Seit seinem spektakulären Rücktritt Anfang Juni hat es kaum ein deutsches Medium ausgelassen, sich über die Geste des ehemaligen Staatsoberhauptes zu mokieren. Horst Köhler jedoch hat den Menschen in seinem Land einen ausgesprochenen Dienst erwiesen, als er der abgeschotteten Welt des Politikbetriebs in Berlin einen gehörigen Schuss vor den Bug versetzt hat.
Im Establishment isoliert - aber den Menschen sehr nahe: Ex-Bundespräsident Horst Köhler darf vor dem Hintergrund seiner großen Verdienste um Deutschland ruhig unterstellt werden, dass er sich den dramatischen Entschluss zum Rücktritt Anfang vergangener Woche nicht leicht gemacht, sondern ganz im Gegenteil sehr wohl besonnen überlegt hat.
Die maßgeblichen Kommentatoren im Land werfen der früheren Nummer Eins im Staate durch die Bank weg vor, sich als besonders "dünnhäutiger", und auf der Klaviatur der Medien nicht versierter Spieler entpuppt zu haben. In der Stunde bitterster, auch währungspolitischer Not habe er ohne Vorliegen eines triftigen Grundes die Kommandobrücke geräumt.
Diese Linie der Kritik an Horst Köhler erfreut sich momentan zwar hoher Beliebtheit, ist aber deswegen nicht weniger engstirnig, ja kleingeistig. Sie vermag jedoch nicht zu verwundern, stammt sie doch ausgerechnet von jenen Publizisten und Meinungsmachern, die den ehemaligen Bundespräsidenten zuvor schonungslos ins politische Aus trieben. Seinen Schritt gutzuheißen hätte da bedeutet, sich vor allen Dingen erst einmal an die eigene Nase zu fassen.
Vorzuwerfen ist der amtierenden Elite in Politik und Medien nämlich allerhand. Einen Mann guten Willens haben sie systematisch demontiert, weil er von den vielen niedrigen Beweggründen abstrahierte, die ihr tägliches Tun oft ausmacht. Statt aus den intelligenten Worten der Respektperson Horst Köhler den konstruktiven Vorschlag und die messerscharfe Analyse herauszuhören, legten sie ihr Augenmerk auf aus dem Kontext gerissenen Passagen, und ritten darauf aufs Genüsslichste herum.
Statt sich zu Bemühen, das stets vorhandene ethische Empfinden hinter seinen Mahnungen herauszuhören, wurde der immergleiche Maßstab einer politischen Korrektheit angewendet, die mittlerweile einfach nur noch verschlissen daherkommt. Statt die dem Amt geschuldete Mäßigung in der Wortwahl als Tugend zu würdigen, wurde sie als Schwäche angeprangert und rücksichtslos ausgebeutet, um daraus einem pflichtbewußten Amtsträger einen Strick zu drehen.
Angesichts einer solchen Behandlung beschleicht so manchen Bürger im Land die klamme Ahnung, dass Horst Köhler sich von einem derartigen Establishment schlicht distanzieren musste, um das Exempel seiner sechsjährigen Amtszeit von diesem Zirkus abzuheben. In ihm hatte das Land eben einen Bundespräsidenten, der nicht erst morgens die 'Bild'-Zeitung aufschlagen musste, um ein angebliches Volksempfinden wahrnehmen zu können. Er hatte dafür selbst ein Gespür - weil er eben höchstpersönlich kein Kind der Eliten, sondern des Volkes selbst war.
In Deutschland geben heute Köpfe den Ton an, im Bundestag und umso mehr in führenden Medien, die reelle Probleme nicht aus eigener Anschauung kennen, sondern aus zweiter Hand. Zu behütet, und insbesondere von wirtschaftlichen Sachverhalten unbehelligt ist die gegenwärtige Elite an die Schalthebel der Macht gelangt. Eine Tatsache, die sich insbesondere in schwierigen Zeiten rächt.
Verwandte Artikel
Horst Köhler hingegen, so viel ist klar, war kein Bundespräsident taktisch geschickt platzierter Worthülsen. Im Gegenzug war er aber stets authentisch und kompetent. Ohne ihn mutet die deutsche Politik recht trostlos an.
wurschtl (03.07.2010 19:58)Kein Anstand
Was sich im Fall Köhler einige Hinterbänkler erlaubten, ist unfassbar und beispiellos, eigentlich sind solche Politiker, denen die Verfassung unseres Landes offensichtlich fremd ist, nicht mehr wählbar. Die wirkliche Schuld liegt jedoch bei den entsprechenden Parteivorsitzenden, sie hätten bei ihren Parteifreunden Rücksicht auf das höchste Staatsamt anmahnen müssen. Da dies nicht geschehen ist, war der Schritt Köhlers nur richtig und konsequent.