Nach heftigen Proteststürmen werden die Verantwortlichen innerhalb der tschechischen EU-Ratspräsidentschaft wohl Teile des strittigen Kunstwerks 'Entropa', das die Vorurteile von europäischen Staaten im Gebäude des Ministerrates in Brüssel ironisch nachzeichnet, wieder abhängen müssen. Bulgarien hatte sich über seine Darstellung als "Hocktoilette" erzürnt. Indes wurde bekannt, dass sich der Schöpfer des Opus, David Cerny, mit der Riesenskulptur einen gigantischen Schwindel erlaubt hatte.
Der Name 'Entropa' wird in den Hallen des Ministerrates in der belgischen Hauptstadt noch lange nach dem Ende der tschechischen Ratspräsidentschaft widerhallen. Die Riesenskulptur veranschaulicht auf ironische Weise mithilfe der Abbildung von adäquaten Gegenständen Vorurteile über die 27 Mitgliedsländer der Europäischen Union. Einige Länder der europäischen Staatengemeinschaft fanden die skurrile Idee allerdings alles andere als komisch. Neben Bulgarien beschwerte sich auch die Slowakei über ihre Darstellung als verschnürtes Paket. Prag entschuldigte sich am gestrigen Donnerstag in Brüssel offiziell bei allen EU-Partnern für das skandalanrüchige Kunstwerk.
Die 16 Mal 16 Meter große Plastikskulptur hatte sich schon am Dienstag Abend als ein riesiger Kunstschwindel entpuppt. Der Schöpfer des Streitobjektes, David Cerny, hatte angegeben, die Urheber der Großcollage 'Entropa' würden aus allen 27 EU-Ländern stammen. Da hatte sich der renommierte Künstler jedoch einen kleinen Spaß mit den europäischen Spitzenpolitikern erlaubt. Am Dienstagabend trat zutage, dass der 41-jährige Tscheche die Namen der Co-Künstler fingiert hatte, und stattdessen mit Freunden und Bekannten aus seiner Heimat an dem Projekt gearbeitet hatte.
Kaum wurde der Schwindel aufgedeckt, schon zeigte sich Prag reumütig. Der tschechische Europaminister Vondra bot dem sonst in der EU eng mit Prag verbündeten Sofia an, umgehend die skandalerregenden Toiletten aus der Skulptur zu entfernen. "Natürlich bestehen wir darauf", fauchte die Sprecherin der bulgarischen EU-Botschaft, Betina Joteva, zurück. Die Darstellung Bulgariens als "Hocktoilette" sei schließlich ein "Ausdruck schlechten Geschmacks", wie das Außenministerium in Sofia nach Medienberichten vom Mittwoch mitteilte. Die Entschuldigung seitens Prag wollte die bulgarische Botschaftssprecherin zunächst noch nicht akzeptieren: "Darüber sprechen wir erst, wenn der betreffende Teil entfernt wurde."
Vondra bedauerte den Vorfall sichtlich: "Dies hier zeigt nicht, wie die tschechische Regierung die anderen EU-Staaten sieht", stellte der tschechische Vizepremier klar, und zeigte sich schockiert, dass 'Entropa' nicht von Künstlern aus diversen europäischen Ländern gestaltet worden sei. Im Namen der tschechischen Regierung entschuldigte er sich bei allen Mitgliedsländern: "Das betrifft nicht nur die Regierung Bulgariens, sondern auch jedes andere Mitgliedsland."
Der Künstler selbst bedauerte den Vorfall ebenfalls. "Mir tut es wirklich leid, dass sich einige Länder beleidigt fühlen", gab Cerny an, der für Witz und Ironie in seinen Skulpturen berühmt ist. Die bekannte Bronzefigur 'Quo Vadis', die einen vierbeinigen 'Trabbi' darstellt, erinnert im Original in Leipzig und als Kopie im Park der Deutschen Botschaft in Prag an die Ausreise von DDR-Bürgern im Herbst 1989. Der humorvolle Createur entschuldigte sich bei der tschechischen Regierung, sie absichtlich in die Irre geführt zu haben. Das Honorar, bezahlt von tschechischen Steuergeldern, wolle er zurückgeben. "Wir wollten herausfinden, ob Europa über sich selbst lachen kann", klärte Cerny seine Kritiker in einem offenen Brief auf. Sogar Internet-Seiten richtete der Übeltäter für einzelne der erfundenen künstlerischen Identitäten ein.
Neben Bulgarien und der Slowakei hätten auch andere EU-Staaten Grund zur Klage gehabt. In Polen hissen zwei Priester die Homosexuellen-Flagge, deutsche Autobahnen entuppen sich beim genaueren Hinsehen als Hakenkreuz, und Luxemburg war gleich "Zu verkaufen". Schweden wurde hingegen als verpacktes Möbelstück eines bekannten Einrichtungshauses abgebildet, und Italiens Fußballer kommen in sexuell eindeutiger Pose mitsamt ihres runden Leders zur Geltung. 'Entropa' sei zwar "Provokation", erklärte Vondra, aber letzten Endes eben auch ein Stück Kunst - "nicht mehr", aber auch "nicht weniger."
Der Europaminister verteidigte die Motive seiner Regierung. Vorurteile und Klischees über die EU-Mitgliedsländer seien schließlich gewaltige Hindernisse bei der europäischen Integration und müssten deswegen abgebaut werden. Die grundlegende Idee habe dem Motto der tschechischen Ratspräsidentschaft 'Europa ohne Grenzen' entsprochen. Wenn das Projekt darauf abgezielt habe, sich über jemanden lustig zu machen, dann in erster Linie über die Tschechen selbst - "und mich an erster Stelle", versuchte der tschechische Politiker die Situation aufzulockern. "Ich hoffe, wir können mit Ihnen lachen, wir wollen nicht über Sie lachen."
Die tschechische Regierung führt noch bis Ende Juni die Amtsgeschäfte der Europäischen Union. Jeder Präsidentschaft steht das Recht zu, den Ministerrat nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Das Kunstwerk 'Entropa' erwies sich mithin bereits als zweiter Fehltritt der tschechischen Regierung. Die erste Blamage musste Prag einstecken, nachdem der Chefsprecher des tschechischen EU-Vorsitzes, Jiri Potuznik, den Vormarsch israelischer Bodentruppen in den Gazastreifen als "Selbstverteidigung" tituliert hatte.
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