Die serbische Polizei hat am gestrigen Montagabend den seit mehr als zehn Jahren flüchtigen bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic festgenommen. Das UN-Kriegsverbrechertribunal wirft dem heute 63-Jährigen Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Die serbische Staatsanwaltschaft hat Karadzic noch in den frühen Morgenstunden erstmals vernommen. Der mutmaßliche Kriegsverbrecher bezeichnete das Verfahren jedoch als Farce und wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern.
„Karadzic ist gefunden worden und in Haft“, teilte der serbische Präsident Boris Tadic am späten Montagabend mit und löste damit außerhalb Serbiens große Erleichterung aus. Vor allem in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo sowie in Srebrenica feierten hunderte Menschen die Nachricht mit Hupkonzerten auf den Straßen. UN-Chefankläger Serge Brammertz sprach er von einem „Meilenstein“, UN-Generalsekretär Ban Ki-moon begrüßte die Festnahme als „historischen Moment“. Lediglich serbische Nationalisten kritisierten die Verhaftung.
Die genauen Umstände der Festnahme sind bisher noch nicht bekannt. Laut Polizeiangaben sollen die Behörden Karadzic schon seit Wochen beobachtet haben. Den entscheidenden Hinweis zur Ergreifung Karadzic’ soll dann allerdings erst ein ausländischer Geheimdienst gegeben haben. Die serbischen Beamten wollen Einzelheiten zur Festnahme im Laufe des heutigen Dienstags bekannt geben.
Der 1945 im heutigen Montenegro geborene Radovan Karadzic war seit 1996 vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien auf der Flucht. Das der UN unterstehende Haager Tribunal wirft Karadzic Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnien-Krieg 1992 bis 1995 vor. Am 11. Juli 1995 befahl Karadzic die Einnahme der unter UN-Schutz stehenden Stadt Srebrenica. Dort hielten sich mehr als 40.000 bosnische Flüchtlinge auf. Während die serbische Armee Frauen und Kinder in Richtung Tuzla vertrieb, ermordeten die Soldaten unter der Führung von Ratko Mladic etwa 7.000 wehrlose Zivilisten.
Die internationale Gemeinschaft zeigte sich über die Festnahme Karadzic’ erleichtert. Die französische EU-Ratspräsidentschaft begrüßte die Ergreifung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers als „wichtigen Schritt auf dem Weg hin zu einer Annäherung Serbiens an die EU.“ Der Chefankläger des Haager Tribunals, der Belgier Serge Brammertz, gratulierte den serbischen Behörden. „Das ist ein wichtiger Tag für die Opfer, die seit über einem Jahrzehnt auf diese Festnahme gewartet haben. Es ist auch ein wichtiger Tag für die internationale Justiz, da dies klar vor Augen führt, dass niemand außerhalb des Gesetzes steht und dass alle Flüchtigen früher oder später der Justiz überstellt werden.“
Die US-Regierung gratulierte der serbischen Regierung ebenfalls zu der Festnahme. Man könne den Opfern der Kriegsgräuel keinen besseren Tribut zollen, als die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen, erklärte das Weiße Haus in Washington. Der Zeitpunkt der Festnahme nur wenige Tage nach der Gedenkfeier für die mehr als 7.000 Opfer des Srebrenica-Massakers sei „besonders passend“. Der ehemalige US-Balkanvermittler Richard Holbrooke verglich Karadzic mit dem weltweit gesuchten Terroristen Osama Bin Laden. „Wenn Karadzic jetzt von der Szene verschwindet, wird das enorm bei der Schaffung von Stabilität helfen“, so Holbrooke.
Auf Kritik und Unverständnis stieß die Festnahme Karadzic’ hingegen unter serbischen Nationalisten. „Damit verschwinden die Menschen, die ein Symbol des Patriotismus sind“, zeigte sich der Generalsekretär der Radikalen (SRS), Aleksandar Vucic unverbesserlich. Die Gründe für die Festnahme lieferten die Nationalisten gleich mit: Die neue pro-europäische Regierung habe der EU mit der Verhaftung eine Gefälligkeit erweisen müssen, nachdem Brüssel die Regierungsparteien in der Vergangenheit unterstützt hatte.
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Das Haager UN-Tribunal hatte seit zwölf Jahre nach Karadzic gefahndet. Doch erst Ende der 1990er Jahre musste sich der einstige Präsident der Republika Srpska vor den Fahndern verstecken. Der damaligen UN-Chefanklägerin Carla del Ponte gelang es in ihrer achtjährigen Amtszeit trotz großer Anstrengung nicht, Karadzic letzlich hinter Gitter zu bringen. Der mutmaßliche Kriegsverbrecher hielt sich in dieser Zeit wahrscheinlich in der Republika Srpska oder in Belgrad auf. Möglicherweise kannten die serbischen Behörden zumindest zeitweise Karadzic’ Aufenthaltsort, waren zur Zusammenarbeit mit del Ponte offensichtlich jedoch nicht bereit.