New York Times (New York):
"Die Demokratische Partei hat Barack Obama erwählt und Hillary Clinton vor eine Entscheidung gestellt. Frau Clintons Ankündigung, sich Ende der Woche zurückzuziehen, ermutigt zu glauben, dass sie das richtige tut: aus dem Wahlkampf auszusteigen in einer Weise, die die Partei eint. Dass sie ihre Kampagne vorerst nur ausgesetzt hat, deutet darauf hin, dass sie ihr Gesicht wahren und die Begeisterung ihrer Anhänger anerkennen will. Es ist nun an Obama, zu entscheiden, ob er sie zu seiner Vizepräsidentin machen will. Aber wenn das Hillary Clintons Ziel ist, dann darf das keinefalls eine Voraussetzung für ein Ende der Rivalitäten sein."
Le Monde (Paris):
"Die Spaltung der demokratischen Wählerschaft zwischen Barack Obama und Hillary Clinton wird bleiben. Die Senatorin aus New York will anscheinend ihr Abenteuer fortsetzen und eine Diskussion über das Programm der Demokraten erzwingen, besonders über die Krankenversicherung und den Truppenabzug aus dem Irak. In dieser Debatte könnte sie in drei Monaten auf dem Parteikongress in Denver auf eine Entscheidung dringen. Clinton versucht sich auf diese Weise Obama als Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten aufzudrängen."
Kommersant (Moskau):
"Obama und der Republikaner McCain haben jetzt mehr oder weniger gleiche Wahlchancen. In dieser Situation dürfte Obama nur noch ein Schulterschluss mit Hillary Clinton helfen. Wenn die ehemalige First Lady zur offiziellen Vize-Präsidentschaftskandidatin wird, würde Obama erstens die vielen Millionen Clinton-Wähler auf seine Seite ziehen. Zweitens könnte dies das Argument der republikanischen Propaganda-Maschinerie, der Kandidat der Demokraten sei unerfahren, bedeutend schwächen."
Neue Zürcher Zeitung (Zürich):
"Sollte er sich für Hillary Clinton als Ticket-Partnerin entscheiden, wäre er bereits als ein Präsident gebrandmarkt, der unter Druck nachgibt. Das kann er sich kaum leisten. Er wird sich deshalb nicht in erster Linie um die Wähler Hillarys kümmern, die ohnehin enttäuscht sind, sondern um jene Unabhängigen, mit denen auch McCain liebäugelt. Auch der Republikaner hat schließlich seine Rechtskonservativen, die ihn mit Misstrauen beäugen und die im Vorwahlkampf für Mike Huckabee gestimmt hatten."
El Mundo (Madrid):
"Obama muss die innere Spaltung der Demokraten überwinden und entscheiden, welche Rolle Hillary Clinton spielen soll. Er weiß, dass der Schatten der früheren First Lady lang ist. Wenn er mit Hillary Clinton ein Gespann bildet, muss er um seine politische Linie und seine Führungsrolle fürchten. Viele Anhänger der Demokraten wollen eine solche Kohabitation gar nicht. Von Obamas Entscheidung hängt es nun ab, ob die Demokraten eine echte Versöhnung erleben werden."
The Times (London):
"Bei den Vorwahlen ging es um Persönlichkeiten. In dieser nächsten Phase geht es um die Bildung einer soliden Regierungsgrundlage. Obama muss sich entscheiden zwischen einem Markt-Liberalismus oder der Politik von Subventionen und Intervention. Obama hat Charisma, sein republikanischer Konkurrent McCain eine unschlagbare Biographie. Doch die Amerikaner und die Welt brauchen mehr als eine Persönlichkeit. Sie wollen ein politisches Programm."
Milliyet (Istanbul):
"Kann es einen schwarzen US-Präsidenten geben? Die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht. Obama hat während seiner Kampagne vom 'Wandel' gesprochen. Damit hat er die Unterstützung vieler Amerikaner gewonnen. Dass ein Schwarzer Präsidentschaftskandidat wird und die Möglichkeit zum Einzug ins Weiße Haus hat, ist selbst schon ein großer Wandel, ja gar revolutionär. Für die amerikanische Gesellschaft ist nicht die Hautfarbe Obamas wichtig. Vor allem geht es um dessen Ideen und Ziele. Das ist das erste konkrete Signal für den Wandel."
ABC (Madrid):
"Der Erfolg von Obama ist eine wahre Sensation. Denn er wäre nicht nur der erste schwarze Präsident der USA. Vielmehr zeigt sich Obama wenig systemkonform, und mit seinem Versprechen von einem großen Wandel hat er ein wahres politisches Erdbeben ausgelöst. Obama steht für eine Bewegung, die gegen ein verkrustetes politisches Establishment rebelliert. Das Präsidentenamt der einzigen Supermacht der Welt bedeutet zwar auch, sich der trockenen und pragmatischen Machtpolitik unterzuordnen. Aber derzeit scheint es, als hätten die US-Bürger keine Angst vor einem möglichen Neuanfang."
Die Welt (Berlin):
"Obama hat eine immense Aufgabe, Clinton eine immense Verantwortung. Theorien der Art, sie wolle Obama scheitern sehen, um 2012 McCain als Präsidentin abzulösen, werden sogar unter Abgeordneten gehandelt. Solche Ansichten können eine Partei vergiften. Clintons 18 Millionen Wähler haben nur einen Weg: Obama als Kandidaten zu akzeptieren. Tun sie es nicht, endet es im Amtseid John McCains, des einzigen Kandidaten, der je im Ausland Kriegsgefangener war. Auch das wäre ein bemerkenswertes Ergebnis des Wahljahres 2008."
Frankfurter Rundschau (Frankfurt):
"Wir wissen noch nicht, ob Barack Obama der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird. Ob die Amerikaner sich am Ende trauen werden, den jungen, schwarzen Senator tatsächlich zu wählen. Wir wissen aber schon jetzt, dass eine Wahl Obamas der Welt gefallen würde. Obama hat nicht nur den USA im Inneren ein neues, ein optimistisches Lebensgefühl zurückgegeben. Er hat dem Land auch nach außen ein anderes, freundlicheres Gesicht aufgesetzt. Mit Obama würde uns natürlich kein völlig verwandeltes Amerika begegnen. Die Amerikaner behielten ihre strategischen Interessen und ihre Stärken genauso wie ihre Paranoia und ihre Marotten. Die Welt würde aber zu gern die Gelegenheit ergreifen, die Amerikaner wieder mit anderen Augen zu sehen - als Vorbild statt als Problemfall, als Freund statt nur als Partner."
Rheinische Post (Düsseldorf):
"Bis dato hat Obama den Schulterschluss mit den kleinen Leuten nicht herstellen können. Umso dringlicher ist es, dass er sich mit der Frau verbündet, die den Durchschnittsamerikaner am besten erreicht. Mit Hillary Clinton. Nein, an der Verliererin der Kandidatenkür führt kein Weg vorbei. Knapp 18 Millionen Menschen haben für Clinton gestimmt, fast genauso viele wie für Obama."
tageszeitung (Berlin):
"Hillary Clinton die Vizepräsidentschaftskandidatur anzubieten, scheint nahezuliegen. Es wäre aber der falsche Weg. Zum einen würde nach diesen harten Vorwahlen niemand mehr glauben, dass dies eine freiwillige Entscheidung wäre. Zweitens hat Clinton selbst bislang nicht einmal die Mindestanforderungen erfüllt. Statt die Niederlage einzugestehen, Obama in den Himmel zu loben und zu versprechen, ab jetzt mit all ihrer Kraft dafür zu arbeiten, dass er im November die Wahl gewinnt, hat sie ihm selbst im Moment seines Triumphes noch Medienaufmerksamkeit abgejagt. Außerdem holt, wer Hillary Clinton an Bord nimmt, ihren Ehemann Bill mit dazu. Das ist nach dessen Ausfällen während der Vorwahlen nicht nur unangenehm, sondern tendenziell sogar schädlich."
Stuttgarter Zeitung (Stuttgart):
"Die Ausgangslage der Demokraten ist immer noch gut. Doch in den vergangenen Monaten ist sie nicht unbedingt besser geworden. Die Lage im Irak hat sich stabilisiert, was Wasser auf die Mühlen von McCain ist, der früh die dahinter stehende Militärstrategie unterstützt hat. Erste Indikatoren weisen darauf hin, dass die amerikanische Wirtschaft vielleicht nicht so tief abstürzen wird, wie ursprünglich befürchtet. Obama muss erst den Schwung seines frühen Wahlkampfes wiederfinden. Seine mitreißende Siegesrede war ein guter Anfang."