Der VfL Wolfsburg hat dem FC Bayern München die Generalprobe für das Gastspiel in der Champions League am kommenden Mittwoch beim FC Barcelona gründlich versaut und ist neuer Spitzenreiter. In München dagegen schwindet die Hoffnung auf die Titelverteidigung - und Trainer Jürgen Klinsmann droht Konsequenzen an.
Am Ende wurde der große FC Bayern München vom ehemals kleinen VfL Wolfsburg vorgeführt. Es war die 77. Minute, als Wolfsburgs Toptorjäger Grafite mit dem Ball in den Strafraum des Rekordmeisters eindrang, nach und nach dessen halbe Mannschaft inklusive Torwart Michael Rensing austanzte und den Ball dann mit der Hacke in Richtung Tor schob. Zwischen Grafite und dem Tor standen zwar noch zwei weitere Münchner, diese wurden allerdings auf dem falschen Fuß erwischt. Ottls Rettungsversuch wirkte nur noch komisch, der Ball kullerte mit gefühlten fünf Kilometern pro Stunde ins Netz. Ein Tor, das ein ganz heißer Kandidat für das Tor des Jahres ist. Ein Tor, das aber auch das Ausmaß der Bayern-Niederlage am Samstag deutlich macht.
Dabei begannen die Bayern gar nicht mal so schlecht. In einer hart umkämpften Anfangsphase, die kaum ansehnlichen Fußball oder gar Torchancen zuließ, konnte die Elf von Trainer Klinsmann sich immerhin eine leichte optische Überlegenheit erspielen. Und in der 16. Minute hätte Luca Toni es sogar fast geschafft, seine Mannschaft in Führung zu bringen: In einer fast aussichtslosen Situation erwischte er den Ball im Rückwärtsfallen und zog ihn irgendwie in Richtung Tor. Dieser etwas merkwürdige, aber durchaus interessant anzusehende Versuch war jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Ebenso erging es auf der anderen Seite Edin Dzeko, sein Schuss aus 15 Metern wurde von Philipp Lahm abgewehrt.
So lief das Spiel vor sich hin, immer wieder wurde es auf Grund von kleineren Fouls unterbrochen und als sich eigentlich schon alles auf die Halbzeitpause eingestellt hatte segelte noch einmal eine Ecke von Zvjezdan Misimovic in den Strafraum der Bayern und Christian Gentner nutzte die Gelegenheit, vier Meter vor dem Tor ungedeckt einköpfen zu können. Doch noch die Führung für den VfL. Dazu auch noch zu einem psychologisch sehr (un)günstigen Zeitpunkt, direkt vor der Pause. Direkt vor der Pause? Naja. Es war zwar die 44. Minute, aber wie allgemein bekannt dauert eine Halbzeit ja doch noch um einiges länger. Jedenfalls so viel länger, dass der FC Bayern noch einmal zurückschlagen konnte.
Im direkten Gegenangriff nämlich gab es auf der rechten Seite einen Freistoß, diesen trat Bastian Schweinsteiger in den Strafraum, am langen Pfosten wartete Luca Toni, der Italiener köpfte, scheiterte aber an Wolfsburgs Torhüger Diego Benaglio, kam allerdigs zum Nachschuss, den der Argentinier ebenfalls abwehren konnte - dieses Mal allerdings erst hinter der Linie. So sah es zumindest Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer, die Wolfsburger hatten naturgemäß eine andere Meinung, was allerdings nichts an der Entscheidung des Unparteiischen änderte und auch nicht daran, dass er Recht hatte. Der Ball hatte die Linie eindeutig überschritten, korrektes Tor. Die Bayern hatten den Wolfsburgern gezeigt, dass es neben den sehr (un)günstigen Zeitpunkten auch noch viel (un)günstigere gibt.
Die zweite Halbzeit ähnelte zunächst der ersten, es war kein großartiges Spiel, die Bayern behielten ihre optische Überlegenheit, die Wolfsburger ließen hinten aber kaum etwas zu und so blieb es beim gemächlichen 1:1 und niemand konnte ahnen, was an diesem Nachmittag noch Großes vollbracht werden würde in der Volkswagen Arena. All dies nahm in der 63. Spielminute seinen Lauf. Gentner setzte auf der linken Seite Marcel Schäfer ein, der spielte ihn weiter vor das Tor der Gäste, dort wurde er bereits von Edin Dzeko erwartet, welcher ihn mühelos im Netz unterbrachte. 2:1 für Wolfsburg. Anzumerken noch, dass das Tor aus einer leichten, aber schwer erkennbaren Abseitsstellung heraus gefallen war.
Nur wenige Minuten später: Der angeschlagene Innenverteidiger Lucio humpelte, statt sich auswechseln zu lassen, noch einmal nach vorne, um seine Mannschaftskollegen dabei zu unterstützen, nach einem Eckball zum Torerfolg zu kommen. Dieser Versuch allerdings misslang, Torwart Benaglio leitete einen schnellen Konter ein, es folgte ein Doppelpass zwischen Dzeko und Misimovic und Dzeko schloss den Angriff schließlich mit einem Schuss ab, bei dem es für Rensing nichts zu halten gab. Innerhalb weniger Minuten hatten die Wolfsburger die Partie an sich gerissen. Aber sie machten weiter, ließen den Bayern nun keine Chance mehr, nochmal zurück ins Spiel zu kommen. Was folgte war: Grafite.
Zunächst relativ unspektakulär in der 74 Minute: Von Gentner eingesetzt drehte er sich herrlich mit dem Ball um Breno herum und ließ Rensing aus neun Metern per Linksschuss keine Chance. Im 17. Einsatz in dieser Saison sein 19. Treffer, mit dem er die alleinige Führung in der Torjägerliste übernahm. Und damit war ja noch lange nicht Schluss, der Brasilianer krönte die bisherige Rückrunde des VfL Wolfsburg und auch seine eigene sensationelle Saison mit seinem Galaauftritt in der 77. Minute. Und er demütigte den FC Bayern.
Eine absichtliche Demütigung wurde nach dem Spiel Wolfsburgs Trainer Felix Magath unterstellt. Dieser hatte sich nämlich den Spaß gemacht, in der 89. Minute den Torwart auszuwechseln. Benaglio ging, Lenz kam. Ohne, dass eine Verletzung im Spiel gewesen wäre. Besonders Bayern-Kapitän Marc van Bommel regte sich über diese Auswechslung auf ("respektlos"), sah sich und seine Mannschaft offensichtlich bewusst der Lächerlichkeit preisgegeben. Magath, zweimaliger Doublegewinner mit den Bayern, gab dagegen an, Lenz die letzten Minuten als Dank spielen lassen zu haben, weil der Ersatztorwart seine Rolle zuverlässig und ohne zu lamentieren ausfüllt.
Direkt nach der Partie feierten die Wolfsburger ihren beeindruckenden Sieg und die Tabellenführung, während die Gästespieler wortlos davon schlichen. Selbst Manager Uli Hoeneß war kein Kommentar zu entlocken (Selbstschutz, wie vermutet wird), lediglich Klinsmann analysierte auf der Pressekonferenz: "Wir sind bedient. Wir haben eine sehr gute erste Halbzeit gespielt. Danach haben wir zu viele Fehler in der Rückwärtsbewegung gemacht. Das ist fatal. Das ist schlecht", so der Trainer, der am nächsten Tag an der Säbener Straße nachlegte.
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"Ich habe immer den Kopf hingehalten, wenn ein Spiel verloren wurde. Jeder Spieler muss Verantwortung tragen und den Kopf hinhalten", forderte Klinsmann und kündigte Konsequenzen an. Man werde am Saisonende sehen, wer seine Arbeit gut und wer seine Arbeit weniger gut gemacht habe und dann entscheiden, wie es weitergehen wird. Das waren deutlichere Worte als am Tag zuvor, als er in Wolfsburg noch seine in dieser Saison oft gehörten Phrasen benutzte. Zum Beispiel als er der verblüfften Reporterschar erklärte, dass man sich das Spiel "anders vorgestellt" habe. Am Sonntag wurde Klinsmann grundsätzlicher und nahm seine Spieler in die Pflicht. Nach Saisonende soll also schonungslos aussortiert werden. Bleibt nur die Frage, zu welcher Gruppe Klinsmann gehören wird: Zu der, die aussortiert - oder zu der, die aussortiert wird.