Die so genannten 'Elefantenrunden' haben zu Recht einen schlechten Ruf, sind sie doch nicht mehr als langweilige, zähe TV-Gesprächsrunden mit Spitzenpolitikern und Experten, in denen viel geredet, aber nur wenig ausgesagt wird. Der Privatsender Sat1 versuchte am gestrigen Sonntagabend etwas anderes. Eine aufgepeppte Infotainment-Sendung mit Publikumsbeteiligung und spannenden Gästen sollte 'Ihre Wahl! Die Sat1-Arena' werden, doch die folgenden 60 Minuten waren vor allem eines: Hektisch.
Mit Sabine Christiansen und Stefan Aust hatte Sat1 hierbei zwei Granden des politischen TV-Journalismus engagiert, die als Moderatoren durch die folgenden 60 Minuten führen sollten. Als Gast war CSU-Shootingstar und Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg geladen, der sicher nicht die schlechteste Besetzung für den Auftakt der fünfteiligen Reihe darstellt, die den Zuschauern vor der Bundestagswahl die Wahlentscheidung erleichtern will.
Guttenberg sollte sich zunächst im Einzelgespräch den Fragen der beiden Moderatoren stellen, bevor er sich in einen Diskurs über Wirtschaftsfragen mit Linke-Parteichef Oskar Lafontaine begibt und abschließend von der wütenden Bauunternehmerin Claudia Sturm in die Mangel genommen wird. Dazu dürfen die Zuschauer mit allen möglichen technischen Mitteln Fragen an den Minister richten, sei es via E-Mail, Telefon, SMS, Twitter oder indem sie "ihre Webcam einschicken", wie es Christiansen so wunderschön formuliert hat. Das klingt nach einem ungemütlichen Spießrutenlauf für Guttenberg .
Doch das knallharte Einzelgespräch beginnt dann mit der folgenden Frage: "Wie fühlt man sich in Krisenzeiten als Polit-Star?" Blanke Zeitverschwendung angesichts einer Sendung, in der jede einzelne der 60 Minuten kostbar bemessen ist. Denn immerhin wollten ja noch Werbepausen, Twitter-Einträge und Wortmeldungen von 'Prinzen'-Sänger Sebastian Krumbiegel im Programm untergebracht werden. Der Zuschauer fühlte sich an das alte Mantra erinnert, das ProSieben-Blödelbarde Stefan Raab früher am Anfang seiner Sendung wiederholte, damit das Publikum aufhört zu applaudieren: Wir haben doch keine Zeit!
Eigentlich vorhersehbar, dass der Inhalt so auf der Strecke bleibt. Guttenberg, der Sunnyboy der Christsozialen, wirkt erstaunlich blass, hat aber auch nur wenig Gelegenheit, seine Argumente präzise auszuführen. Somit bleibt es bei Plattitüden. Die Wirtschaftskrise habe Deutschland hart erwischt. Arbeit müsse sich wieder lohnen. Und so weiter. Interessant wird es, als Christiansen in einem ihrer stärksten Momente tatsächlich einmal nachhakt, wie das denn war mit dem industriepolitischen Strategiepapier, das aus Guttenbergs Ministerium an die Öffentlichkeit gelangt war und so unpopuläre Forderungen wie die Lockerung des Kündigungsschutzes enthielt. Kanzlerin Angela Merkel sah sich damals zu einem öffentlichen Rüffel genötigt und der Minister musste zurückrudern.
Dieses Papier sei nur eine "Stoffsammlung" seiner Beamten gewesen, erklärt der Minister wenig glaubhaft. Sofort setzt Christiansen zum Konter an: Das Papier sei doch bereits fertig gewesen, und er selbst solle nach übereinstimmenden Berichten nur wenige Änderungen verlangt haben. Guttenberg spricht plötzlich nebulös von "einem ganzen Schwung problematischer Punkte", ohne auf die Frage einzugehen - und ein weiteres Nachhaken der Moderatoren bleibt aus. Die Zeit drängt.
Das hektische, gestauchte Format der Sendung scheint Oskar Lafontaine entgegen zu kommen, denn der schafft es tatsächlich, alle Wahlversprechen und Forderungen der Linken im folgenden Streitgespräch mit dem Minister unterzubringen. Dass das Parteiprogramm der Linken zu einem großen Teil aus bloßen Parolen besteht, kommt ihm dabei natürlich entgegen. Dennoch: Es gibt ein paar Momente, in denen Lafontaine seinen Kontrahenten wie einen unerfahrenen Schulbuben aussehen lässt - beispielsweise, als er erwähnt, wie es schon eine Maxime von Ludwig Erhard, Architekt des Wirtschaftswunders, gewesen sei, dass mit der Wirtschaftsleistung auch die Löhne steigern müssen. Die Linke müsse Schwarz-Gelb "erst wieder Erhard beibringen", tönt Lafontaine triumphierend. Für eine ähnlich knackige Antwort hat Guttenberg keine Gelegenheit. Denn jetzt kommt erstmal Werbung.
Als dann Claudia Sturm die Wahlarena betritt, verspricht noch einmal ein wenig Spannung aufzukommen. Denn die Unternehmerin ist sauer auf Guttenberg, stinksauer. Es brenne in der deutschen Wirtschaft, wie sie es in 20 Jahren noch nicht erlebt habe, und nach der Wahl käme jede staatliche Hilfe zu spät. Sturm blickt dem Minister direkt ins Gesicht und fragt - ausnahmsweise wirklich - knallhart: "Was ist Ihr Masterplan in den nächsten 30 Tagen?" Doch abermals weicht Guttenberg aus, versucht es mit Schmeicheleien, spricht vom Mittelstand als "Herzkammer" der deutschen Wirtschaft. Sturm ist das verständlicherweise nicht konkret genug, dem Moderatorengespann anscheinend schon. Es ist ein Dilemma, das sich durch die gesamte Sendung zieht: Wenn Guttenberg einmal nicht der Frage ausweicht, dann bleibt ihm einfach nicht genug Zeit, um sie angemessen zu beantworten.
Nach genau 60 Minuten beendet Christiansen dann die Sendung abrupt, auch wenn sie dafür ihren Gästen und ihrem Moderatorenkollegen Aust (der die ganze Sendung hindurch farblos blieb) ins Wort fallen muss. Es war das abstruse Ende einer abstrusen Sendung, deren Konzept an allen Ecken und Enden Schwachpunkte aufwies: Die Zeit war zu kurz, das Moderatorenduo hat nicht harmoniert, und die ständigen Wortmeldungen der Zuschauer waren zu viel. Eben jene Zuschauer straften die Sendung auch mit Mißachtung: Ganze vier Prozent Marktanteil und 800.000 Zuschauer konnte die erste Ausgabe der Wahlarena für sich verbuchen.
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Zur gleichen Zeit in der ARD: Eine gute alte 'Elefantenrunde' bei Anne Will. Gregor Gysi und Peter Scholl-Latour nehmen Verteidigungsminister Franz Josef Jung wegen des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr in die Mangel, der CDU-Politiker gerät gehörig ins Schwitzen. 3,29 Millionen Zuschauer wollten die Diskussion sehen, das entspricht einem Marktanteil von 12,8 Prozent. 'Elefantenrunden' sind zwar langweilig und zäh - aber letztenendes wohl das kleinere Übel.