Die US-Präsidentschaftsanwärter Barack Obama und John McCain wollen bei einem Wahlsieg beide das US-Finanzsystem reformieren, damit es weniger anfällig für Krisen wird, wie sie viele amerikanische Banken zurzeit durchstehen müssen. Die Kandidaten jedoch profitierten bislang von den Geldspritzen der Wall Street. Investoren überwiesen den beiden seit Beginn des Wahlkampfes über 114 Millionen Dollar. Größtenteils stand der Finanzmarkt dabei in diesem Jahr auf der demokratischen Seite.
„Ich glaube, wir müssen schnell handeln, denn ich vermute, dass das schwindende Vertrauen in die Kreditmärkte, in die Finanzmärkte nicht sofort zurückkehren wird", so der demokratische Kandidat Obama. Die Wirtschaftsberaterin des republikanischen Kandidaten McCain, Carly Fiorina, hatte Reuters am Montag in einem Telefoninterview ebenfalls gesagt, die Reformen würden innerhalb der ersten 100 Tage seiner Präsidentschaft angegangen werden.
Die amerikanische Traditionsbank Lehmann Brothers hatte sich in der Nacht zum Montag nach mehreren vergeblichen Rettungsversuchen für zahlungsunfähig erklärt und in der Folge Gläubigerschutz beantragt. Beide Präsidentschaftskandidaten hatten sich gegen eine Rettung durch Steuergelder ausgesprochen. Parallel dazu war bekannt geworden, dass die Bank of America Merrill Lynch kauft, und dass auch der Versicherer American International Group Probleme hat.
Doch es gab auch ganz andere Zeiten. So hatte Obamas Partei bis Ende Juni 52 Prozent aller Spenden der Finanz- und Immobilienbranche ergattern können. Besonders spendabel war dabei die kürzlich pleite gegangene Investmentbank Lehman Brothers. Den Demokraten hatte die Bank doppelt so viel Geld gespendet wie den Republikanern. Dabei war die Mehrheit der Investoren in diesem Jahr „demokratisch veranlagt", lediglich Merill Lynch hatte die Republikaner bevorzugt.
Nicht nur, dass die beiden Kandidaten mit den gescheiterten Finanzmärkten ein neues, sehr sensibles Thema für den Wahlkampf haben - nein, es gibt auch konkrete Schuldzuweisungen. Da in den vergangenen acht Jahren die Republikaner an der Macht waren, scheint quasi offensichtlich, wer für den Status quo verantwortlich ist. Obama verweist auf McCain und seine Partei, die durch ihre Deregulierungspolitik den Marktkräften freien Lauf ins Verderben gelassen hätten.
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Der republikanische Kandidat kann diesen Vorwurf nicht von sich weisen. McCains heutiger Wirtschaftsberater Phil Gramm war schon Ende der 90er als Senator einer der Autoren des Gesetztes, das die Geschäftsmethoden möglich machte, die vielen Kritikern zufolge für das aktuelle Schlamassel verantwortlich sind. Jedoch wurde das Gesetzt auch noch einmal 1999 abgesegnet - vom demokratischen Präsidenten Bill Clinton. Da sich McCain von seinem ökonomischen Grundüberzeugungen trotzdem nicht ganz rein waschen kann, schiebt er jetzt den habgierigen, skrupellosen Investoren die Schuld zu.