Einen Vorgeschmack auf die närrische Zeit durfte Bayern-Coach Jürgen Klinsmann bereits am Wochenende kosten. Während seine Schützlinge als klare Favoriten in die ausverkaufte Allianz-Arena einmarschiert waren, verließen am Ende die angereisten Geißböcke jubelnd Platz. Mit der bitteren 1:2-Niederlage gegen den 1. FC Köln und dem dritten Patzer in vier Spielen gerät der sonst so gut gelaunte Sunnyboy aus Kalifornien mächtig unter Druck.
Es ist die ungeliebte Zahl Nummer vier, die derzeit die schmähliche Situation beim deutschen Rekordmeister charakterisiert: Ein unzufriedener vierter Platz nach dem vierten Bundesligarückspiel mit vier Punkten Rückstand auf den Spitzenreiter Hamburg, der nach seinem fulminanten 2:1-Sieg gegen Bayer 04 Leverkusen zum Abschluss des 21. Spieltages den Dorfclub Hoffenheim als Tabellenführer abgelöst hat. Dabei hätte der Abstand nach ganz oben noch viel schlimmer ausfallen können. Doch weil auch die Konkurrenz seit Beginn der Rückrunde im Gleichmarsch patzt, können die Bayern noch aufatmen. „Wenn wir uns nicht so dumm anstellen würden, wären wir schon mit drei Punkten Vorsprung Erster", reüssierte FC-Torhüter Michael Rensing nach dem Spiel am Samstag gegen die Kölner sichtlich verärgert.
Hätte, wenn und aber. Am Samstagnachmittag konnte der Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann jedoch nur noch Staunen und das närrische Treiben als verdutzter Außenseiter verfolgen. Als der Linienrichter Stürmerstar Miroslav Klose ein reguläres Tor aberkannte und in der 13. Minute unkorrekterweise auf Abseits entschied, zeigte der 44-Jährige noch Feuer und begehrte laut auf. Doch von Minute zu Minute schwand die Energie des geplagten Bayern-Trainers sichtlich. Mit großem Ärger musste der ehemalige Nationaltrainer die offensichtlichen Schwächen seiner Profis mitansehen und erleben, wie kläglich seine eher defensiv ausgerichtete Spielerelf an der Kölner Abwehrmauer ein ums andere Mal scheiterte und die Pässe überall ankamen, nur nicht beim eigenen Mitspieler.
Der Führungstreffer für die gegnerische Mannschaft in der 22. Minute durch Fabrice Ehret war so nur noch eine Frage der Zeit. Während beim ersten Tor der sonst so verlässliche Martin Demichelis als Innenverteidiger katastrophal versagte, machte Nationalabwehrspieler Philipp Lahm beim 0:2 zwölf Minuten später alles andere als eine glückliche Figur. Der Youngster hatte sich spielend leicht von Milivoje Novakovic auf der linken Seite austänzeln lassen. Der spielte dem 20-jährigen Daniel Brosinski das runde Leder in einer Traumkombination direkt vor die Füße und bereitete so dessen erstes Tor im ersten Bundesligaspiel vor.
Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann machte nach Abpfiff des Spieles seiner Enttäuschung Luft und schoss sich auf den mangelnden Leistungswillen seiner unmotivierten Mannschaft ein: „Es war einfach eine schlechte Leistung", wetterte der 44-Jährige. „Man muss erst mal mit Feuer in die Zweikämpfe gehen und dem Gegner den Schneid abkaufen", ging die gesalzene Standpauke weiter. An der gedrückten Stimmung in der Müncher Kabine konnte auch der Treffer von Daniel van Buyten in der 84. Minute zum 1:2 nichts mehr ändern. Bayern-Keeper Michael Rensing gestand im anschließenden Interview resigniert, die Bayern müssten sich bei den Fans für diese Art von Vorstellung eigentlich entschuldigen.
Nach 17 Spielen ohne Niederlage im Meisterjahr 2007/08 verlor der amtierende Vizeherbstmeister im eigenen Stadion nun schon die zweite Partie in der laufenden Spielzeit. Allein die bayerische Abwehr bietet genügend Angriffsfläche, die bereits 19 Treffer ins eigene Tor durchließ. Zum gleichen Zeitpunkt in der Vorsaison verzeichnete die Statistik nur vier Gegentore. Mit der erneuten Niederlage am Samstag gegen die Kölner Recken holte der Spitzenclub an der Säbener Straße insgesamt läppische drei Punkte nach der Winterpause.
Bei soviel Mißerfolg läuft es trotz winterlicher Rekordkälte einem sicherlich ganz heiß über den Rücken. Für Jürgen Klinsman, der nach 8 Monaten Dienstzeit keineswegs mit einer stabilen Erfolgsserie überzeugen konnte, wackelt der Trainerstuhl gewaltig. Vor 6,15 Millionen Sportschau-Zuschauern wollte Nick Golücke, Reporter bei der ARD, dann schon vom Bayern-Trainer wissen: „Gibt's diesen Moment, wo sie Angst um ihre Position haben?" Der unter Druck Geratene antwortete natürlich mit einem vorhersehbaren „Nein". Klinsi erklärte weiterhin, er versuche jeden Tag sein Bestes zu geben, die Mannschaft wisse das auch, überhaupt werde sehr intensiv miteinander gearbeitet, und so weiter und so fort.
Doch hinter den Kulissen brodelt es gewaltig. Intern sollen sich Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß genervt über Klinsmanns permanente Änderungspläne geäußert haben. Manager Hoeneß griff den Wackelkandidaten gar in der Öffentlichkeit frontal an und nahm nach dem Spiel am Samstag die katastrophale Mannschaftsleistung gehörig in die Mangel: „Nach dem Spiel in Berlin haben wir die Situation noch gelassen gesehen. Das tun wir nun nicht mehr. Es gibt nichts mehr zu beschönigen." In der Champions League im Achtelfinale darf sich Klinsi demnach keine Blösse mehr geben, schon gar nicht am heutigen Mittwoch gegen Außenseiter Sporting Lissabon.
Während der sonst so fröhliche Bayern-Coach in den folgenden Spielen gewaltig unter Druck steht, entlud sich bei seinem Kollegen Christoph Daum die gesamte Anspannung der letzten Tage. Letzterer umarmte seinen Konkurrenten nach dem Spiel sogar überraschend und meinte noch in der gütigen Laune eines glücklichen Siegers ganz „ehrlich", er hoffe, es sei die letzte Niederlage für die Bayern. Fakt ist, dass Daum, der zum 150. Mal für den 1. FC Köln in der Bundesliga auf der Bank saß, seit seinem Bundesligadebüt als Trainer am 23. September 1986 bei Bayern München noch nie gegen den Rekordmeister gewinnen konnte. Der grandiose Triumph nach mehr als zwanzig Jahren habe ihn „tief bewegt" und komplettiere seine Vita, teilte Daum überglücklich mit.
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Auch die Kölner Spieler dankten den 8000 mitgereisten Fans und warfen nach Abpfiff des Spieles 28 Tennisbälle als Sinnbild ihres derzeitigen Punktestandes in die Kurve. Mit 28 Zählern liegt der ehemalige Absteigerkandidat derzeit stabil im sicheren Mittelfeld der Bundesliga. Zur Feier des Tages gab Daum seinen Spielern trainingsfrei und entließ seine Schützlinge in die Narrenfreiheit. Das Training der nächsten zwei Tage wurde trotz des kommenden Freitagsspiels gegen Bielefeld restlos gestrichen. Während die Bayern also mit rauchenden Köpfen in der bayerischen Landeshauptstadt sitzen und genervt über ihre derzeitige Situation grübeln, können die kölschen Jecken genüsslich die Faschingstage genießen und verdient ganze Konfetti-Wolken in die Lüfte entlassen.