In dem neuen Buch ’Deutschlands sexuelle Tragödie’ werfen die Autoren Bernd Siggelkow und Wolfang Büscher in 30 Einzelgeschichten einen Blick auf eine „frühreifen, hypersexualisierten Jugend, die nicht mehr zu Partnerschaften fähig“ ist. Für das Buch wurden 83 Kinder und Jugendliche in Ostberlin interviewt, die teils erschreckende Geschichten erzählen. Die Autoren sehen als Ursache für die „sexuelle Verrohung“ der Jugend aber auch den verantwortungslosen Umgang der Mütter mit ihren Kindern.
Beispielsweise wird in dem Buch die Geschichte der heute 18-Jährigen Michaela geschildert, die bereits im Alter von zehn Jahren das erste Mal Sex mit einem Jungen hatte. Wie die junge Frau selbst erklärt, hat sie mittlerweile den Überblick darüber verloren, mit wie vielen Männern sie schon geschlafen hat. Andere Kurzgeschichten schildern Gruppensex unter Minderjährigen auf einer Party, im selben Raum, in dem getanzt wird. Oder der Leser bekommt die Kurzbiografie eines jungen Mädchens, das mit elf zum ersten Mal Sex hatte und kurz darauf mit ihrer Mutter und deren Freund ins Bett musste. Mit 15 wurde sie das erste Mal schwanger, und musste abtreiben.
In dem Buch ist außerdem von achtjährigen die Rede, die mit ihren Müttern Pornos anschauen. Oder auch von einer Mutter, die ihre zwölfährige Tochter an einen 40-Jährigen Mann verkuppelt, weil dieser ein „großes Auto" hat. Die Erziehungsberechtigte gibt ihrer minderjährigen Tochter sogar noch Sextipps, um den Liebhaber bei Laune zu halten.
Diese teils erschreckenden Kurzgeschichten sind keine Fiktion, die einem kranken Hirn entsprungen sind. Es sind wahre Geschichten, die Bernd Siggelkow, Gründer des Kinderhilfswerks 'Arche' in Ostberlin, zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Büscher recherchiert hat. Viele Mütter vermittelten schon Zehnjährigen die Vorstellung, dass der Körper das wertvollste Kapital sei, kritisiert Siggelkow. Außerdem sorgten die leicht anklickbaren Sex-Seiten im Internet oder Pornos auf den Handys für mehr Sex-Infos, als ein jugendliches Hirn verarbeiten kann. „Die Kluft zwischen körperlicher und geistig-psychischer Sexualreife wird immer größer", erklärt der Autor.
Fast alle der Kinder, die Siggelkow für das Buch befragt hat, kommen aus zerrütteten Familien, in denen die Väter verschwunden und die Mütter arbeitslos sind. Das bestätigt auch Klaus M. Beier, Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin. Gerade Kinder aus sozial zerrütteten Verhältnissen hätten oft das Gefühl, "dass man sie nicht will, dass sie nicht angenommen werden wie sie sind", erklärt der Institutschef . „Das kann dazu führen, dass sie glauben, diese fehlende Akzeptanz und Liebe mit Hilfe von Sexualität bekommen zu können."
Dadurch gingen Bindungen verloren, die Mensch aber dringend benötige, so Beier. „Viele sind nicht mehr in der Lage, den überindividuellen Wert, der in der Beziehung selber steckt, wahrzunehmen.", bedauert der Mediziner. Als Lösungsansatz schlägt Beier - neben einer Erschwerung des Zugangs zu pornografischen Inhalten - eine neue Art der Erziehung vor. „Die Gesellschaft muss viel stärker die Beziehung als Wert vermitteln, das muss schon im Kindergarten beginnen. Und man sollte Bedingungen fördern, die dazu beitragen, dass sich Bindungen etablieren und erhalten lassen."
Bernd Siggelkow, der Autor des Buches 'Deutschlands sexuelle Tragödie', sieht sein Werk nicht als seriöse Studie, sondern vielmehr als „aufrüttelnde Momentaufnahme". Außerdem legt der frühere Pastor bei der Heilsarmee auch Wert auf die Feststellung, dass es auch positive Erscheinungen unter den Jugendlichen gebe. Viele 'Arche'- Kinder wünschten sich für später eine eigene Familie, mit Vater, Mutter, Haus und Auto, berichtet Siggelkow. Diese Träume zerstörten oft die eigenen Mütter. „Dat is wat für die anderen", sagen sie. (mre)