Seit dem Ende seiner Spielerkarriere versucht Lothar Matthäus als Trainer vergeblich, den Glanz vergangener Tage wiederherzustellen. Nach Stationen in Österreich, Serbien und Brasilien verschlägt es ihn jetzt nach Israel. Am gestrigen Donnerstag nahm Matthäus beim Vizemeister Maccabi Netanya seine Arbeit auf, wo begeisterte Fans ihn als Hoffnungsträger feierten. Der Franke soll den Club wieder zurück zum Ruhm der 70er und 80er Jahre führen.
Der Frankfurter Geschäftsmann Daniel Jammer kaufte Maccabi Netanya vor zwei Jahren. Seitdem wurde Maccabi zweimal israelischer Vizemeister. Nun will er mit Matthäus den Verein wieder dorthin bringen, wo er zuletzt 1983 war: an die Spitze der Liga. Sollte dies gelingen, könnte sein Startrainer schnell wieder weg sein, das weiß auch Jammer: "Wir sind für ihn nur eine Zwischenstation. Wenn er die Möglichkeit bekommt, bei einem großen Klub anzudocken, werde ich sie ihm nicht nehmen. Wir sind da nicht so streng."
Eine derart entspannte Vereinsführung dürfte Matthäus im Laufe seiner langen Spieler- und Trainerkarriere wohl noch nicht oft über den Weg gelaufen sein. Der Rekordnationalspieler gab bei seiner Ankunft am Flughafen von Tel Aviv brav zu Protokoll, dass er schon lange ein Fan von Israel und seinen Menschen sei. "So ist der Wechsel nach Netanya nicht nur sportlich, sondern auch privat eine gute Sache für mich", erklärte der Weltmeister von 1990.
Die 180.000-Einwohner-Stadt am Mittelmeer, zwischen Haifa und Tel Aviv gelegen, beheimatet einen Verein, der in den 70er und 80er Jahren fünfmal Meister in Israel wurde, aber seit 1983 vergeblich auf einen Titel wartet. Entsprechend euphorisch reagierten die Anhänger auf die Ankunft ihres neuen Heilsbringers aus Deutschland. Begeisterte Menschen stürmten beim ersten Training unter der Leitung des 47-jährigen das Gelände und sorgten für eine Unterbrechung.
Matthäus selbst wird seine Ansprüche herunterschrauben müssen, denn der Verein verfügt über eine heruntergekommene Infrastruktur. So wird zum Beispiel gerade ein neues Stadion errichtet, doch wird diese Arbeit noch etwas andauern. Deshalb muss der ehemalige Bayern-Star, der große Arenen gewohnt ist, die Heimspiele seiner Mannschaft zunächst im winzigen und baufälligen Sar-Tov-Stadion vor durchschnittlich 4.000 Zuschauern verfolgen. So etwas war im Trainer-Karriereplan des gebürtigen Franken vermutlich nicht vorgesehen.
Dabei konnte Matthäus bisher bei keiner seiner Trainerstationen seit dem Ende seiner Spielerkarriere im Jahr 2000 auch nur annähernd an seine alten Erfolge anknüpfen. Einzig mit Partizan Belgrad wurde er im Jahr 2003 Meister in Serbien, konnte allerdings auch dort nicht langfristig überzeugen. Bei Rapid Wien, Ungarns Nationalelf und auch bei seinem nicht einmal zweimonatigen Gastspiel in Brasilien bei Atletico Paranaense wurde er entweder entlassen oder trat selbst zurück. Sein letztes Engagement war als Co-Trainer an der Seite von Giovanni Trappattoni bei Red Bull Salzburg. Dort wurde der Vertrag von Vereinsseite im Juni 2007 wegen „unterschiedlichen Auffassungen" aufgelöst.
Nun soll Matthäus also in Israel Erfolge feiern. Sollte es ihm tatsächlich gelingen, mit Maccabi Netanya den amtierenden Meister Beitar Jerusalem abzulösen und die Mannschaft in den UEFA-Cup zu führen, wäre dies mehr als ein Achtungserfolg. Vielleicht würden sich dann auch in Deutschland wieder Vereinsbosse öfter an Matthäus erinnern, wenn es Trainerstellen zu besetzten gibt. Für die Bundesliga wäre ein unbequemer Typ wie Matthäus mit Sicherheit eine Bereicherung. (mre)