stark wachsenden Mitgliederzahl, welche infolge des Industrialisierungs-Booms der Nachkriegsjahre anschwoll, und setzte weiterhin auf die so genannte „revolutionäre Karte“.
Immer nur Opposition
Infolge des bald zunehmenden Wohlstands aller Bevölkerungsschichten blieb die Revolution jedoch nicht viel mehr als eine utopische Drohkulisse, die eher zur Untermauerung von gewerkschaftlichen Maximalforderungen diente, als dass man sich ernsthaft umstürzlerische Gewalt vorstellte. Schließlich war man in den drei Jahren von 1945 bis 1948 an der Gründung und Verfassungsniederschrift der ‚Ersten Republik’ maßgeblich beteiligt gewesen, und verstand sich als Bestandteil jenes ‚Verfassungsbogens’, der den Faschismus aktiv bekämpft hatte.
Als sich dann mit dem Sturz der Berliner Mauer und nach vierzig Jahren Opposition die herrschende Denkweise in der Partei schlagartig wandelte, war keiner besser geeignet den Wechsel voranzutreiben, als Giorgio Napolitano. Obwohl er Achille Occhetto in einer Kampfabstimmung um den Posten des Generalsekretärs knapp unterlag, gewann er durch seine sich als richtig herausstellenden Positionen immer mehr Ansehen, und wurde letztlich immer wieder für die prestigeträchtigsten Posten ausgewählt.
An der Spitze der Institutionen
So nahm er 1992 die Funktion des Vorsitzenden der Abgeordnetenkammer ein. Hier zeigte er erstmals vor einer breiten Öffentlichkeit sein Können als Moderator und Integrator: In der Tat waren dies die schwierigsten Jahre der italienischen Nachkriegsdemokratie. Die gesamte christdemokratische Riege wurde von Richtern entmachtet, weil sie sich als bestechlich entlarvte, und eine umfassende Wahlrechtsreform sorgte dafür, dass sich abwechselnde Mehrheiten möglich wurden.
Dies geschah dann 1994, als unter Silvio Berlusconi auch die Postfaschisten der ‚Allianza Nazionale’ erstmals Regierungsverantwortung übernahmen, und 1996, als es Romano Prodi das erste Mal gelang, sich Berlusconi erfolgreich in den Weg zu stellen. Eine Schlüsselpersönlichkeit der ersten Prodi-Regierung war wiederum Giorgio Napolitano, der das Amt des Innenministers bekleiden sollte: Abermals das erste Mal für einen Postkommunisten.
Seither führte Napolitano alles andere als das Dasein eines Polit-Rentners. Zum Vorsitzenden einer unabhängigen Kommission ernannte ihn selbst Christdemokrat Pier Ferdinando Casini, einer der engsten Verbündeten Berlusconis. Da erstaunte es wiederum nicht, dass Napolitanos Kandidatur zum Staatspräsidenten erstmals tiefe Risse bei Mitte-Rechts zutage förderte.
Nicht nur Casini, sondern auch Postfaschist Gianfranco Fini von der rechtsnationalen ‚Allianza Nazionale’ wäre bereit gewesen, Napolitano zu wählen. Silvio Berlusconi verhinderte dies zwar, indem er die beiden Gefolgsleute zur Ordnung rief. Dem überparteilichen Ansehen des Mannes aus Neapel tut das jedoch keinen Abbruch.