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Barack Obama: Geteiltes Echo nach Berliner Auftritt

25. Juli 2008 Barack Obama: Geteiltes Echo nach Berliner Auftritt

Visionäre Rede oder kalkulierte Propaganda?

Süddeutsche Zeitung (München):

"Obama hat sich bislang im Wahlkampf als gewiefter Taktiker erwiesen. Er ist sich immer bewusst, für welches Publikum er gerade spricht. In Berlin hat er zwar von begeisterten Deutschen Sympathien eingeheimst, seine eigentlichen Adressaten waren aber die zaudernden weißen Wähler in Ohio und Pennsylvania, Colorado und Virginia. Sie will er überzeugen, dass die Welt auch auf einen schwarzen US-Präsidenten hören wird. Und noch eines muss man bei Obama wissen: Selbst in Stein gemeißelte Positionen räumt er leicht und passt sich neuen Erfordernissen an. Seine Absage an Freihandelsabkommen ist inzwischen aufgeweicht, auch der vollständige Abzug aus dem Irak gehört längst nicht mehr zum Programm. Das darf man nicht vergessen, wenn man Obamas Berliner Rede auf ihren Gehalt abklopft."

Die Welt (Berlin):

"Obama hat eine Chance vertan, sich inhaltlich als der Neuerer zu zeigen, der zu sein er vorgibt. Es gab einmal eine Zeit, in der es von revolutionärem Mut war, "wir" zu sagen. Als Martin Luther King gleiche Rechte für Schwarze und Weiße forderte und das nicht mit Hass tat, sondern mit dem Wunsch, ein farbenblindes amerikanisches "Wir" zu schaffen: Damals war das mutig. Viele Friedensdemonstrationen und hunderttausend Friedenscamps später ist es billig und ohne Inhalt, das große "Wir" der Menschheit einzuklagen. Es klang zwar hübsch, war aber nur ein Taschenspielertrick, als Obama dazu aufrief, den Kampf gegen alle Übel der Welt, gegen Terrorismus, Umweltverschmutzung, Ungerechtigkeit in der Welt ganz einfach als die Fortsetzung der Berliner Luftbrücke von 1948 zu sehen."

Oldenburgische Volkszeitung (Vechta):

"Er klingt zwar pazifistisch und mitreißend, wenn er die Vision von einer atomwaffenfreien Welt ausruft. Doch Obama hat zugleich nicht versäumt, die Notwendigkeit eines dichten Netzes von US-Militärbasen rund um den Globus zu betonen. Obama ist entschlossen, im Falle seines Wahlsieges die traditionelle Rolle der USA als Weltpolizist fortzusetzen. Auch das Wort "Gleichberechtigung" fehlte bei seinem sehr unverhohlenen Werben um deutsche und gesamteuropäische Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus."

Frankfurter Rundschau (Frankfurt):

"Der Obama von Berlin hat uns gezeigt, dass nicht nur Amerika sich bessern muss. Er hat klargemacht, dass er in Afghanistan mehr europäische Hilfe wünscht. Und dass die Welt Hunger, Terror und Klimawandel nur bekämpfen kann, wenn sie zusammensteht. Aber er kann und wird uns nicht die ganze Wahrheit gesagt haben. Vielleicht werden wir in zwei Jahren einen Obama erleben, der die Todesstrafe nicht nur in Einzelfällen, sondern auch grundsätzlich vehement verteidigt, der im Atomstreit mit dem Iran keine andere Wahl mehr sieht als militärische Aktionen, der seine Abzugspläne aus dem Irak verwerfen muss. Oder einen Obama, der die USA zu einem ökologischen Musterland umbauen will und dennoch vor internationalen Abkommen zurückschreckt."

Mitteldeutsche Zeitung (Halle (Saale)):

"Die Deutschen haben für die Amerikaner schon mal entschieden: der neue US-Präsident heißt Barack Obama. Der ist so ganz anders als der alte: smart, geistreich, bezaubernd. Den muss man einfach mögen."

Weser-Kurier (Bremen):

"Wer nach der Rede davonging, dürfte ganz beseelt gewesen sein, gemeinsam mit Amerika in aller Welt nur noch Gutes zu tun. Eine schöne neue Welt. Am besten wäre eigentlich, wenn Obama ewig Kandidat bliebe. Wird er Präsident, ist Schluss mit Pathos, es droht die Wirklichkeit."

Kölnische Rundschau (Köln):

"Man hat George W. Bush immer wieder Arroganz gegenüber den Europäern vorgeworfen. Aber wenn man die deutschen Gastgeber in erster Linie als Staffage für einen bilderträchtigen Wahlkampf-Auftritt braucht - und diesen Eindruck konnte man durchaus gewinnen - dann mag sich schon die Frage stellen, ob sich darin nicht dieselbe Arroganz in etwas sympathischerem Gewande zeigt."

Münchner Merkur (München):

"Obamas Auftritt in Berlin war eine eiskalt kalkulierte Propagandaübung mit dem Ziel, jene Amerikaner zu überzeugen, die noch schwanken, wem sie am 4. November ihre Stimme geben sollen."

Flensburger Tagblatt (Flensburg):

"Als «Weltbürger» wandte er sich an die Berliner. Dabei missbrauchte er seine Rede nicht zu Wahlkampfzwecken. Wer an der - perfekt inszenierten - Politshow herummäkelt, vergisst, wo die Achillesferse auch der deutschen Politik liegt. Sie erreicht viele Menschen nicht mehr, sie verstrickt sich in Details und zeigt zu wenig Ziele auf."

Aachener Zeitung (Aachen):

"Viele junge Leute kamen in Berlin zu dieser Ansprache. Das ist an sich schon ein erfreuliches Ereignis. Ob Benedikt XVI. oder Obama - solche Auftritte sind immer ein großes Stück Spektakel, Event, Begeisterung um der Begeisterung willen. Dahinter steckt aber auch der Wunsch, gute Ideen zu hören, und das tiefe Bedürfnis nach Idealen."

Dresdner Neueste Nachrichten (Dresder):

"Wer die weltumspannende Obamania dieser Tage verfolgt, der kann tatsächlich glauben, der Senator aus Illinois kann über Wasser gehen und aus Wasser Wein machen. Allein das Brandenburger Tor konnte der schwarze Kennedy noch nicht erobern. Dafür sorgte die deutsche Kanzlerin, die den Überflieger aus Übersee auf Kandidatenmaß zurecht stutzte."