"Der Brockhaus-Verlag wird zum 15. April mit einem umfangreichen kostenlosen Lexikonportal online gehen". Mit dieser nüchternen Pressemitteilung wird in diesen Tagen der „Brockhaus“, das 200 Jahre alte Traditionslexikon, das seit Jahrzehnten die Regale der Wohnzimmer des deutschen Bildungsbürgertums schmückt, zu Grabe getragen. Nach 21 Auflagen stellt der Verlag den Druck ein.
Der Brockhausverlag reagiert damit auf das Verhalten der Nutzer, die schon lange auf die Recherche im Internet umgeschwenkt sind. Das zeigte sich vor allem auch in den Verkaufseinbrüchen des Traditionslexikons: 2007 konnte Brockhaus nur einen Bruchteil der geplanten 20.000 Print-Lexika an den Mann bringen. Der Niedergang der gedruckten A-Z-Lexika stürzte den Verlag trotz ansonsten gut laufender Geschäfte in die roten Zahlen. Als Konsequenz stellt der Verlag die Druckausgabe des Brockhaus ein und wird vermutlich an die 50 der insgesamt 450 Beschäftigen entlassen. Als Ausweg aus der Krise soll nun das Internet dienen.
Das kostenlose Brockhaus-Wissensportal wird rund 300.000 Stichwörter zu klassischen als auch tagesaktuellen und medienrelevanten Themen, wie Kino, Lifestyle, Pop- und Rockmusik anbieten. Auch multimediale Inhalte wie Bildergalerien, Video- und Audiosequenzen, Diagramme und Karten sollen die Nutzer in Zukunft kostenfrei abrufen können. Für eine spätere Version des Portals sind mp3-Vorlesefunktionen sowie Downloadmöglichkeiten im Gespräch.
Im World Wide Web muss sich der autoritätsverwöhnte Brockhaus jedoch mit jeder Menge Konkurrenz herumschlagen. Neben verschiedenen kostenlosen Wissensportalen wird es besonders die freie Enzyklopädie Wikipedia sein, die dem neuen Online-Brockhaus das Leben schwer machen dürfte: Wikipedia hat sich auf dem Markt etabliert, an der Vorreiterposition wird kaum zu rütteln sein - besonders nicht als Nachzügler. Brockhaus-Chef Ulrich Granseyer vertraut jedoch darauf, dass sich Brockhaus Online durch Erfahrungsschatz und Qualitätssicherung von der von den Usern selbst verfassten Konkurrenz abheben wird.
Die etablierten Enzyklopädien sind aber nicht zwingend besser sind als die nutzergesteuerte Konkurrenz: In Vergleichstest der verschiedenen Wissensangebote schnitten sowohl der damals kostenpflichtige Online-Brockhaus als auch die ehrwürdige Encyclopaedia Britannica im Vergleich zu Wikipedia schlecht ab. In den Vergleichstest des „Spiegels" beziehungsweise der britischen Zeitschrift „Nature" überprüften Experten die Einträge auf Richtigkeit, Vollständigkeit, Aktualität und Verständlichkeit.
Problematisch könnte es laut Analysten auch mit der geplanten Finanzierung über Werbung auf der Internetseite werden. „Targeting" heißt hier das Zauberwort, mit dem potentielle Kunden gewonnen werden: Das zielgerichtete Koppeln von Werbung an einen Suchbegriff. Die Einträge würden sich so selbst finanzieren. "Targeting ist sicher eine Möglichkeit", sagt Medienexperte und Unternehmensberater Klaus Böhm der Financial Times Deutschland. "Aber die Refinanzierung des Suchbegriffs ,Mozart‘ halte ich schon für schwierig." (sw)