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26.01.2009VORBILD FÜR GANZ EUROPA?

Spanien: Jugend reagiert auf die Wirtschaftskrise mit stoischer Zufriedenheit

Noch im Sommer feierte Spanien nach dem Erfechten des EM-Titels sein Sommermärchen. Die Integration in die Europäische Union war 34 Jahre nach Franco nicht nur politisch, sondern auch sportlich ein Erfolg. Die Wirtschaft blühte, mit einer Joblosenquote von unter 8 Prozent stand das Land sehr gut da. Wenige Monate später mutet dasselbe Bild winterlich-trist an: Unter Rekordarbeitslosigkeit, exorbitanten Mieten und einem Zuwanderungsproblem leidet vor allem die Jugend. Doch die gibt sich stoisch.

Mit einer Arbeitslosenquote von mittlerweile 14 Prozent  darbt Spanien im Moment am unteren Ende Europas. In realen Zahlen sind dies 3,2 Millionen Erwerbstätige ohne festen Job. Noch Ende 2007 blühte der spanische Arbeitsmarkt. Mit weniger als 1,8 Millionen Arbeitslosen und einer Quote von unter  acht Prozent waren in Spanien im vorvergangenen Jahr  so wenige Menschen ohne Arbeit wie seit 1978 nicht mehr.

Bankenkrise nur ein kleiner Teil des Problems

Mit guten Wachstumsraten schmückte der sozialistische Ministerpräsident Zapatero seine ersten Jahre an der Macht, auch wenn er eigentlich nie für wirtschaftspolitische Kompetenz stand. Das könnte sich nun rächen, denn das über 3-prozentige Wachstum des Jahres 2007 brach 2008 ein, Zapatero konnte nur noch ein kleine Steigerung des BIP verkünden, um schlappe 0,3 Prozent. Im kommenden Jahr droht sogar ein Minuswachstum, trotz eines geplanten 11-Milliarden-Euro schweren Konjunkturprogramms zur Ankurbelung der heimischen Bau- und Automobilindustrie.

Die Krise ist damit auch oder gerade in Spanien angekommen. Doch anders als in den USA und England waren es nicht  unseriöse Bankspekulationen, die die Wirtschaft in den Abgrund zog. Schon seit mehreren Jahren hat Spanien ein vorbildliches Bankenkontrollsystem. Dennoch sind die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise auch in Spanien zu spüren. In Verbindung mit den heimischen Problemen ist es sogar eine handfeste Krise geworden.

Der Immobilienmarkt bricht ein

Schon seit Jahren wurde das nahe Ende eines vollkommen überbewerteten Immobilienmarktes vorhergesagt - nun ist es gekommen. Nach jahrelangem Raubbau an der Natur vor allem an den Küsten ist kaum mehr ein Landstrich nicht als Bauland ausgewiesen, unzählige angefangene Bauprojekte schmücken das in den 70er Jahren unter Franco noch so unberührte Land. Mit dem Tourismus kam das Geld, die Natur musste dafür weichen. Doch nun sind andere Länder billiger, die vielen Touristentempel stehen oftmals leer.

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Viele Nordeuropäer, allen voran die Deutschen, investierten in Spanien, kauften sich Ferienwohnungen oder Häuser und trieben damit die Preise in die Höhe. Zunächst profitierte Spanien, der Tourismus brachte den großen Boom. Zudem wichen viele Großunternehmen auf den billigen spanischen Markt zur Produktion aus und schufen unzählige Arbeitsplätze - die Automobilindustrie allen voran. Doch auch sie schwächelt nun. Dazu kommen die überzogenen Immobilienspekulationen und  aufgeblasenen Preise, politische Korruption und eine zweifelhafte Wohnpolitik, die vor allem den Kauf aber nicht die Miete von Wohnraum fördert.

Jugend ohne Zukunft?

Die goldenen Jahre sind nun vorbei, vor allem die spanische Jugend leidet. Nach einer Umfrage von El Pais geben 30 Prozent der Befragten zwischen 18-29 an, das größte Problem sei es, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Deswegen verlassen die meisten Spanier auch erst mit 30 Jahren ihr Elternhaus. Ein zweites Problem sind die niedrigen Löhne. Knappe 40 Prozent der jungen Spanier verdienen laut der Gewerkschaft Comisiones Obreras gerade einmal 1000 Euro brutto im Monat. Die Zukunft sieht noch düsterer aus.

Unsichere Einjahresverträge oder ein besseres Praktikantengehalt, von dem bis zu achtzig Prozent für die spanische Durchschnittsmiete von knapp 650 Euro draufgeht, sind die größten Probleme der Jugend. Von Oktober bis Dezember verloren zudem über 300.000 Spanier zwischen 16 und 29 ihren Job, in diesem Jahr soll sich die Situation weiter verschärfen. Wegen eines Rekorddefizits von 5,8 Prozent und einem voraussichtlichen Minuswachstum im kommenden Jahr um 1,6 Prozent stehen Spanien schwere Zeiten bevor. Glaubt man der EU-Kommision werde die iberische Halbinsel mit am schwersten von der Krise getroffen: 2010 könne die Arbeitslosenquote auf 19 Prozent steigen.

Das Einwandererproblem schwelt

Schon jetzt ist die Dunkelziffer wahrscheinlich um ein Vielfaches höher. Vor allem die unzähligen zum Teil illegalen afrikanischen Einwanderer und die legalen Gastarbeiter stehen ohne Einkünfte da. Vor allem in den Süden des Landes mit der großen Landwirtschaftsproduktion reisen die Arbeiter , die auf dem Bau keinen Job mehr finden. Aus dem ehemaligen großen Wirtschaftsmotoren Madrid und Barcelona geht es nun zur Arbeit nach Andalusien oder in das valenzianische Umland mit den großen Obstplantagen. Spanische Feldarbeit wird nun wieder mit spanischen Händen geleistet, die ehemals so hilfreichen Gastarbeiter stehen ohne Arbeit da.

In den vergangenen Jahren hörte man immer wieder von Ausschreitungen gegen die unzähligen Zuwanderer aus Marokko bis Zentralafrika. Vor Jahren jagten andalusische Bauern illegale Einwanderer und wollten sie anschließend erschlagen, vergangenes Jahr demonstrierten in der spanischen Hauptsstadt in unmittelbarer Nähe zum 'Ausländerviertel' Lavapies unzählige Rechtsradikale gegen eine angebliche Überfremdung Spaniens und gingen anschließend gegen die Anwohner vor.

Die Zufriedenheit bleibt

Doch eine wirkliche Gefahr von wie auch immer gearteten Unruhen besteht in Spanien deswegen nicht: "Im Gegensatz zu den europäischen Altersgenossen sind sie gemütlicher, vielleicht auch abhängiger und inaktiver und es fehlt ihnen die Bereitschaft, Verpflichtungen zu übernehmen. Ein Beispiel dafür ist das geringe Interesse an der Politik oder für ihre Interessen auf der Straße zu demonstrieren", erklärt Manuel Martín Serrano, Soziologie-Professor der Universität Complutense in Madrid.

Auch wenn das mangelnde Interesse der Jugend an Politik wohl ein europäisches Problem ist, haben die meisten Spanier, vor allem die Jugendlichen, demnach eine besondere Einstellung zum Leben: Sie sind einfach zufrieden, bestätigt durch die aktuelle Umfrage der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa. In Sachen ‚Wohlbefinden‘ belegte Spanien Platz zwei unter allen Mitgliedsstaaten, insgesamt ist das Leben in Spanien am fünftbesten bewertet. Dieser Mittelwert berücksichtigt sowohl harte Faktoren wie einen sicheren Job als auch weiche Faktoren wie eine ausgezeichnete Fußballmannschaft, viel Sonne und die tägliche Siesta - eben das allgemeine Wohlgefühl.

Die spanische Einschätzung der Lage ist ein Beleg dafür, dass auch während einer Krise kleine Dinge große Freude bereiten können und das typisch deutsche Jammern im internationalen Vergleich mal wieder übertrieben ist.

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