Bildgalerie
Robert Pattinson und Kristen Stewart in Breaking Dawn
Highlights der Woche (KW 43)
Diese Seite DruckenDiese Seite weiterempfehlen
StartseiteItemsPressestimme: Tod von Alexander Solschenizyn: Genie oder Reaktionär
Alexander Solschenizyn war das Gewissen Russlands

5. August 2008 Tod von Alexander Solschenizyn: Genie oder Reaktionär

"Wie kein anderer die Diktatur erschüttert"

Kommersant (Moskau):

"Solschenizyn hat sich in seinem Leben viele Attribute verdient: arrogant, human, prophezeiend, erschreckend, menschenscheu, genial und naiv. Aber nur ein Wort beschreibt seine Rolle in der Geschichte: riesig. Sein Werk ist geprägt von genialer Schlichtheit, von der Schilderung moralischer Probleme, von der Wahrheit des Lebens. Den Weg zum Ruhm beschritt er aufrecht. Leidenschaftlich kämpfte er mit der Macht, wurde verboten und unterdrückt. Während er in der Sowjetunion als verfolgter Dissident von westlichen Bewunderern geschützt wurde, nahm die Zahl seiner Verteidiger nach seiner Übersiedelung in den Westen merklich ab. Nach seiner Rückkehr lebte er wie ein Einsiedler. Seine Rolle als letzter Prophet der russischen Literatur war von der Gesellschaft nicht erwünscht. Man schob ihn wie eine 'Ikone' ins Museum ab. Dabei hat Solschenizyn mehr als genug getan, um in die Liste der Unsterblichen aufgenommen zu werden."

Rossiskaja Gaseta (Moskau):

"Solschenizyn wurde zu Lebzeiten häufig mit Tolstoi verglichen. Heute verstehen wir, dass dieser Vergleich gerechtfertigt ist. Ähnlich wie im Falle Tolstois wird man die Geschichte der russischen Kultur künftig in eine Zeit ,vor Solschenizyn' und ,nach Solschenizyn' teilen. Diesem großen Menschen und letzten russischen Klassiker gebührt ein leuchtender Platz in unserer Erinnerungskultur."

Nezawissimaja Gazeta (Moskau):

"Solschenizyn hat Russland geprägt. Wenn wir sagen: 'Nicht nach Lügen leben', denken wir an Solschenizyn. Und wenn wir jetzt sagen: 'Russland neu organisieren', denken wir auch an Solschenizyn. Selbst dann, wenn wir mit ihm nicht einverstanden sein sollten."

The Guardian (London):

"Er war Russlands größter Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts. Als literarisches Opfer eines repressiven Systems haben seine Werke eine Dimension der Wahrheit erreicht, die eine weltweite Leserschaft berührte und das sowjetische System bis in seine Grundfeste erschüttert hat."

Le Télégramme (Brest):

"Manche Menschen können Berge versetzen, bisweilen mit einer einfachen Feder. Er war einer von ihnen. Er hat den Kommunismus nicht alleine zum Einsturz gebracht. Aber er hat entschieden dazu beigetragen, die blutige Diktatur in der UdSSR und im Ausland bloßzustellen."

Bukarest (Romania Libera):

"Wie kein anderer hat Solschenizyn die Diktatur erschüttert. Neben Papst Johannes Paul II. und Ronald Reagan hat er entscheidend zum Sturz des Kommunismus beigetragen."

La Croix (Paris):

"Er hat bewiesen, dass Mut und innerer Widerstand die Lügen und Morde des Staates überwinden können. Er hat dem Regime die Maske heruntergerissen und allen die Augen über den 'wirklichen Sozialismus' geöffnet. Als freier Mensch glaubte er fest daran, dass mutige Männer einen würdigen Platz in der Geschichte finden können. Er hat sein Haupt erhoben, als die Herrschenden von ihm verlangten, sich zu beugen. Als Einzelgänger hatte sein Leben auch tragische Züge, sein Kampf gegen die Unterwerfung behält aber eine gewaltige Ausstrahlung. Er hinterlässt uns seine Kompromisslosigkeit, an der wir uns ein Beispiel nehmen sollten."

New York Times (New York):

"Wie viele große russische Schriftsteller war Solschenizyn längst unsterblich, bevor er sich seiner Macht bewusst wurde. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er bis zuletzt kämpfte, um die Kraft und Reinheit in seinen Werken zu erhalten."

Information (Kopenhagen):

"Sein Weltbild war verankert in der orthodoxen Kirche, in einer strengen Moral und der Wiedererschaffung patriarchalischer Dörfer. Er war nie ein Prophet des neuen Russland, wie der Dissident und Atomphysiker Andrej Sacharow, der das moderne Russland repräsentierte. Beide bekämpften das sowjetische System, konnten einander aber nicht ausstehen. Insofern stehen diese beiden Widerständler für den Zwiespalt, in dem sich ihr Land heute befindet - der Suche nach Identität zwischen Westen und Osten, zwischen Modernität und Geschichte. Bislang hat sich das Land nicht entschieden, welchen Weg es gehen will."

Zaman (Istanbul):

"Nach seiner Rückkehr 1994 ließ Solschenizyn kein gutes Haar am neuen Russland und am Regime Jelzin. Dafür wurde er als reaktionär bezeichnet. In den USA, wo er zuvor lebte, nannte ihn das linksliberale Establishment des Landes einen 'Rückständigen', weil er in Harvard die USA als ein schwaches, materialistisches Land gezeichnet hatte, das in einem Sumpf versinke. Auch den Vorwurf des Antisemitismus handelte er sich ein, als er in seinem 2000 veröffentlichten letzten Werk die russischjüdischen Beziehungen und die Rolle der Juden in der Oktoberrevolution 1917 beleuchtete. Für Aufsehen sorgte er auch, als er die Todesstrafe in Russland verteidigte. Für seine Gegner war er deshalb nichts anderes als ein Reaktionär, dessen Zeit abgelaufen war."

Nepszabadsag (Budapest):

"Er war kein begabter Schriftsteller. Wenn auch die Handlung in seinen Büchern abwechslungsreich sein mag, so bleiben doch die Charaktere zu wenig differenziert, oft schematisch. Sein letztes Werk hat einen Skandal verursacht: Die zwei Bände '200 Jahre zusammen' über russische Juden sind ein aus antisemitischen Stereotypen zusammengeschnittenes, pseudowissenschaftliches Werk. Eine von Solschenizyns Grundthesen ist, dass die russische Revolution das Werk Fremder, Zugereister gewesen sei, ein brutaler Eingriff in Russlands Entwicklung. Mit seinem hetzerischen letzten Werk hat er sich aus dem Kreis der Intellektuellen ausgeschlossen. Kann man einen intoleranten Schriftsteller etwa tolerieren?"