L'Humanite (Paris):
"Die Sieger der heutigen Wahlen sind schon im Voraus bekannt: die Taliban. Sie sind es, die während des Wahlkampfs die Schlagzeilen gemacht haben. Dabei sollte mit dem Urnengang unter Beobachtung der US- und NATO-Truppen eine Normalisierung des Landes demonstriert werden. Heute stehen die Terroristen erneut vor den Toren von Kabul. Das ist ein strategisches Fiasko für Washington und seine westlichen Alliierten."
Berlingske Tidende (Kopenhagen):
"Karsai ist im Westen nicht beliebt, weil in seiner Amtszeit keine entscheidenden Fortschritte erzielt wurden. Er wird auch beschuldigt, seine Augen vor der weit verbreiteten Korruption verschlossen zu haben. Trotzdem muss man feststellen, dass er jetzt der beste Kandidat ist, weil er die Erfahrung hat, und weil ein Machtwechsel zum jetzigen Zeitpunkt Afghanistan in eine neue Krise versetzen würde. Das können die Nato-Länder und die westliche Welt jetzt nicht gebrauchen. [...] Karsai ist nicht der optimale Kandidat. Aber das Problem ist, dass die anderen Kandidaten das auch nicht sind. Deshalb ist Karsai - trotz allem - die sichere Karte."
Washington Post (Washington):
"Es ist ein leichtes, all die Punkte aufzuzählen, an denen die heutigen Wahlen scheitern werden - gemessen an westlichen demokratischen Standards, aber auch gemessen daran, was die Afghanen selbst erwartet hatten. Die Gewalt ist in den vergangenen Monaten eskaliert, die Zahl der Attentate in und um Kabul stieg noch einmal an. In einigen Teilen des Landes wird es sehr gefährlich, wenn nicht unmöglich sein, zu wählen. Dazu kommt, dass viele nicht besonders motiviert sind, denn: Präsident Karsai, der die Umfragen anführt, hat sich kaum bemüht, einen öffentlichen Wahlkampf zu führen. Stattdessen schloss er Abkommen mit korrupten Rebellen-Anführern und Warlords, die das Land seit Jahrzehnten knechten. Dennoch: die Wahl in Afghanistan ist ein Fortschritt für einen Staat, dessen Vorankommen in kleinen Etappen gemessen werden muss."
Gazeta Wyborcza (Warschau):
"Diese Wahlen erinnern in nichts an die Präsidentenwahl vor fünf Jahren. Damals konnten die Afghanen zum ersten Mal frei ihr Staatsoberhaupt wählen, und Karsai verkörperte Hoffnung. Heute ist der Präsident das lebendige Zeugnis enttäuschter Hoffnungen und westlicher Ratlosigkeit. Es werden keine guten Wahlen werden."
Salzburger Nachrichten (Salzburg):
"Afghanistan muss einen eigenen Weg in die Zukunft finden. Diese Präsidentschaftswahlen, betonte ein EU-Sprecher, seien entscheidend für die Zukunft Afghanistans. Dem wollen wir widersprechen. Diese zweiten Wahlen seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001 kennzeichnen eine Etappe eines sehr langen Weges. Entscheidend für die Zukunft ist der Donnerstag aber wohl kaum. Gesellschaftliche Entwicklungen pflegen sich nicht an Stichtage zu halten - selbst wenn sie von Beobachtern aus dem westlichen Kulturkreis gewichtet werden. Der Wahltag bietet allerdings Gelegenheit und Anlass, eine Bilanz über die vergangenen Jahre zu ziehen."