Volksstimme (Magdeburg):
"Heulen und Zähneklappern, so das Sozialstaatsmodell des Senators. Er provoziert. Dagegen wäre nichts zu sagen, würde dies nicht allein dem kalten Kalkül des Finanzmenschen folgen und auf Kosten des unteren Drittels der Gesellschaft gehen. Wer Sarrazin nicht allzu wörtlich nimmt, wird ihm zumindest darin Recht geben, dass wegen der Energiekrise Sparsamkeit unabdingbar wird und zu großzügig beheizte Wohnungen nicht mehr bezahlbar. Ein dicker Pullover allein aber löst das Problem nicht."
Frankfurter Allgemeine Zeitung (Frankfurt):
"Auch die Freunde in der Partei dürften nicht erbaut darüber sein, dass Sarrazin in einem einzigen Interview den Mindestlohn, die Pendlerpauschale und die Heizkostenzuschüsse für Hartz-IV-Empfänger in die Tonne stampft. Sarrazins Sparkurs wegen hat sich schon der Linksparteivorsitzende Lafontaine abfällig über seine Genossen im Berliner Senat geäußert. Nun fährt Sarrazin auch noch dem anderen Vorsitzenden über den Mund. Gysis düsterer Warnung vor Kältetoten im nächsten Winter begegnet Sarrazin mit der Empfehlung, die Heizung herunterzudrehen und dicke Pullover anzuziehen. Soziale Kälte? Aus dem Munde eines Arbeiterkindes, das in der Sozialdemokratie eine nach Bildung, Leistungsethos und Altruismus strebende Bewegung sieht, klingt das einfach herzerwärmend."
Rheinische Post (Düsseldorf):
"Thilo Sarrazin hatte gar nicht unrecht, wenn er das überzogene Anspruchsdenken gegenüber dem Staat und damit uns Steuerzahlern geißeln wollte. Niemand muss im nächsten Winter erfrieren, obwohl die hohen Energiepreise natürlich eine große Belastung gerade für Mittelschichtfamilien darstellen. Nicht jede Einschränkung an der ein oder anderen Stelle ist aber eine Vorstufe der Armut. Muss man sich über Sarrazin aufregen? Ja. Er wählt die kalte, gedankenlose Sprache des Technokraten, der keine Differenzierung kennt, für seine Botschaften. Es ist auch diese Sprache, die zu einer Entfremdung zwischen Regierenden und Regierten führt."
Kieler Nachrichten (Kiel):
"Jede aus Sicht der Haushälter notwendige Kürzung trifft Menschen, die staatliche Hilfe bitter nötig haben. Dabei wird allerdings schnell ausgeblendet, dass die Gesellschaft Ansprüche entwickelt hat, die den Staat seit Jahrzehnten überfordern. Rote Zahlen schrieb der bundesdeutsche Wohlstandsstaat schon Ende der 70er. Das hinderte die Politik nicht daran, sich die Zustimmung ihres Wahlvolks mit immer neuen Wohltaten zu erkaufen. Altkanzler Schröder zog Konsequenzen, musste aber nach seiner Agenda 2010 auch das Büro im Kanzleramt räumen. Die politische Lehre daraus ist bestechend einfach: Lieber auf die Sarrazins schimpfen - auch wenn am Ende gar nichts mehr geht."