Mit großen Tönen war der Rekordmeister in die Bundesliga-Rückrunde gestartet, bislang hat der eingefleischte Fan aber herzlich wenig von dem angekündigten Durchmarsch der Bayern an die Tabellenspitze mitbekommen. Nach der enttäuschenden 1:2 Niederlage in Berlin am letzten Wochenende entlud sich bei Franz Beckenbauer ein regelrechtes Donnerwetter. Vorstandschef Karl Heinz-Rummennige setzte noch einen drauf und forderte gar, den Bankreservisten Lukas Podolski wieder in den Kader aufzunehmen.
Nach zwei Niederlagen in drei Partien der Rückserie meldeten sich die Verantwortlichen beim FC Bayern zu Wort. Franz Beckenbauer setzte den Anfang und polterte in ungewohnt kritischen Tönen los: Die Bayern seien nicht mehr der Titelfavorit, schrieb der Präsident des deutschen Rekordmeisters in seiner Kolumne der ‚Bild‘-Zeitung. „Alle fünf oder sechs führenden Teams können die Schale holen", prophezeite der 53-Jährige und traut damit seiner Mannschaft die Rolle des unangefochtenen Titelfavoriten nicht mehr zu. Die Leistung gegen die Berliner sei zu schwach gewesen. „So langt es weder in der Bundesliga noch in der Champions League gegen Sporting Lissabon", schimpfte der Kaiser und erhob eine Woche vor dem Champions-League-Achtelfinale drohend den rechten Zeigefinger.
Die Bayern rangieren nach der enttäuschenden 1:2-Niederlage beim neuen Tabellenführer Hertha BSC Bayern nur noch auf dem schmerzlichen vierten Platz. Tatsächlich aber trennen den amtierenden Deutschen Meister nur 2 Punkte vom ersten Platz, die Distanz der ersten fünf Vereine beläuft sich auf nur lächerliche vier Zähler. Das Star-Ensemble um Trainer Jürgen Klinsmann erlebte in Berlin dennoch keine Glanzstunde. Beckenbauer griff sogar Publikumsliebling und Bayernstar Franck Ribéry frontal an, der einen „schwarzen Tag" erwischt hätte. Und weiter geht es mit der schonungslosen Analyse des bayerischen Urgesteins: „Unser rechter Flügel lahmt ohnehin".
Für die Leistung der Bayern-Truppe hatte auch Manager Uli Hoeneß kein gutes Wort übrig. Wenn man so eine Steilvorlage wie von Hoffenheim nicht nutze, dann sei man schlichtweg selber schuld, bließ Hoeneß den Bayernstars den Marsch. „Das verstehe ich nicht, dass unsere Spieler nicht mehr aus dieser Chance machen", schüttelt der 57-Jährige den Kopf und kann sich über die ungenutzten Möglichkeiten nur noch wundern. 62 Prozent Ballbesitz, 18 zu 8 Schüsse und 20 zu 11 Flanken verbuchte die Bayern-Elf in Berlin. Während die meisten bayerischen Angriffe aber über dem Tor oder daneben landeten, nutzte der Berliner Andrey Voronin seine beiden Chancen in der 38. und 77. Minute eiskalt. Nur Miroslav Klose gelang es, in der 61. Minute kurzzeitig zum 1:1 auszugleichen. „Enttäuscht, aber vor allem verärgert", gab sich Cheftrainer Jürgen Klinsmann am Tag nach der Niederlage im FCB.tv-Interview.
Damit hat der Spitzenverein an der Säbener Straße erneut den Sprung nach ganz oben verpasst. Grund genug für die Bayern-Bosse, sich ernsthaft darüber Gedanken zu machen, wie der stockende Bayern-Zug wieder in Fahrt gebracht werden kann. Hilfe scheint in Form des Vorstandschefs Karl- Heinz Rummenigge zu nahen, der als erster ermutigend zum Aufbruch anpfiff und seinen jüngsten Vorschlag publik machte: Vor dem Spiel gegen den 1. FC Köln am Samstag forderte der 53-Jährige Klinsmann auf, doch auf die kölsche Frohnatur Lukas Podolski zu setzen und eben jenen viel gescholtenen Jungspund, der seine letzten Tage auf der Reservebank der Bayern zu verbringen drohte, in den Kader zurückzuholen.
„Es wäre unser aller Wunsch beim FC Bayern, wenn er wieder in den Kader zurückkommt", gab Rummenigge seine neueste Idee auf der Homepage der Bayern bekannt und trug mit seinen überraschenden Äußerungen zu der ein oder anderen Verwirrung bei. Seit November absolvierte der 23-Jährige nämlich kein Spiel mehr für seinen derzeitigen Arbeitgeber, im Sommer wird der unglückliche Nationalstürmer von der Isar zu seinem Heimatverein an den Rhein wechseln. Noch am Freitag hatte Bayern-Coach Klinsmann den von seinen etlichen Erkrankungen und Verletzungen wieder Genesenen peinlichst deklassiert und verlauten lassen, wenn alle seine Wunschspieler einsatzfähig seien, habe Poldi keine Chance, in die erste Garde der Bayern aufzusteigen: „Sind alle fit, ist er nicht dabei."
Unterstützung für den Übergangenen folgte jedoch prompt von höchster Stelle des Bayernmanagement. Auch Uli Hoeneß legte sich für Poldi so richtig ins Zeug und verwies auf den angeschlagenen Luca Toni. „Im Sturm können wir aus dem Vollen schöpfen. Lukas ist wieder gesund. Er wird demnächst wieder im Kader sein", ertönte es von dem Mann, der zuletzt bei dem vernichtenden Kritikhagel über dem Kopf des Jundspundes ganz vorn mit dabei war. Mit Tonis Problemen sei eben nicht zu spaßen, erklärte der auf wundersame Weise Verwandelte: „Wir müssen aufpassen, dass es nicht chronisch wird." Der italienische Wirbelwind hatte wegen einer Reizung der Achillessehne am rechten Fuß in Berlin nach 30 Minuten den Platz verlassen müssen.
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Dank des angeschlagenen Topstürmers scheinen nun die Sterne für einen Einsatz des Nationalstürmers gegen seinen nächsten Arbeitgeber am Samstag mehr als gut zu stehen. Genügend Rückenwind für einen möglichen, mit Spannung erwarteten Aufmarsch hat Podolski bereits erhalten - und das von oberster Stelle des Bayern-Management. Ganz neue Töne also, die derzeit in dem scheinbar mehr als verunsicherten bayerischen Club an der Säbener Straße erschallen. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht das falsche Rettungslied angesummt worden ist. (sk)