Neue Zürcher Zeitung (Zürich):
"Als der Auswahlprozess vor gut einem Jahr begann, hätte niemand nur einen Cent auf den Jung-Senator aus Illinois gewettet: Mangelnde Erfahrung, Hautfarbe und politische Ausrichtung schienen gegen ihn zu sprechen. Und er trat gegen die bekannteste Politikerin der USA an. Nun hat Obama über diese scheinbaren Nachteile triumphiert. Von einem Zufallsergebnis lässt sich nicht sprechen. Denn in den letzten Monaten hat Obama nicht nur sein offensichtliches Charisma unter Beweis gestellt; er hat auch bewiesen, dass er über organisatorische Fähigkeiten, Disziplin und taktisches Geschick verfügt; absolut unschlagbar ist er zudem im Einsatz des Internets zur Mobilisierung von Wählerschichten, die sich bisher nicht für Politik interessiert haben. Mit dem Sieg über Hillary Clinton ist Barack Obama ein Platz in den Geschichtsbüchern sicher."
Die Welt (Berlin):
"Der Kampf zwischen Obama und dem Republikaner McCain wird zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei Charakteren, wie man sie in der deutschen Politik vergeblich sucht. Es geht allerdings auch um die großen Linien in der Politik. Stärker als jeder demokratische Kandidat seit den 1960er Jahren fordert Obama Gerechtigkeit - im Namen jener Gleichheit, die auch von den Amerikanern laut Alexis de Tocqueville mehr geschätzt wird als die Freiheit. Wird Amerika sich neu erfinden, so wie es sich in den 30er-Jahren unter Franklin Roosevelt oder unter Reagan in den 90er-Jahren neu erfand? Alles ist möglich."
Rheinpfalz am Sonntag (Landau):
"Ginge es nach uns Deutschen, kann am 4. November nur der Demokrat Obama US-Präsident werden. Lässt sich doch das Duell des 46-Jährigen gegen den 71-jährigen McCain plakativ verkürzen auf »Jung gegen Alt«, »Zukunft gegen Vergangenheit«. Weil Präsident Bush, der am Dienstag und Mittwoch noch mal Deutschland besucht, so unpopulär ist, wird dem Kandidaten der Republikaner keine Chance eingeräumt. Obama, der erste farbige Präsidentschaftskandidat, ist zur Projektionsfläche schier unerfüllbarer Hoffnungen geworden. Ja, seine Rhetorik ist die eines Martin Luther King. Ja, sein eleganter Stil erinnert an John F. Kennedy. Aber ein Polit-Heiland wird Obama nicht werden. Schon jetzt klingt Kriegsgegner Obama zum Thema Irak merklich realistischer als noch zu Beginn der Vorwahlen: Man müsse so vorsichtig Irak verlassen, wie man unvorsichtig dorthin gegangen sei. Und so oder so: Obama wie McCain wollen Alliierten wie Deutschland eher mehr als weniger Verantwortung aufbürden. Sprich: Mehr Bundeswehrsoldaten in Afghanistan und anderswo."
Berlingske Tidende (Kopenhagen):
"Hillary Clinton verspricht alles zu tun, damit der nächste Präsident Barack Obama heißt. Doch viele ihrer Anhänger dürften ihr nicht folgen - die Buhrufe bei ihrer Rede offenbaren eine verletzte Partei, die in der Mitte auseinanderzubrechen droht. Clintons eigene Zukunft ist unklar. Sie wird in den Senat zurückkehren und mag für ihre Unterstützung um die ein oder andere Gegenleistung gebeten haben - vielleicht eine Berufung zum Obersten Gerichtshof. Mit ihren 18 Millionen Wählern aber kann man sie nicht einfach ignorieren."
The Sunday Telegraph (London):
"Clintons Analyse, dass der Sexismus stärker als der Rassismus gewesen sei, klagt unterschwellig alle Wähler der Demokraten als Fanatiker an. Und sie hinterlässt eine vergiftete Atmosphäre. Das verheißt nichts Gutes. Dabei müsste eigentlich fast jeder Demokrat fast jeden Republikaner schlagen, denn die Wähler bevorzugen die Demokraten in Umfragen mit 15 Prozent Vorsprung. Doch John McCain ist vielleicht der einzige Republikaner, der das Rennen um das Weiße Haus in diesem Jahr gewinnen kann."
New York Times (New york):
"Die Vorwahlen sollten eigentlich dem Prinzip 'Ein Mensch - eine Stimme' folgen. Doch das hat nicht funktioniert. Etwa 20 Prozent der demokratischen Delegierten sind so genannte Superdelegierte. Die Partei hat diese geschaffen, um verdienten Parteimitgliedern auch ohne Wahl zu Gewicht bei der Nominierung zu verhelfen. Wenn Superdelegierte die Positionen der gewählten Delegierten vertreten, sind sie überflüssig. Wenn sie die gewählten Delegierten überstimmen, sind sie undemokratisch. Zudem bräuchten die Demokraten klare Regeln, wie Bundesstaaten bestraft werden, die gegen interne Festlegungen verstoßen - so wie in diesem Jahr Michigan und Florida. Wenn das Vorgehen klar ist, muss die Partei nicht plötzlich mitten im Wahlkampf die Regeln ändern."
Arab News (Dschidda):
"Die Niederlage von Bill Clinton könnte fast noch größer sein als die seiner Frau. Hillary Clinton hat gezeigt, dass sie eine mächtige und beharrliche Kandidatin ist, die Millionen Anhänger mobilisieren kann. In den 90er Jahren wirkte sie wie eine kalte Person; da war ihr Auftritt jetzt eine Offenbarung. Bill Clintons Auftritt hingegen war ebenfalls eine Offenbarung - und zwar eine negative. Seit dem Levinsky-Skandal hat er versucht, sein Image wieder aufzupolieren, mit Vorträgen, mit seinem Kampf gegen Aids und dem Engagement für Afrika. Aber seine sichtbare Abneigung gegen Barack Obama hat dem Wahlkampf seiner Frau mehr geschadet als genutzt."
Badische Neueste Nachrichten (Karlsruhe):
"Hillary Clinton nutzte ihren Rückzug zur glamourösen Abschiedsgala. Getreu der Devise, dass ein summa cum laude für den siegreichen Rivalen jeden Verlierer adelt, glorifiziert sie Obama zur Galionsfigur. Der Juniorsenator muss Präsident der Vereinigten Staaten werden, weil er die Frische und die richtigen Botschaften hat. Clinton selbst will für dieses Ziel leidenschaftlich kämpfen. Eine kluge Entscheidung. Die entzauberte Favoritin kehrt zurück zu den Instinkten."