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StartseiteDealsPressestimme: Dmitri Medwedew beerbt Wladimir Putin
Dmitri Medwedew beerbt Wladimir Putin: Auf eine Sphinx folgt die nächste

3. März 2008 Dmitri Medwedew beerbt Wladimir Putin

Auf eine Sphinx folgt die nächste

Gazeta (Mokau):

"Der dritte Präsident ist wie eine dritte Ehe: Die Empfindungen sind bei weitem nicht so spannend wie beim ersten Mal. Während die Russen ihren ersten Staatschef im Jahre 1991 mit Eifer und den zweiten im Jahre 2000 mit Hoffnung wählten, wird der dritte Präsident von ziemlich gleichgültigen Wählern ins Amt gebracht. Die einzig offene Frage war, wie hoch der Prozentsatz der für Medwedew abgegebenen Stimmen sein würde."

Wremja Nowostej (Moskau):

"Die nächtliche Sitzung der Zentralen Wahlkommission war eindeutig die ruhigste in der neueren Geschichte Russlands. Es sollte nur einen Sieger geben, und dessen Name war schon vor der Stimmenauszählung bekannt. Die hohe Beteiligung erklärt sich vor allem dadurch, dass viele Menschen - einfacher als früher - per Briefwahl abstimmen konnten."

Vjesnik (Zagreb):

"Das russische Idyll wäre fortgesetzt worden, wenn Wladimir Putin seine Amtszeit im Kreml hätte verlängern können. Da dies nicht möglich war, muss sich Russland auf ein neues Modell der Machtteilung einstellen. Allerdings wird dabei nichts Wesentliches geschehen. Die Fäden werden weiterhin von Putin gezogen, den die Russen lieben, einige sogar vergöttern, und dessen Worten die meisten zumindest glauben."

Postimees (Talinn):

"Die große Unterstützung für Medwedew kam daher, dass es zu vielen russischen Bürgern im Grunde egal ist, wer Präsident ist. Umfragen im Vorfeld der Wahlen zeigten, dass jeder andere Kandidat genauso gewonnen hätte, solange er nur die Unterstützung von Putin hatte. Und Medwedew gilt als Nachfolger Putins, der die bisherige Politik fortsetzt. Freilich gab es auch keine Alternative zu Medwedew, denn die Opposition wurde massiv behindert, und es fanden auch keine Debatten zwischen den Kandidaten statt."

Corriere della Sera (Mailand):

"Der Wachwechsel im Kreml ist nicht nur eine Farce, sondern auch eine Hoffnung. Europa und Amerika täten gut daran, sich die Pläne Putins und Medwedews genau anzusehen. Und sie müssten dabei dem eigentlichen Zaren sowie dem, der es dem äußeren Schein nach ist, eines deutlich machen: dass ein Russland ohne politischen Pluralismus und Informationsfreiheit niemals den Argwohn des Westens wird überwinden können."

Guangzhou Ribao (Peing):

"Es bleibt aber abzuwarten, ob der 13 Jahre jüngere Medwedew das politische Erbe Putins fortführen und lediglich als dessen willenloser Strohmann fungieren wird. Vielleicht wird er auch eines Tages vom Kurs seines Vorgängers und Mentors abweichen - so wie es einst Putin mit Jelzin tat. Diese Frage lässt sich heute noch nicht beantworten, aber eines ist sicher: Beide sind grundverschieden, was ihre Herkunft, ihren Stallgeruch, ihren Charakter und ihre Vorlieben angeht. Bislang kannten wir Medwedew als getreuen Gefolgsmann Putins, fortan werden wir aber auch die 'andere Seite' des designierten russischen Präsidenten kennenlernen."

Rzeczpospolita (Warschau):

"Medwedew steht für eine moderne Denkweise. Die wichtigsten Motoren für die Entwicklung Russlands sind für ihn Modernisierung und Bildung, und nicht Aufrüstung. Medwedew spricht häufig von der Bedeutung der Freiheit und von der Notwendigkeit, die Demokratie zu stärken. Falls er diesen Kurs hält, wird dies auch die Beziehungen zum Westen positiv beeinflussen."

USA Today (Arlington):

"Eine Rückkehr zu den verloren gegangenen demokratischen Freiheiten und eine Abkehr von Putins Rhetorik des Kalten Krieges sind erforderlich, damit Russland eine stabile Demokratie wird. Aber diese Frage wird eher in Westeuropa und den USA gestellt als in Russland selbst. Glaubt man den Umfragen, sind die Russen sehr zufrieden mit der größeren Stabilität und den verbesserten Lebensbedingungen - auch wenn diese Errungenschaften zulasten der Freiheit gehen."

Tagesanzieger (Zürich):

"Die Mär von der Stabilität wird nicht wahrer, je häufiger man von ihr spricht. Putin und sein Team sind nicht einmal in der Lage, sich einem politischen Wettbewerb zu stellen. Nach acht Jahren Wirtschaftswachstum und bei einem Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel würde jede amtierende Regierung freie und faire Wahlen gewinnen. Die Machthaber im Kreml probieren es nicht einmal. Stattdessen tricksen sie einen der Ihrigen ins Amt."

Neue Zürcher Zeitung (Zürich):

"Aufgefallen ist während eines Präsidentschaftswahlkampfes, der kaum stattgefunden hat, nur, dass Medwedew sich mit gewissen Sprachregelungen des in Putins Entourage propagierten Jargons wie 'gelenkte' oder 'souveräne' Demokratie offenbar nicht identifizieren will. Jedenfalls erklärte er dazu einmal, ihm sei der Begriff Demokratie ohne einschränkende Zusätze eigentlich lieber. Wenn das nicht nur schöne Worte bleiben, müsste Russland in den nächsten Jahren offenere und spannendere Wahlkämpfe erleben."

Handelsblatt (Düsseldorf):

"Operation Nachfolger erfolgreich abgeschlossen: Nach dem gestrigen Urnengang kann Russlands starker Mann, Wladimir Putin, den letzten Punkt auf seiner Liste abhaken, die Wahl von Dmitrij Medwedjew zum Präsidenten. Was nun folgt, hat es in der russischen Geschichte noch nie gegeben: Der mächtigste Mann des Landes, selbstbewusst und noch voller Tatendrang, tritt ab und übernimmt ein nachgeordnetes Amt, wohl das des Ministerpräsidenten."

Financial Times Deutschland (Frankfurt):

"Immerhin verfügt Dimitri Medwedew über ein paar Eigenschaften, die Hoffnung machen. Er entstammt nicht, wie andere Kreml-Insider, dem Geheimdienst, der in der Sowjetunion ein Repressionsorgan war. Er ist nicht in planwirtschaftlichem Denken gefangen. Und er verzichtet bisher auf aggressive Rhetorik gegenüber Europa und den USA."

Frankfurter Rundschau (Frankfurt):

"Russlands neuer Präsident Dmitri Medwedew hat ein Problem. Denn während Wladimir Putin vor acht Jahren im zweiten Tschetschenienkrieg als harter Kriegspremier in den Kreml einzog, haftet Medwedew bisher das Image des Softies an. Eines Softies, der zudem in den Augen der Russen am Gängelband Putins hängt, aber keine eigenständige politische Persönlichkeit ist. Will er dieses Bild ändern, muss sich Medwedew über kurz oder lang von Putin emanzipieren."

Landeszeitung (Lüneburg):

"Nach Schließung der Wahllokale ließ der Kreml nur eine knappe Stunde Schamfrist verstreichen, dann wurde Dmitri Medwedew zum Sieger der Präsidentenwahl ausgerufen. Medwedew kann aber aus seiner Wahl keine demokratische Legitimation ableiten. Ihm wird nicht nur der Makel anhaften, ein Präsident von Putins Gnaden zu sein, sondern auch der Makel des Wahlbetrugs. Putin hatte die Meinungs- und Pressefreiheit quasi abgeschafft, liberale Kandidaten wurden gar nicht erst zur Wahl zugelassen und die rund 110 Millionen Wahlberechtigten wurden mit allen Mitteln dazu gedrängt, zur Wahl zu gehen und für den 'Richtigen' zu stimmen."

Volksstimme (Magdeburg):

"Für das, was nun kommt, wird gern ein Vergleich zum Jelzin- Abgang bemüht. Damals hat der KGB-geschulte Putin seinen politischen Ziehvater bald mächtig in die Pfanne gehauen. Für ein ähnliches Szenario bräuchte Medwedew beinahe übermenschliche emanzipatorische Kraft. Denn Jelzin hinterließ Chaos. Putin hingegen hat das Land wieder stark gemacht. Diesen Nimbus jedenfalls hat er bei den meisten Russen. Damit kann der hemdsärmlige Putin den feineren Medwedew notfalls bremsen."