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FC Bayern München: Jupp Heynckes kehrt zu alter Liebe zurück

28.04.2009KLINSMANN UNTER SCHOCK

FC Bayern München: Jupp Heynckes frönt einer alten Liebe

Jürgen Klinsmann ist als Trainer des FC Bayern München nach nicht einmal einer Saison entlassen worden. Das gab der Verein am gestrigen Montag bekannt. Sein Nachfolger für den Rest der laufenden Spielzeit ist ein alter Bekannter: Jupp Heynckes.

Als die Verantwortlichen des FC Bayern gestern um 14 Uhr zur Pressekonferenz erschienen war es längst durchgesickert: Jürgen Klinsmanns Zeit als Trainer des Rekordmeisters ist vorbei. Nicht einmal zehn Monate hat sie gedauert. "Durch die Ergebnisse der letzten Wochen, 1:5 Wolfsburg, 0:4 Barcelona, 0:1 Schalke haben wir große Sorgen. Wir haben uns diesen Schritt nicht einfach gemacht, weil wir rational mit der Situation umgehen wollten. Es ist jetzt aber einfach ein Moment entstanden, an dem wir glaubten, die psychologische Barriere beiseite räumen zu müssen, um die sportlichen Ziele zu erreichen", erklärte Vorstandsvositzender Karl-Heinz Rummenigge die Entscheidung.

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Die sportlichen Ziele haben sich mittlerweile für die laufende Saison auf ein einziges reduziert: Den Gewinn der deutschen Meisterschaft. Dies zu erreichen hat Jürgen Klinsmann an der Säbener Straße offenbar niemand mehr zugetraut, weshalb sich die Verantwortlichen zum Handeln gezwungen sahen. "Wir haben bislang immer die Entscheidung getroffen, weiterzumachen, dem Jürgen alle Unterstützung zu geben. Irgendwann kam der Punkt, eine Entscheidung zu treffen", so Uli Hoeneß auf der Pressekonferenz. Die Entscheidung kam wohl nur für einen überraschend: Für den Gefeuerten selbst.

"Er war schon überrascht und dachte, dass wir das doch noch aufschieben würden", gab Hoeneß weiter bekannt. Überraschender als die Tatsache der Entlassung an sich ist aber wohl vor allem der Zeitpunkt gewesen. Die Mannschaft hat am vergangenen Samstag mit 0:1 gegen Schalke verloren - verglichen mit anderen Ergebnissen war das noch relativ harmlos. 1:5 in Wolfsburg, 0:4 in Barcelona, 2:5 in Leverkusen, nach den wirklich derben Klatschen durfte Klinsmann zunächst weitermachen. Dennoch sind es jetzt wohl auch und vor allem die Eindrücke aus diesen Spielen, die dafür gesorgt haben, dass sich die Bosse des FC Bayern nun gezwungen sagen, die Reißleine zu ziehen.

Gleichzeitig mit der Entlassung Klinsmanns wurde auch dessen Nachfolger bekannt gegeben. Ein alter Bekannter kehrt an die Säbener Straße zurück: Jupp Heynckes. "Für uns war klar: Wir brauchen eine überzeugende Lösung. Einen Mann mit Erfahrung als Trainer, der etwas vorzuweisen hat und die Fähigkeit, in einer unruhigen Situation die Dinge in die richtige Richtung zu lenken. Jupp Heynckes und Hermann Gerland kennen sich sehr gut, sind miteinander befreundet," erläuterte Rummenigge die Entscheidung für den 63-jährigen, der bereits zwischen 1987 und 1991 als Bayern-Trainer fungierte. Uli Hoeneß betonte den Übergangscharakter dieser Lösung. Es sei ganz klar, so der Manager, "dass diese Lösung nur fünf Spiele dauert."

Zufall sei es gewesen, so Rummenigge, dass Heynckes bereits am Samstag bei der Bayern-Niederlage gegen Schalke in der Allianz Arena anwesend war. Heynckes habe lediglich Hoeneß am Tegernsee besucht. Am darauffolgenden Sonntag seien von Rummenigge, Hoeneß, Karl Hopfner und Christian Nerlinger viele Namen "rauf und runter" diskutiert worden, am Ende entschied man sich, Jupp Heynckes anzurufen. Dieser war gerade mit dem Flugzeug von München kommend in Düsseldorf gelandet, als die Bayern ihn erreichten.

Über den weiteren verlauf der Dinge gibt es zwei Versionen. Im Interview mit der 'Süddeutschen Zeitung' erzählt Heynckes die Geschichte so: "Ich habe schon etwas nachgedacht und mich mit meiner Frau beraten", diese habe ihn dann letztlich bestärkt, "das ruhig zu machen", so der gebürtige Mönchengladbacher. "Montagmorgen habe ich dann mit Karl Hopfner gesprochen und zugesagt." In Karl-Heinz Rummenigges Geschichte ging dagegen alles sehr viel schneller: "Als wir Jupp die Frage gestellt haben, ob er dazu bereit ist, den FC Bayern für nur vier Wochen zu unterstützen, war er sofort bereit. Er hat fünf Minuten überlegt, mit seiner Frau gesprochen und dann gleich zurückgerufen. Über Geld haben wir noch gar nicht gesprochen, er war sofort bereit."

Die Sache mit dem Geld bestätigt Heynckes allerdings: "Die Bayern kennen mich, ich kenne sie - über Gehalt und solche Dinge müssen wir überhaupt nicht reden." Kennen tun sich Heynckes und die Bayern vor allem aus seiner ersten Amtszeit in München. 1987 begann der 39-fache Nationalspieler seine Arbeit beim Rekordmeister und führte den Verein zu zwei Meistertiteln in den Jahren 1989 und 1990, sowie zu zwei Vizemeisterschaften 1988 und 1991. Im Oktober 1991 folgte die Entlassung. Der FC Bayern stand nach zwölf Spieltagen auf dem 12. Platz in der Tabelle und hatte gerade mit 1:4 gegen die Stuttgarter Kickers verloren. Auf Heynckes folgte Søren Lerby, genutzt hat der Wechsel am Ende nichts, auch Lerby wurde später entlassen und die Mannschaft beendete die Saison unter Erich Ribbeck auf Rang 10 und dem zweitschlechtesten Ergebnis der Vereinsgeschichte.

Heynckes' Demission bedauert Uli Hoeneß noch heute und bezeichnet die damalige Entscheidung als den größten Fehler seiner Karriere. Hoeneß erzählt vom Abschied von 18 Jahren, dass die beiden sich in den Armen gelegen haben "und geheult wie die Schlosshunde." Mehrmals hat der Manager seitdem versucht, den Trainer, den er auch als Freund schätzen gelernt hat, zurückzuholen. Vergeblich. Jetzt hat es immerhin noch einmal geklappt, wenn auch nur für fünf Spiele.

Nach seiner Zeit in München hat Heynckes in der Bundesliga keine großen Erfolge mehr feiern können. In der Saison 1994/95 scheiterte er bei dem Versuch, die "launische Diva" Eintracht Frankfurt endlich zum Meistertitel zu führen. Mehr noch als der enttäuschende dritte Platz ist allerdings sein Konflikt mit den drei damaligen Stars der Mannschaft in Erinnerung geblieben. Nachdem Heynckes Anthony Yeboah, Jay-Jay Okocha und Maurizio Gaudino wegen "schlechten Trainings" zu einem Waldlauf verdonnert hatte, erschienen alle drei nicht zum Spiel am Tag später gegen den Hamburger SV. Für Yeboah und Gaudino war es die letzte Episode ihrer Geschichte bei der Eintracht. Und für die Fußballwelt ein Symbol für die Probleme der Eintracht, die auch Jupp Heynckes nicht hatte lösen können.

Zuletzt war Heynckes für Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach tätig, konnte aber in beiden Vereinen ebenfalls nicht viel erreichen. Besonders bitter war für ihn die Endphase seines Engagements in Mönchengladbach, hatte er doch als Spieler alle seine Erfolge bei der Borussia in seiner Geburtsstadt gefeiert. Letztendlich gab er auf, nachdem Fans ihm Morddrohungen geschickt hatten und die Polizei für seine Sicherheit sorgen musste. Deutlich erfolgreicher verlief dagegen seine Karriere im Ausland.

Zwei Mal Athletic Bilbao, CD Teneriffa, Benfica Lissabon und als Höhepunkt Real Madrid waren Heynckes' Stationen in Spanien und Portugal. Zwar dauerte seine Amtszeit bei den "Königlichen" in der spanischen Hauptstadt nur eine Saison und in der Liga hatte seine Mannschaft nur einen enttäuschenden vierten Platz belegt. Dennoch gelang es ihm, mit Real die Champions League zu gewinnen und damit seinen größten Triumph auf internationaler Ebene zu feiern.

Die Champions League möchte der FC Bayern in dieser Saison auch wieder erreichen, wobei der Weg über Platz 2 oder gar den Qualifikationsplatz 3 nicht der angestrebte ist. Die Zielsetzung ist klar formuliert: Die Meisterschaft. Alles andere genügt den Ansprüchen der Fans und Verantwortlichen an der Säbener Straße nicht. Die Bayern müssen sich aber dessen bewusst sein, dass selbst der beste Trainer der Welt dieses Ziel nur erreichen kann, wenn die Konkurrenz es zulässt. Sollten der VfL Wolfsburg oder Hertha BSC, die in der Tabelle beide vor den Münchnern stehen, alle ihre Spiele gewinnen (Wolfsburg könnte sich auch noch ein Unentschieden leisten, auf Grund der Tordifferenz möglicherweise sogar eine Niederlage), ist der Titel rein rechnerisch nicht mehr zu erreichen. Unabhängig davon, ob Jürgen Klinsmann, Jupp Heynckes oder auch der Mathematiklehrer Ottmar Hitzfeld auf der Trainerbank sitzt.

Der FC Bayern hat sich nun also für einen erfahrenen Mann entschieden und nicht auf eine interne Lösung à la Mehmet Scholl gesetzt. Man brauche einen "Fußballlehrer", hat Uli Hoeneß auf der Pressekonferenz am Montag betont. Worte, die vor allem Jürgen Klinsmann treffen, da sie implizieren, dass der Schwabe kein "Fußballlehrer" ist. Und Worte, mit denen Hoeneß auch die eigene Entscheidung, auf Klinsmann zu setzen, in Frage stellt. Die Bayern haben Klinsmann verpflichtet im Bewusstsein, dass dieser vieles anders machen würde als seine Vorgänger. Nach nur 29 Spieltagen haben die Verantwortlichen Klinsmanns "Projekt", dass auch sie mitgetragen haben, für gescheitert erklärt. Es wird also mal wieder deutlich, dass der Fußball ein schnelllebiges Geschäft ist - und beim FC Bayern mit ungleich höherer Geschwindigkeit vonstatten geht also anderswo in Deutschland. Bei diesem Verein zählt nur der kurzfristige Erfolg, sonst nichts.

Im Wissen um diese Tatsache war Jürgen Klinsmann wohl von Beginn an der falsche Trainer. Seine Philosophie war eher langfristig angelegt. Ob der Verein in Zukunft mit Klinsmann Erfolge gefeiert hätte ist ungewiss. Der Schwabe übernahm in dieser Saison quasi den kompletten Kader seines Vorgängers Ottmar Hitzfeld - mit einer gravierenden Änderung: Torwart und Kapitän Oliver Kahn beendete seine Karriere. Offensichtlich hatte Klinsmann allerdings nicht die freie Wahl der Nachfolge, denn die war dem langjährigen Ersatzmann Michael Rensing von den Bayern-Bossen schon versprochen worden. Gerüchten zufolge wollte der neue Trainer Jens Lehmann verpflichten, was ihm allerdings verwehrt blieb. Dass der Torwart in einer Mannschaft eine entscheidende Rolle spielen kann zeigt die Statistik: In der vergangenen Saison stellten die Bayern mit nur 21 Gegentoren einen neuen Bundesligarekord auf, in dieser Saison haben sie fünf Spieltage vor Schluss bereits 37 Treffer kassiert.

Die Torwartfrage soll aber nicht darüber hinweg täuschen, dass Jürgen Klinsmann auch Fehler gemacht hat. Zunächst die Affäre um Mark van Bommel. Den Niederländer beförderte Klinsmann erst zum Kapitän, eher er in zum Ersatzspieler degradierte. Ebenfalls auf Kritik stieß der plötzliche Torwartwechsel von Rensing zu Hans-Jörg Butt vor dem Champions League-Spiel in Barcelona. Klinsmann bescheinigte Butt in der Folge, der bessere Torwart zu sein - und gab damit zu, die ganze Saison über auf den schlechteren Mann gesetzt zu haben. Ob gewollt oder "von oben" befohlen, einen gutes Licht auf den Trainer wirft es auf keinen Fall. Wenn es aber nicht seine Entscheidung war, dann muss auch wieder hinterfragt werden, welches Vertrauen Hoeneß, Rummenigge und Co. zu ihrem Trainer hatten, für dessen Verpflichtung sie selbst verantwortlich waren.

Zuletzt sind noch Klinsmanns Auftritte in der Öffentlichkeit anzumerken. Hier äußerte der ehemalige Teamchef der Nationalmannschaft stets Zuversicht, ohne Begründungen dafür zu liefern. "Wir werden Meister, weil wir eben Meister werden" schien die Devise zu sein. Auf weitere Nachfragen wäre wahrscheinlich die Antwort "Weil wir der FC Bayern sind!" gekommen. Solle intern eine ähnliche Konzeptlosigkeit vorgeherrscht haben, dann ist der Schritt zur Entlassung verständlich. Allerdings sind auch dann wieder zwei Fragen an die Verantwortlichen zu stellen: Erstens, warum diese Mängel nicht viel früher erkannt wurden und der Rausschmiss erst jetzt erfolgte und zweitens, auf welcher Grundlage Klinsmann verpflichtet wurde.

Jürgen Klinsmann jedenfalls ist als Trainer des FC Bayern gescheitert. Jedoch sollte diese Tatsache nicht alleine an seiner Person festgemacht werden, sondern auch an denjenigen, die ihn verpflichtet haben und entweder zu lange an ihm festhielten, oder aber seinem Konzept keine Chance gaben, sich zumindest mittelfristig zu entfalten. Die Probleme jedenfalls waren in der Hinrunde die gleichen wie in der Rückrunde, so dass eine Entlassung schon zu einem viel früheren Zeitpunkt zu rechtfertigen gewesen wäre. Dann hätte ein neuer Trainer die Gelegenheit gehabt, selber noch wirklich korrigierend einzugreifen. Der Mann, der die Mannschaft jetzt übernimmt, kann aus eigener Kraft nicht mal mehr die Champions League direkt erreichen.

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