Orhan Pamuk, Schriftsteller und weltläufiger Romancier, ist nun auch Träger des Literaturnobelpreises. Und das völlig zu recht: Der türkische Autor setzt sich wie kein anderer Autor für die Vermittlung zwischen Orient und Okzident ein.
Die Entscheidungen der Schwedischen Akademie wurden in der Vergangenheit in Sachen Literatur oft angefochten. In diesem Jahr jedoch ist man sich weitgehend einig: Selten eine so richtige Entscheidung getroffen. Ein weltweit positives Echo fand die diesjährige Wahl der Jury und wird als ein bedeutendes Signal für die gesellschaftspolitische Situation unserer Zeit eingestuft. Eine Wahl, die die muslimische Welt anerkennt und sie gleichzeitig zu einer inneren Auseinandersetzung mit sich selbst drängt.
Unbequem für das eigene Land
Die Freude ist groß - im internationalen Literaturbetrieb, in der Politik, beim Preisträger selbst…Außer bei den Nationalisten in seinem eigenen Land. Für die ist der 54-jährige Schriftsteller unbequem. „Man hat hier 30.000 Kurden umgebracht und eine Million Armenier. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen. Also mache ich es. Und dafür hassen sie mich.“ sagte Orhan Pamuk letztes Jahr in einem Interview mit dem Zürcher Tageanzeiger über den Mord an den Armeniern im ersten Weltkrieg. Der Völkermord wird von den Nationalisten beharrlich geleugnet. Wegen seiner Äußerung musste Pamuk sich vor Gericht verantworten.
Der Paragraf 301 – „Herabwürdigung des Türkentums“ – war Grund der Anklage. Sein Verfahren wurde damals zwar fallen gelassen, doch noch heute reihen sich in dieses Schicksal zahlreiche türkische Autoren, die noch auf ihren Prozess warten. Die internationalen Reaktionen spitzen sich außerdem zu: Während dem Autor noch der Preis zugesprochen wurde, stellte das französische Parlament nämlich am Tag der Bekanntgabe der Jury einen Gesetzesentwurf vor, der die Leugnung des armenischen Völkermords unter Strafe stellen soll. Doch auch gegen das strikte Verbot spricht sich Orhan Pamuk aus. Ein Verbot nämlich habe eine Beschneidung des Dialogs zur Folge und löse nicht das Problem der Vergangenheitsbewältigung eines Volkes.
Als leidenschaftlicher Befürworter der EU-Mitgliedschaft der Türkei beschreibt der Autor beispielsweise in seinem jüngsten Roman „Schnee“ den inneren Konflikt heutiger Türken, die zum einen den sehnlichen Wunsch haben, in Europa aufgenommen zu werden, aber auch eine große Angst davor verspüren. Der inneren Zerrissenheit zwischen Moderne und Tradition, Orient und Okzident widmet sich der Schriftsteller in diesem Roman in Form eines im deutschen Exil lebenden Dichters, der aufgrund des Todes seiner Mutter in seine Heimatstadt Istanbul zurückkehrt. Sein Buch wurde von der New York Times als bestes ausländisches Buch 2004 gefeiert und erregte internationales Aufsehen.
Mit Worten die Stimme erheben
„Ich bin in einem Haus aufgewachsen, in dem viele Romane gelesen wurden. Mein Vater hatte eine umfangreiche Bibliothek und erzählte von den großen Schriftstellern wie Thomas Mann, Kafka, Dostojewski oder Tolstoi so, wie andere Väter zu Hause vielleicht von Generälen oder von Heiligen sprachen. Schon als Kind waren für mich all diese Romane und Autoren eins mit dem Begriff Europa.“
Europa – die moderne westliche Welt. Sie faszinierte ihn schon als Kind und auch heute ist das moderne Europa und die schwierigen Beziehungen zwischen der Türkei und seinem Nachbar das Thema seines schriftstellerischen Schaffens: Europa, der Okzident und die Rolle der Türkei – dem Schwellenland zwischen modernem Westen und traditionsreichem Orient. Wie kein anderer versteht es Orhan Pamuk, die eine Kultur der jeweils anderen zu erklären – ohne Beschuldigung, ohne Tadel, ohne Schwarz-Weiß-Malerei - sondern mit einem tiefen Verständnis für die Werte und Probleme der jeweiligen Religion.
Von seiner Kindheit geprägt und bewegt von seinem Bedürfnis, einen Beitrag zum Verständnis zwischen den Kulturen zu leisten, zog es Orhan Pamuk zur Schriftstellerei. Eigentlich wollte Pamuk Maler werden. Doch dann begann er ein Architekturstudium und schließlich verlor er bald die Lust an beidem. Also widmete Pamuk sich mit 24 Jahren ausschließlich der Schriftstellerei. „Der einzige Grund für diesen Wandel lag wohl darin, dass ich damals überzeugt war, Schreiben sei die Möglichkeit, mit Worten die Stimme zu erheben, Malerei hingegen bedeute Stummheit, und ich war geistig nicht so weit, diese Stummheit in Würde auszuhalten.“
Tausendundein Faden
Glücklicherweise hat sich Orhan Pamuk für die Schriftstellerei entschieden. So konnte er den Literaturbetrieb mit seinem außergewöhnlichen Werk bereichern, das sich sprachlich betrachtet vor allem durch die Verknüpfung orientalischer Erzählstruktur mit Stilelementen der westlichen Moderne auszeichnet. Er habe, so die Angaben der Nobelpreisjury, „neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen gefunden“. Sein Werk sei durchsetzt von „fließender Fantasie“, die er in seinen Romanen zu „faszinierenden Mustern zusammenflechte“ lobte der Sekretär der Nobel-Akademie, Horace Engdahl. „Es gibt wohl kaum einen Autor in der Weltliteratur, der so faszinierende Stadtschilderungen schreiben kann wie Pamuk“ schwärmt Engdahl von Pamuks außergewöhnlichem Stil.
Die Verknüpfung zahlreicher Geschichten und das wiederholte Einlassen von Parabeln in den fortlaufenden Handlungsablauf sind typisch für Pamuks Romane. Er schaffe es hierbei, ‚tausendundeinen Faden’ in der Hand zu behalten und zu schlüssigen tragfähigen Konstruktionen zu bauen, wie es in der Laudatio zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2005 hieß. Seit sich der Schriftsteller der mystischen Tradition der türkischen Gesellschaft widme, sei für seine Romane „ein dichtes und vielfältiges Gewebe aus schwarzem Humor, blitzendem Scharfsinn, sinnlicher, stark visueller geprägter Darstellung, kriminalistischer Kombinationsgabe und romanischen Sehnsüchten im Bewusstsein der schnöden Wirklichkeit“ charakteristisch.
Seine Romane, darunter „Die weiße Festung“, „Das neue Leben“, „Schnee“ und „Rot ist mein Name“ wurden bereits in 35 Sprachen übersetzt. In rund hundert Ländern wurden seine Werke bereits publiziert und es lässt sich hoffen, dass sie nach dieser Auszeichnung nun die ihnen gebührende Ehre erhalten, auch in all diesen Sprachen und Ländern intensiv gelesen und verstanden zu werden.