Die Schweizer Neue Zürcher Zeitung vergleicht Merkels Moskau-Besuch mit ihrem Washington-Auftakt: „Der deutschen Bundeskanzlerin Merkel wird Mut attestiert. Sie nehme kein Blatt vor den Mund, heisst es in der deutschen Medienlandschaft angenehm überrascht. Man hatte vermutet, dass sie sich gegenüber dem weltbeherrschenden Hegemon unterwürfig verhalten würde, ungefähr so wie der britische Premierminister Blair, der deswegen Pudel gescholten wird. Weit gefehlt. Bevor sie nach Amerika aufbricht, erklärt sie ‚offen’, das Gefangenenlager in Guantanamo könne ‚so nicht auf Dauer’ weitergeführt werden. Bevor sie in die Gegenrichtung nach Moskau fliegt, wird in deutschen Blättern ganz vorsichtig ‚dem Vernehmen nach’ mitgeteilt, Merkel werde auch die Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien ‚ansprechen’. Der Mut Merkels ist hier schon etwas weniger prononciert und augenfällig, aber noch bemerkenswert, wenn man ihn mit den Äußerungen Schröders vergleicht. […] Man ist in Washington froh, dass in Berlin die Regierung wenigstens nominell gewechselt hat. Dass die Amerika-kritische Grundstimmung im Land von einer Regierungschefin bedient werden muss, die beabsichtigt, längerfristig Veränderungen herbeizuführen, wird verstanden. Der Ton macht die Musik, und der ist bei Merkel anders als bei Schröder. Der Test wird eher in den Beziehungen zu Moskau kommen. Nach Westen Schulmeisterei, nach Osten Pragmatismus: Das ist eine Formel, die nicht aufgeht, weder heute noch auf Dauer.“ Der Wiener Standard begrüsst die bisherigen außenpolitischen Ansätze Angela Merkels als willkommene Erfrischung in Europa: „Mit umsichtiger Vermittlung hat sie entscheidend zur Lösung des EU-Budgetstreits beigetragen. Wo einstige vehemente Irakkriegsgegner wie Schröder und Chirac auffallend laut schwiegen - etwa im Fall Guantanamo - sprach sie Klartext. Ebenso offen begegnete sie dem laut Schröder "lupenreinen Demokraten" Putin. Und das alles auf eine Art, als handle es sich um die natürlichste und selbstverständlichste Sache der Welt. Was es für einen Spitzenpolitiker, der sich dem europäischen Weltbild und Wertekodex verpflichtet fühlt, ja auch sein müsste. Aber die europäischen Egomanen von Chirac über Schröder bis zu Silvio Berlusconi und Tony Blair haben es geschafft, schon solche Selbstverständlichkeiten als Mut erscheinen zu lassen. Damit legen sie ihren Nachfolgern die Latte ziemlich tief. Das freilich schmälert Angela Merkels bisherige Bilanz keineswegs.“ Der Brüsseler Le Soir merkt an, dass Angela Merkel in Moskau bewusst andere Akzente als ihr Amtsvorgänger gesetzt hat: „Angela Merkel ist nicht mit der Absicht nach Moskau gefahren, die deutsch-russischen Beziehungen komplett umzukrempeln. Aber die Kanzlerin war fest entschlossen, sich von der Politik ihres Amtsvorgängers Gerhard Schröder abzusetzen. Um seinen russischen Kollegen nicht in Verlegenheit zu bringen, unterließ es Schröder, ihn öffentlich zu kritisieren. Angela Merkel hat diese Kameradschaft beerdigt. Sie vermied gewissenhaft das Wort 'Freundschaft', mit dem sie die deutsch-amerikanischen Beziehungen bei ihrem Besuch in den USA in der vergangenen Woche beschrieben hatte.“ Der Moskauer Kommersant interpretiert den Merkel-Besuch hingegen als Zeichen der deutsch-russischen Kontinuität: „Freundin Angela. Merkels Auftreten war für Präsident Putin in keiner Hinsicht eine Enttäuschung. Selbst sein Lieblingsprojekt, die Ostsee-Gaspipeline, bezeichnete die Kanzlerin als ein "Projekt von strategischer Bedeutung" für Deutschland. Man hat den Eindruck, dass Frau Merkel mit aller Kraft versucht, den von Schröder eingeschlagenen Russland-Kurs weiterzuführen.“ Die Frankfurter Allgemeine Zeitung lobt die bisherigen Auslandsauftritte von Bundeskanzlerin Merkel: „Schon mit ihrem Besuchsprogramm hatte die Kanzlerin deutlich gemacht, daß Russland für sie mehr ist als Putin, aber immer noch keine lupenreine Demokratie. Frau Merkel bewies in wenigen Wochen, daß sie im Ausland 'bella figura' zu machen versteht und so unterschiedliche Charaktere wie Berlusconi, Blair und Chirac zu nehmen weiß. Sie emanzipierte sich von Schröders 'deutschem Weg', ohne den Anspruch Deutschlands auf eine eigenständige Rolle in der Weltpolitik aufzugeben.“