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03.10.2007'Willkommen in der Nachbarschaft': Im TV inszenierter Rassismus

Spießrutenlauf hin zur Leitkultur

In der Show von RTL II kämpft jeden Montagabend eine Familie ums Eigenheim: Trotz subkultureller Prägung muss das Herz der Nachbarn gewonnen werden. Ein fragwürdiges Abenteuer, befördert von deutscher Angst vor Fremden.

Die verantwortlichen Redakteure von RTL2 können sich auf die Schultern klopfen. Mit ihrem neuen Format haben sie die Gemüter der Fernsehzuschauer am Montagabend trefflich erhitzt. Das Konzept der Sendung „Willkommen in der Nachbarschaft“ lässt in sechs Folgen ebenso viele Bewerber um ein Haus kämpfen. Zum Sieg führen hier allerdings nicht herkömmliche Wettbewerbe, wie sie der geübte TV-Zuschauer aus Spielshows kennt.

Vielmehr müssen die Bewerber jeweils für eine Woche in das zu gewinnende Haus einziehen und sich vor ihren potentiellen neuen Nachbarn profilieren. Neben Autowaschen und Heckeschneiden (wohlgemerkt handelt es sich hierbei um die Autos und Hecken der Nachbarn) müssen die Interessenten unter Beweis stellen, das Haus ordentlich und gewissenhaft führen zu können. Die voyeuristische Nachbarschaft bestimmt nach sechs Wochen, welcher Kandidat am besten in die Straße passt.

Misch-Ehe

Beim ersten Bewerber handelt es sich um den gebürtigen Afrikaner Kopa, der seit 18 Jahren mit seiner Frau Veronika und den drei gemeinsamen Kindern in Deutschland lebt. Bereits diese Informationen treiben den selbsternannten Spießern der Nachbarschaft das Unverständnis in ihre kleinbürgerlichen Herzen. Nach anfänglicher Sprachlosigkeit wird der Zuschauer Zeuge einer Sternstunde der deutschen Vergangenheitsbewältigung. Denn endlich wird der passende Begriff für eine solch undeutsche Beziehungskonstellation gefunden: „Misch-Ehe“.

Mutig und offenherzig treten die Anrainer dem farbigen Fremden dann aber doch noch entgegen und vermitteln dem vermeintlichen Ausländer neben einer Einführung in das Wertesystem des Kleingärtners hilfreiche Tipps zur mustergültigen Bedienung der Heckenschere.

Eine böse Überraschung

Mit dramaturgischer Raffinesse spielt RTL2 nun seinen nächsten Joker aus und eröffnet der Stammtisch-Gemeinde Kopas zweifelhaftes Geheimnis. Der umtriebige Afrikaner führt ein Doppelleben. Neben seiner deutschen Gattin unterhält er eine Beziehung zu einer zweiten Frau. Diese nennt sich selbst „Mutter Afrika“ und versorgt drei weitere Kinder Kopas. Die Überraschung ist geglückt: Die schockierte Nachbarschaft entlädt auf offener Straße lauthals ihre Enttäuschung.

Nur eine Nachbarin, die hauptberufliche Wahrsagerin, bleibt ruhig und besonnen. Das Orakel schwebt über allen; über der doppelten „Mischfamilie“, über den rassistisch daherplappernden Stammtisch-Neurotikern und irgendwie auch über sich selbst. Sie ist das allwissende Medium, das die dörfliche Wahrheit in spiritueller Anmut in die offenen Ohren der Neulinge haucht; serviert auf einem dunstigen Tablett der Kakostomie.

Fremdenfeindlich? Niemals - aber bitte kein Neger in unserer Straße!

Natürlich muss der Eindruck der Zuschauer verwischt werden, die undeutsche Familie sei in ein fremdenfeindliches Dorf gereist. Frontal nimmt sich die Sendung der Problematik an und thematisiert den wiederbelebten Rassenwahn. Sollten sich die Nachbarn tatsächlich eingestehen, mit einer fremdenfeindlichen Gesinnung durch ihr sinnentleertes Leben zwischen Gartenzaun und Stammtisch zu wanken? Sicher nicht, denn sonst müsste die Sendung abgesetzt werden.

Warum bietet RTL2 einer solch alteingesessenen Truppe von Schmalspur-Rassisten bloß eine massenmediale Bühne? Mit Sprüchen wie „Kopa soll zurück nach Afrika gehen. Da kann er von mir aus sieben Frauen haben“ und der Wiedereinführung des im dritten Reichs prominent verwendeten Begriffs der „Mischehe“ präsentieren die Protagonisten auf RTL2 das Resultat ihrer etwas in Vergessenheit geratenen humanistischen Bildung. Es geht hier sicherlich nicht nur um deutsche Kleinbürgerlichkeit – es ist inszenierter und medial verbreiteter Rassismus.

Saufen für die Völkerverständigung

Kopa und seiner Großfamilie wird nun klar, dass der Hauptgewinn in weite Ferne gerückt ist. Da hilft nur noch ein rauschendes Fest, denn wie die selbstgefällige Stimme aus dem Off zu philosophieren versteht: „Mit Bier findet man immer Freunde“. Fortan wird getrunken, gelacht, getrommelt und getanzt. Vergessen scheint der Ärger der vergangenen Woche.

119 Minuten werden in der Sendung groteske Klischees bedient. Im letzten Augenblick darf sich dann die gesamte Nachbarschaft doch noch in gegenseitiger Lobhudelei üben. Die Deutschen zeigen sich überwältigt von der afrikanischen Fröhlichkeit und tragen den Kameras lallend das soeben Gelernte vor: „Man muss lernen, über den eigenen Gartenzaun zu schauen. Das war alles so locker“. „Ganz locker“, präzisiert eine Anwohnerin akkurat.

Auch Kopa darf sich zum Ende der Sendung noch einmal zu Wort melden und versichert den Zuschauern aus eigener Erfahrung, dass die Deutschen doch gar nicht so böse sind. Für alle, die dem fluiden Satzbau des afrikanischen Freundes nicht folgen konnten, bewies RTL2 ein Herz und blendete am unteren Bildschirmrand das Gesagte zum Mitlesen ein – in lupenreinem Deutsch nach neuer Rechtschreibung versteht sich.

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