Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist der direkten Qualifikation zur WM 2010 in Südafrika einen weiteren Schritt näher gekommen. Das Team von Bundestrainer Jogi Löw siegte am gestrigen Mittwochabend glanzlos mit 2:0 in Wales und bleibt dadurch weiterhin Spitzenreiter der Qualifikationsgruppe 4. Für einen Eklat sorgte Lukas Podolski, der sich eine handfeste Auseinandersetzung mit Kapitän Michael Ballack lieferte.
Es war die 73. Minute. Eigentlich war alles gelaufen, die DFB-Auswahl führte souverän mit 2:0 und der Gegner machte nicht den Eindruck, als würde er der drohenden Niederlage noch etwas entgegensetzen wollen - von entgegensetzen können ganz zu schweigen. Der alte, erfahrene Kapitän Michael Ballack (32) gibt dem jungen Lukas Podolski (23, aber mit 62 Länderspielen auch nicht unerfahren) lautstark taktische Anweisungen. Um die Laufwege sei es gegangen, erklärte Ballack hinterher. Dass auf einem Fußballplatz auch innerhalb einer Mannschaft geschimpft wird ist nichts Ungewöhnliches, erst recht nicht, wenn der Leitwolf das Wort ergreift.
Ungewöhnlich dagegen der weitere Verlauf der Dinge. Podolski widerspricht Ballack, schimpft zurück. Ballack will Podolski wegschieben - und der reagiert mit einer Ohrfeige. Per Mertesacker und Philipp Lahm gehen dazwischen, verhindern eine Eskalation. Die Reaktionen nach dem Spiel fallen unterschiedlich aus: Während Lukas Podolski die Sache für "abgehakt" erklärte, den Vorfall nicht dramatisieren ("sowas passiert halt auf dem Platz") und die Sache intern klären wollte, war Ballacks Sichtweise eine gänzlich andere.
"Er ist ein junger Spieler und hat noch viel zu lernen. Ich hatte ihm da etwas zu sagen und er war damit nicht einverstanden. Es ging um eine taktische Sache. Das hat er einzusehen und darf nicht handgreiflich werden", so der Mittelfeldspieler vom FC Chelsea nach dem Spiel. Rückendeckung bekam der Kapitän von seinem Trainer und von Teammanager Oliver Bierhoff. Für Jogi Löw stellte der Vorfall zwar "kein größeres Problem dar", er werde aber mit beiden reden müssen. Der Bundestrainer stellte aber auch klar: "Wenn er (Ballack) als Kapitän meine taktischen Vorgaben auf dem Platz durchsetzen will, hat Lukas das zu akzeptieren."
Ähnlich sah es auch Bierhoff: "Wenn der Kapitän was sagt, darf man nicht so reagieren. Anschnauzen ja, handgreiflich werden nein. Wir werden die Sache in Ruhe diskutieren. An Konsequenzen glaube ich nicht." Ob Konsequenzen wirklich ausbleiben darf abgewartet werden. Intern wird sich Lukas Podolski aber mit Sicherheit noch den ein oder anderen Rüffel einfangen. Auch wenn es in der Vergangenheit auch zwischen Ballack und Löw/Bierhoff diverse Unstimmigkeiten gegeben hat, sie werden die Autorität ihres Kapitäns nicht in Frage stellen. Schon alleine deshalb werden sie deutliche Worte in Richtung Podolski wählen müssen.
Fußball gespielt wurde im mit 26.064 Zuschauern nur spärlich gefüllten Millennium Stadium in Cardif übrigens auch noch, wenngleich es keine großartige sportliche Darbietung war, die die beiden Mannschaften den Fans boten. Deutschland begann erneut mit dem zuletzt heftig kritisierten Mario Gomez im Sturm. Der Stuttgarter war die einzige Spitze, dahinter bot Löw mit Podolski, Ballack und Schweinsteiger drei offensive und mit Hitzlsperger und Rolfes zwei defensive Mittelfeldspieler auf. Löw rückte also von seinem 4-4-2-System ab und stellte wie schon während der EM im vergangenen Jahr auf ein 4-2-3-1 um. Immerhin wurden mit dieser Taktik auch schon die hoch eingeschätzten Portugiesen im Viertelfinale der EM glanzvoll bezwungen.
In der ersten Viertelstunde dominierten die Deutschen, verschafften sich sofort Feldvorteile, ohne zunächst zwingend vor dem Tor der Waliser aufzutauchen. Die Gastgeber standen zunächst tief und ließen der DFB-Elf keine Lücken im Angriffszentrum. In der 11. Minute fasste sich dann Ballack nach einem (unberechtigten) Podolski-Einwurf ein Herz. Torwart Wayne Hennessey, der ansonsten eine gute Partie ablieferte und einige Male glänzend parierte, stand etwas zu weit vor seinem Tor und Ballack hielt aus mehr als 30 Metern einfach drauf. Der Ball stieg hoch und senkte sich zielgenau hinter dem Schlussmann der Waliser, eher er mit 108 Stundenkilometern im Netz einschlug. Wie schon gegen Liechtenstein war die deutsche Mannschaft früh in Führung gegangen. Und wie schon gegen Liechtenstein stellte sie das Fußballspielen mit dieser Führung im Rücken weitgehend ein.
Deutschland kontrollierte das Geschehen zwar noch überwiegend, im Mittelfeld begnügte man sich allerdings allzu häufig mit den von Löw so verabscheuten Querpässen. Das öffnende Zuspiel in die Spitze fehlte und auch über die Außen konnten sich die Mittelfeldspieler Podolski und Schweinsteiger, sowie die Außenverteidiger Lahm und Beck nur selten gewinnbringend in Szene setzen. Auf der anderen Seite aber wurden die Gastgeber plötzlich gefährlich: In der 21. Minute verteidigte Torhüter Robert Enke die Führung in letzter Sekunde erfolgreich gegen Robert Earnshow. Sechs Minuten später war es wieder der Stürmer von Nottingham Forest, der in den Strafraum eindrang - und plötzlich lag Serdar Tasci vor ihm.
Der Stuttgarter Innenverteidiger hatte sich eigentlich gar nicht vor Earnshow niederlegen wollen, wie so vieles, was der 21-jährige an diesem Abend tat wohl (hoffentlich) nicht seiner Intention entsprach. Er war auf dem Weg in den Zweikampf ausgerutscht, Earnshow stolperte über ihn, kam zu Fall und Terje Hauge, seines Zeichens Schiedsrichter aus Norwegen - ließ souverän weiterspielen. Zum Glück für die deutsche Mannschaft, denn über einen Elfmeter hätte sie sich wirklich nicht beschweren können. So ging es mit einer knappen Führung in die Kabine, in der Jogi Löw offenbar deutliche Worte gefunden hat, so jedenfalls erklärte sein Assistenz Hansi Flick am Ende der Halbzeitpause, dass Löw nicht damit einverstanden gewesen sei, "dass die Mannschaft nicht nachgelegt und sich nach zehn Minuten auf dem Vorsprung ausgeruht hat."
Um die bereits angesprochene Parallele zum Liechtenstein-Spiel zu vollenden: Wie schon gegen Liechtenstein traf die deutsche Mannschaft zu Beginn der ersten und auch zu Beginn der zweiten Halbzeit. Dass es gegen Liechtenstein jeweils zwei Tore und gegen Wales jeweils nur ein Tor war, mag dem Qualitätsunterschied zwischen den Gegnern geschuldet sein. Mario Gomez jedenfalls hatte sich in der 48. Spielminute an der rechten Torauslinie in hervorragender kämpferischer Manier den Ball erobert und diesen dann auch zugleich in die Mitte vors Tor geschlagen, wo er ganz präzise bei Ashley Williams landete, der nur einen einzigen Waliser hinter sich hatte und ansonsten völlig unbedrängt vor dem Tor stand.
Williams tat das aus deutscher Sicht einzig richtige, er hielt den Fuß hin und schob lässig zur Vorentscheidung ein. Die Freude des Vorlagengebers war allerdings deutlich größer als die des Vollstreckers, Letzterer ist nämlich walisischer Staatsbürger und erzielte somit ein von der Entstehung her vollkommen unsinniges Eigentor. Mario Gomez aber hatte somit zwar wieder kein Tor erzielt, aber eine, wenn auch in ihrer Art und Weise eher ungewollte, Vorlage gegeben. Die Erleichterung war dem Stuttgarter Stürmer ebenso anzusehen wie nach den Anfeuerungen der rund 1.500 mitgereisten deutschen Fans in der ersten Halbzeit. Am Samstag gegen Liechtenstein war er vom Publikum in Leipzig ob seiner Darbietungen vor dem gegnerischen Tor noch gnadenlos ausgepfiffen worden.
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Nach dem zweiten Treffer war die Partie gelaufen und es hätte wohl nur noch wenig berichtenswertes gegeben, wenn da nicht der Disput zwischen Podolski und Ballack gewesen wäre. Letztlich kann festgehalten werden, dass die deutsche Mannschaft die Gruppe 4 weiterhin vor Russland anführt. Die Russen siegten am Mittwochabend leicht und locker mit 1:0 in Liechtenstein und sind damit weiterhin der ärgste Verfolger der Deutschen, die 4 Punkte Vorsprung und eine absolvierte Partie mehr auf dem Konto haben. Spielerische Glanzlichter waren von der deutschen Mannschaft sowohl am Mittwoch, als auch beim samstäglichen 4:0 gegen Liechtenstein nicht zu sehen, die sechs Punkte wurden aber auch mit Minimalaufwand ungefährdet eingefahren. Ein gutes Pferd springt eben nicht höher als es muss.