Alle Reden von Integration – aber wie? Begriffe wie europäische Leitkultur, Abstammung, Geburtsort und Sprachtest beherrschen die Presse. Doch warum nicht einfach mal über die Unterschiede lachen?
Bereits in den 90er Jahren wurde versucht, mit dem Begriff der Leitkultur alle Europäer anzusprechen, doch viele Menschen sind bereits mit dem herkömmlichen europäischen Kulturmix überfordert - und Ende dieses Jahres sollen auch noch die Beitrittsverhandlungen über die Türkei beginnen? Integrationsvorschläge, Debatten über Kulturunterschiede und Streitgespräche über westliche und abendländische Wertvorstellungen überschlagen sich.
Und mitten in dieser angespannten Lage stellt sich jemand auf die Bühne, beißt in seinen Döner und sagt: „...seid ihr alle schwul, oda was?“
Seit einigen Jahren greifen viele Ausländer zum Genre der Stand-up Comedy – mit wachsendem Erfolg.
Eine bemerkenswerte muslimische Britin
Eigentlich war Shazia Mirza eine eher unauffällige junge Frau. Sie studierte Biochemie und war einige Zeit als Lehrerin tätig. Irgendwann begann sie dann in kleinen Clubs in London aufzutreten. Mittlerweile tourt sie durch Europa und Amerika und trägt bei ihren Auftritten selbstbewusst ihr Kopftuch. Für Islamisten ist eine Frau wie Shazia ein rotes Tuch und in Dänemark wurde sie schon einmal ernsthaft bedroht.
Im Prinzip geht es gar nicht darum, was sie sagt, sondern dass sie, als muslimische Frau, es sagt. Dass sie auf einer Bühne steht, den Ton angibt und in Clubs verkehrt, wo Alkohol getrunken wird und Männer sie anstarren können. Auch wenn sie meist über alltägliche Dinge spricht, ist sie sich ihrer politischen Wirkung durchaus bewusst.
In einem Interview sagte sie gegenüber Quantara.de: „Keiner hört Tony Blair zu, weil er die ganze Zeit so ernsthaft daherkommt. Ich dagegen kann dieselben politischen Fragen lustig erklären, und man wird mir zuhören.“ Viele ihrer Shows sind bereits ausverkauft und 2005 tourt sie mit einer neuen Aufführung durch Pakistan, Australien, USA, Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland.
Dritte Generation in Deutschland
Vor einigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, Türken-Comedy zu machen. Heute sind Jango Asül oder Erkan & Stefan bekannte Namen. Auch der gebürtige Frankfurter Kaya Yanar feiert in Deutschland große Erfolge. Er ist türkisch-arabischer Herkunft in dritter Generation und studierte Phonetik, Amerikanistik und Philosophie. Mit seiner bekannten Ethno-Comedy „Was guckst du?“ unterhält er mit einfachen Alltagsproblemen sein Publikum.
Er parodiert die Macken und Eigenheiten der in Deutschland lebenden Ausländer aller Generationen. Er ist zwar komisch, aber nicht verletzend und deshalb können eben alle über ihn lachen. Mit Humor und ohne moralischem Zeigefinger wird klar, dass Ausländer und Staatsbürger mehr gemeinsame Eigenschaften haben, als allgemein angenommen wird.
Mit marokkanischem Biss
In Frankreich leben ca. 6 Mio Muslime, doch die Medien werden diesem Realitätsbild bei weitem nicht gerecht. Nur wenige Ausländer prägen das Medienbild in Frankreich. Jamel Debbouze, ein Schauspieler marokkanischer Herkunft, hat es geschafft. In Frankreich gilt er als spontaner und treffsicherer Komödiant. In der Improvisations-Liga lernte er die wesentlichen Fähigkeiten zum Stand-up Comedian. Jamel erzählt dann von seinen Eltern, Brüdern und der Pariser Vorstadt. Ein sympathischer und einfacher Humor, der bei den Leuten ankommt.
Im Ausland ist er vor allem durch die Kinoerfolge wie Asterix & Obelix als Numerobis oder Die fabelhafte Welt der Amélie als Lucien bekannt geworden. Er selbst bezeichnet sich als „beur“ (abschätziges Wort für „Araber“) und schreibt mit seinem Partner Kader Aoun unter anderem auch kritische politische Texte.
Das Geheimnis des Erfolgs
Sie alle bewegen sich im Genre der Stand-up Comedy. Doch wieso wird hier über Probleme gelacht, die woanders heftig diskutiert werden? Viele Muslime in Europa bekommen zwar marokkanisches, arabisches und türkisches Fernsehen in ihre Wohnzimmer, doch das ist eben nur die halbe Wahrheit. Diese Sender können nicht die kulturelle Realität zeigen, die ein Ausländer in Europa hat. Viele fühlen sich europäisch, haben aber eine türkische Staatsbürgerschaft und umgekehrt. Die meisten ausländischen Comedians nehmen für Ihre Unterhaltungsprogramme Beispiele aus dem Alltag. Erfahrungen, die sie selbst schon erlebt haben.
Das Publikum kann sich mit der Thematik identifizieren, weil es das reale Leben widerspiegelt. Zwar ist nicht immer alles politisch korrekt. Aber es ist nicht der arrogante „ich bin besser als du“ Humor, sondern „ich nehme dich auf die Schippe und mich dazu“. Deshalb kommt diese Form von Witz bei Einheimischen wie auch Ausländern an. Die Schwierigkeiten können direkt angesprochen werden und auch spitze Kritik darf gebracht werden, weil der Humor sie wieder entschärft und versöhnend wirkt.