In Rom sind laut Angaben der Gewerkschaften beinahe eine Million Lehrer und Schüler auf die Straße gegangen, um gegen die von der italienischen Regierung geplanten Kürzungen im Bildungssystem zu protestieren. Auch die Opposition beteiligt sich am Streik. Ministerpräsident Silvio Berlusconi wirft den Oppositionsparteien hingegen vor, Lügen über die geplante Bildungsreform zu verbreiten.
Allein in Rom haben den Organisatoren des Protestmarsches zufolge fast eine Million Menschen demonstriert. Bei den Zahlen ist jedoch eine gewisse Vorsicht geboten. Bei einer Demonstration am vergangenen Samstag hatten die Veranstalter auch von über zwei Millionen Teilnehmern gesprochen - die Polizei revidierte die Schätzung im nachhinein jedoch auf 200.000.
Neun von zehn Schulen seien wegen der Proteste geschlossen, hieß es. Laut der Nachrichtenagentur Ansa weiteten sich die Demonstrationen auf ganz Italien aus: In Mailand legten tausende Schüler den Verkehr lahm, in Venedig blockierten Demonstranten die Verbindungsstrecke der Lagunenstadt mit dem Festland. In Turin bekamen die 50.000 protestierenden Lehrer und Schüler sogar musikalische Unterstützung von einem Orchester. Auch in Brescia, Bozen, Cagliari und Neapel fanden Protestzüge statt. Bereits am Mittwoch griffen rechtsextreme Jugendliche Demonstranten an, die vor dem römischen Senat protestiert hatten. Dabei kam es zu Ausschreitungen mit mehreren Verletzten.
Das italienische Oberhaus hatte am Mittwoch einen Gesetzesentwurf gebilligt, wonach rund 87.000 Lehrerstellen in Grund- und Mittelschulen sowie 44.000 Stellen in der Schulverwaltung wegfallen sollen. Künftig soll jede Klasse nur noch von einem Lehrer unterrichtet werden, die Anzahl an Wochenstunden soll ebenfalls sinken. 4.200 Schulen, die weniger als 50 Schüler zählen, sollen geschlossen werden. Insgesamt will die Regierung durch diese Maßnahmen knapp acht Milliarden Euro einsparen. Die Universitäten müssen weitere Einschnitte in Höhe von 1,7 Milliarden Euro hinnehmen. Italienische Studenten planen daher am 14. November einen Generalstreik.
Auch die linken Oppositionsparteien sowie die Gewerkschaften protestieren gegen die geplante Reform der Berlusconi-Regierung. Der Gewerkschaftsführer Domenic Pantaleo von der linken Gewerkschaft CGIL bezeichnete die Reform als „Zerstörung des öffentlichen Bildungssystems". Die Regierung plane die Etablierung eines privaten Schulsystems, so Pantaleo. Die italienischen Schulen und Universitäten benötigten mehr Mittel, nicht weniger, ist die einhellige Meinung der Demonstranten.
Ministerpräsident Silvio Berlusconi erklärte, die linke Opposition verfüge über die „skandalöse Fähigkeit", Lügen über die Reform zu verbreiten. Tatsächlich ist Italiens Bildungssystem einer kürzlich veröffentlichten Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge verhältnismäßig aufgebläht. Ein italienischer Lehrer unterrichtet im Schnitt 10,7 Schüler, seine europäischen Kollegen kommen durchschnittlich auf 16,2.
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Von den 1960ern bis Anfang der 1990er Jahre waren die Schülerzahlen in Italien dramatisch zurückgegangen, statt vier Millionen gab es nur noch 2,5 Millionen Schüler im Land. Um eine drohende Massenentlassung von Lehrkräften zu verhindern, setzten die Gewerkschaften Anfang der Neunziger das System des 'Lehrerteams' durch. Jede Klasse wurde fortan von mehreren Pädagogen unterrichtet. Infolge dessen stiegen die Lehrerstellen bis heute um 40 Prozent, obwohl die Schülerzahlen weiterhin nicht gestiegen sind. Dadurch verdienen italienische Lehrkräfte im Vergleich zu ihren europäischen Kollegen auch relativ schlecht. Die wenigsten Pädagogen bekommen mehr als 1.800 Euro im Monat, viele müssen Nebenjobs annehmen.