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26.06.2006Italien wird Fußball-Weltmeister: Marcello Lippi Nationalheld

Der große Freudentaumel, ganz in Blau

Nicht enden wollende Autokorsos, Fahnenmeere, Gesangschöre und Jubelschreie: Beim Schlusstreffer von Fabio Grosso gegen Frankreich brach in Italien eine Ekstasewelle los, die bis in den Morgen anhielt. Ein Land rettet seine Ehre - und sieht Blau.

Man kann nicht anders, das Bild einer Flut, gar eines Tsunamis drängt sich auf, wenn man an die Augenblicke nach dem italienischen Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 denkt: Eine einzige große, grün-weiß-rot bewimpelte, blau bemalte Menschenwelle bahnt sich ihren Weg auf die öffentlichen Straßen und Plätze, nimmt, von Freude überrumpelt, Besitz von Denkmälern, Brunnen, Straßenzäunen, Laternen, Telefonpfosten und nicht zuletzt mit Hilfe von Trompeten und Hupen vom akustischen Raum. 

Auf die Feier hatte sich Italien nach dem Sieg gegen Deutschland gründlich vorbereitet. Allenthalben winkten bereits Wimpel, T-Shirts, Perücken, Trompeten, und Riesenleinwände. Als es dann kam, wie es kommen musste, war die Freude nicht mehr zu bändigen: Nach weiteren 130 Minuten des Bangens und Eiferns dringt der erlösende Schrei wie aus einer Kehle hervor, noch nie hatte man in Italien im Zeitalter der Massenmedien eine derartige öffentliche Freudenbekundung erlebt. 1982 war es noch allein der Trevi-Brunnen gewesen, in dem sich waghalsige, ekstatische Fans tummelten. 2006 ist es bereits jede noch so winzige Fontäne, in der völlig aufgelöste, vor Freude weinende und vor Begeisterung gleichermaßen strahlende Gemüter die Nationalhymne anstimmen.                                    

Der Kreativität sind bei der individuellen Auflösung in den kollektiven Demos mal wieder keine Grenzen gesetzt. Dort gibt es Ganzkörperbemalte, Halbnackte, Tanzende, auf fahrenden Autos Jonglierende, mit Motorrädern Schwenkende, wahllos Küssende, sich in Menschenknoten Umarmende, und dann immer wieder die große Gemeinsamkeit: BO BOBOOBO BOBOOOBO, unermüdlich erklingt der Schlachtruf von Boca Juniors, den die Italiener sich dieses Jahr ohne lange zu fackeln auf den Schild gehoben haben. 

Groß war die Desillusion zu Beginn dieser Weltmeisterschaft gewesen, ungläubig hatte ein fußballvernarrtes Volk dem Fernseher entnommen, dass seine großen Teams es ganz groß an der Nase herumgeführt hatten, dass schmierige Hintermänner die glorreichste und prestigeträchtigste aller Fußball-Ligen, die Serie A, getürkt hatten, die Schiedsrichter umgekauft und den Ruf den Landes ohne Chance jedes Vergessens beschmutzt hatten.

Selbst der Sohn von Nationaltrainer Marcello Lippi geriet in die Mangel der Riesenaffäre, jungen hoffnungsfrohen Talenten soll er eine Berufung in die Nationalelf in Aussicht gestellt haben, um als Manager an Ihren Gagen beteiligt zu werden: Kaum vorzustellen, wie groß der Druck da zu WM-Beginn auf Lippi gelastet haben muss. 

Doch in der Stunde des stärksten aller Gegenwinde erwachte in Lippi, in seinem Team, und in der gesamten Fußballnation Italien das Ehrgefühl: Diese Schande reinwaschen, und wenn es das Letzte ist, was wir tun! Mit taktischer Coolness, abgezockter Lockerheit und spielerischer Verbissenheit zugleich spielte sich Italien langsam aber stetig wieder nach vorne, in dem Versuch, die Missetaten der heimischen Nestbeschmutzer in den Hintergrund zu drängen. 

Und daher mag die tiefe Freude am gestrigen Sieg auch an allererster Stelle gerührt haben: Aus dem Gefühl heraus, wieder unbefleckten Fußball erleben zu können, aus der Freude heraus, die eigene nationale Freizeitbetätigung endlich losgelöst von Fernseh-Milliarden und Horror-Gagen genießen zu können. Mit allen spielerischen Höhe- und Tiefpunkten, die das mit sich bringt, aber eben ohne den riesigen Schatten des alles kompromittierenden Mammon. 

Nicht umsonst waren einige der großen Vorzeigehelden dieser WM an einem Punkt, wo sie nichts mehr zu beweisen hatten: Sei es ein Zinedine Zidane, der dann doch die große Chance auf ein glorreiches Karriere-Ende übel vermasselte; sei es ein Marcello Lippi, der bereits als Trainer bei Juventus Turin alles gewonnen hatte, was ein Trainerherz so begehrt. 

Und vor allem die Spieler Italiens selbst. Sie hatten nichts mehr zu verlieren, und doch trieb sie auch die Empörung vorwärts, die Empörung darüber, von einem Skandal betroffen zu sein, mit dem sie persönlich nichts am Hut hatten, aber dessen Konsequenzen sie als erste auf eigener Haut zu spüren bekamen: Nicht umsonst war das erste Training in Coverciano von lauten Buh-Rufen, Beleidigungen und Pfiffen der eigenen Fans begleitet gewesen. 

Welch spektakuläre Wende, welch eindrucksvollen Antiklimax hat die Sache nun genommen: Unlängst als Verbrecher beschimpft, kehren die ‚Azzurri’ nun als moderne Helden zurück, und nicht nur wegen ihrer fußballerischen Leistungen. Ihnen ist gelungen, woran keiner mehr geglaubt hatte, ganz zuletzt Franz Beckenbauer, der die italienische Elf als ‚ernsthaft angeschlagen’ gewertet hatte.

Italiens Kicker haben ein Land wieder mit seinem Lieblingshobby und Volkssport versöhnt. Gehobenen Hauptes kann nun eine neue Generation frecher und lautstark gestikulierender Buben auf Kirchplätzen, Dorfrasen, Meeresstränden und in Stadtparks wieder das tun, was sein Volk seit jeher am liebsten tut: Hemmungslos drauflos bolzen.

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