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17.10.2006Google kauft YouTube und rüstet zum Medien-Giganten

Die Krake geht aufs Ganze

Für 1,65 Milliarden Dollar hat sich Google das führende Videoportal YouTube einverleibt. Dabei tätigte der Suchgigant nicht nur seinen bislang teuersten Kauf, er steckte auch seine strategische Schlagrichtung ab – und ging ein gewaltiges Risiko ein.

"Two kings have gone together - zwei Könige sind zusammengegangen": Begeistert, lapidar, und wohl auch fassungslos über das soeben über ihn hereingebrochene Glück äußerte sich YouTube-Mitgründer Chad Hurley (29) ganz nach Art des Hauses im selbst gebastelten Video zur Fusion mit Google. Ob es Übermut war, oder nur die wochenlang aufgestaute Nervosität, bleibt offen: Jedenfalls brach nach diesem Spruch Hurley samt Sozius Steve Chen in ein minutenlanges, hysterisch anmutendes Live-Gelächter aus. Ihre Übernahme-Ankündigung darf wohl mit Fug und Recht als bisher unkonventionellste Pressemitteilung der Internetgeschichte gelten.  

Kein Wunder war zu diesem Zeitpunkt den beiden Gründern leicht ums Herz. Gerade mal 16 Monate, nachdem die zwei aus ihrer Geschäftsidee eine Firma machten, prasseln auf die Twens Google-Aktien im Wert von mehreren Hundert Millionen Dollar ein. Nicht von ungefähr da auch der Dank an die Nutzergemeinschaft: "Ohne Euch hätten wir das niemals geschafft!". Denn 1,65 Milliarden sind in der Tat kein Kinkerlitzchen. Und weiter schütteln Hurley und Chen die Lachsalven. 

Viele gute Gründe für einen Verkauf 

Doch die beiden leicht anämisch wirkenden Kalifornier haben jetzt nicht nur ein volles Aktienportefeuille. Gleichzeitig sind sie auch eine ganze Reihe brenzliger Probleme los. Von ihnen fällt sowohl ansehnlicher finanzieller Ballast, als auch eine riesige rechtliche Last ab. Zum einen verdient YouTube mit seinen 67 Mitarbeitern bis dato noch keinen Cent, verliert Millionenbeträge. Zum anderen stehen dem Start-Up möglicherweise massive Klagen ins Haus, um die sich nun die besser gerüstete, einige Dutzend Mann starke Google-Rechtsabteilung kümmern darf. 

Denn die mit dem Schlagwort 'Big Media' bezeichneten Medienkonzerne der USA überlegen gegenwärtig ganz genau, was sie dem aus Google und YouTube hervorgehenden Videoprimus, im Branchenjargon 'GooTube' genannt, entgegensetzen. Schätzungen zufolge ist jedes zweite der täglich hochgeladenen 65.000 YouTube-Videos zweifelhaften urheberrechtlichen Ursprungs, und damit anfechtbar.  

Aus aktuellen TV-Programmen, Talkshows, Filmen, und Musikvideos schnippeln YouTube-Nutzer ihre hausgemachten Videos zusammen, überlagern sie mit ihren Kommentaren. Im Hintergrund laufen oft noch aktuelle MTV-Hits mit, für die keine Royalty-Gebühren entrichtet werden. Auf 150.000 Dollar pro Vorfall beziffern Medienanwälte die mögliche Schadensersatzforderung. Und da kommt bei 1,5 Millionen gespeicherten Videos schnell einiges zusammen. 

Die Justitiare lechzen nach Streit 

Noch ist die Lawine möglicher Klagen nicht über YouTube ins Rollen gekommen. Das liegt an zweierlei Ursachen. Einerseits ging YouTube zuletzt selbst in die Offensive. Hurley und Chen konnten einige prominente Medienhäuser, darunter Universal und CBS, davon überzeugen, dass ein freundschaftliches Abtreten ihrer Rechte für eine Erlösbeteiligung vorteilhafter ist, als zu klagen. Andererseits war bislang bei YouTube wenig zu holen. Eine Million Dollar verbrannte Insidern zufolge das Start-Up zuletzt allein an monatlichen Serverkosten, um das speicherintensive Videomaterial überhaupt im Netz halten zu können.  

Angesichts der leeren Kriegskassen hätten Klagen allenfalls bewirkt, dass das junge Internet-Unternehmen rasch in die Knie gegangen wäre. Die Streams hätten sich anderswo angesiedelt, und annähernd 50 Millionen monatliche Nutzer hätte 'Big Media' fortan als Feind. In einer Branche, in der Image nicht alles, aber ohne Image alles nichts ist, sicher problematisch. 

Medien-Multis: Auf ins letzte Gefecht? 

Doch jetzt, nach der Google-Übernahme, ist alles anders. Bis zu elf Milliarden Cash sollen sich in der prall gefüllten Suchmaschinen-Schatulle befinden, über eine Milliarde Gewinn warf der Internet-Gigant im ersten Halbjahr 2006 ab. Angesichts der möglicherweise gegenüber YouTube offenen Forderungen ein appetitlicher Happen, der in dem auf Schadensersatz erpichten US-Rechtssystem geradezu nach einem juristischen Präzedenzfall schreit. Und schon durchforsten Corporate Lawyers das Internet nach kleineren Testobjekten für ein Muster-Urteil. Doch wer der althergebrachten Medienkonzerne wagt sich als erster aufs offene Feld? 

Einen Kandidaten scheint es bereits zu geben. „Äußerst verstimmt“ gaben sich bei Bekanntwerden der Übernahme die Getreuen eines Mannes, der in puncto Ruf nach etlichen 007-Inszenierugen als Muster-Bösewicht wenig zu verlieren hat: Rupert Murdoch. Seine News Corporation hatte selbst um YouTube mitgeboten, war aber vom endgültigen Zuschlag an Google nicht informiert worden. Sofort drohte News Corp, die vom konzerneigenen MySpace-Portal ausgehenden Verlinkungen zu YouTube zu kappen. Angesichts der 20 Prozent Traffic, die darüber für die Google-Tochter entstehen, eine Drohung mit Wirkung: Sofort reiste der um Schadensbegrenzung bemühte Google-CEO Eric Schmidt bei News Corp an. 

Das Klima wird milder 

Dass gerade News Corp gegen YouTube klagt, ist indessen unwahrscheinlich. Der Internet-Marktforschungsagentur 'Hitwise' zufolge teilen sich derzeit YouTube mit 44 Prozent, MySpace mit 25 Prozent und Google Video mit 11 Prozent den Video-Markt untereinander auf. Da ist es kaum zu erwarten, dass Murdoch etwa Rechtsverletzungen an Fox-Filmen gegen YouTube einklagt, die letztlich auch gegen MySpace verwendet werden könnten.  

Ganz generell scheint eine Episode aus jüngerer Zeit der Klagefreudigkeit der Medienbranche ordentlich zugesetzt zu haben: Nachdem die Großen des Musikbusiness die Musiktauschbörse Napster in Grund und Boden klagten, statt sich Gedanken über eine gewinnbringende Nutzung des Internet zu ihren Gunsten zu machen, schnappte ihnen Apple das Business unter den Augen weg. Bei vielen lautet das neue Credo seitdem daher: Lieber gemeinsam mit YouTube und Google ein neues Geschäftsmodell austesten, das zudem mit 100 Millionen Video-Downloads pro Tag kritische Masse hat, als wieder nur bei abnehmenden Kassenverkäufen reiner Zuschauer zu sein.  

Dem Anschein nach haben Chad Hurley und Steve Chen also weiterhin gut lachen. In ein Paar Jahren könnten ihre Google-Anteile abermals ein Vielfaches dessen wert sein, was sie jetzt kosten. In den ersten beiden Tagen nach der Übernahme zumindest stieg der Google-Wert an der Börse um weitere vier Milliarden an. Das ist fast das Dreifache des gesamten YouTube-Deals. 

sondermann@europolitan.de

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