Modeschöpfer Raf Simons hat die Leitlinien seiner Arbeit offengelegt und herauskristallisiert, was seine gestalterischen Grundsätze für das Edel-Label Jil Sander von den Ansätzen für seine Eigenmarke unterscheidet. Im einen Fall agiert er mit ausgeprägtem Fingerspitzengefühl im Zeichen ausgesprochener Kontinuität, im anderen schon eher kompromisslos und draufgängerisch.
Zwei unterschiedliche Paar Schuhe: Star-Designer Raf Simons, Kreativchef von Jil Sander, unterscheidet genau zwischen seinem Engagement bei der in Mailand beheimateten Modemarke und den Zielen, die er mit seinen eigenen Kollektionen verfolgt.
Ende Juni hatte der Belgier weltweit in Fashion-Kreisen für Aufsehen gesorgt, als er in der Villa Gamberaia nahe Florenz im Rahmen der Pitti Uomo mit einer farbenprächtigen Kollektion dem Trend zu gesetzteren Farbtönen hin trotzte, und seine Männermodels in kunterbunten Jil-Sander-Outfits durch die mediterrane Gartenanlage aus dem 17. Jahrhundert streunen ließ. Gewohnt minimalistisch, aber auch im Kontrast zur geltenden Branchenorthodoxie setzte Raf Simons wie gewohnt innovative bis bahnbrechende Akzente.
Im Gespräch mit dem italienischen Magazin 'MFF - Magazine For Fashion' erklärte der gebürtige Limburger nun, wie er den Spagat zwischen Jil Sander und Raf Simons meistert: "Der kreative Prozess ist der gleiche. Ich kann auf zwei Family Teams zurückgreifen, die mir minutiös folgen und mit mir gemeinsam die Bedeutung dessen deklinieren, was mir vorschwebt."
Dennoch gebe es klare Unterschiede: "Jil Sanders ist eine historische Marke, und ich empfinde großen Respekt für die Arbeit, die Frau Sander in den vielen Jahren ihrer kreativen Tätigkeit geleistet hat. Meine Aufgabe dort ist das Combining Garment, um eine aktualisierte Vision ihres abstrakten Konzeptes funktioneller Mode aus den Neunzigern zu entwicklen."
In diesem Zusammenhang habe die jüngste Schau einen präzise definierten Zweck erfüllt: "Auch die Präsentation in Florenz geschah aus diesem Grund. Zwei Ideen sollten vermittelt werden: In erster Linie ging es um Freiheit und dann darum, aus dem weißen Kubus zu entfliehen. Dafür stand ein sommerlicher Garten zur Verfügung, in dem sich die Farben und Formen bewegen konnten."
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Bei der Arbeit für die Marke Raf Simons betrete er hingegen noch kontinuierlicher Neuland: "Hier bin ich extremer. Ich kann herumexperimentieren und einen profilierteren Ausdruck dessen wagen, was ich erzählen will. Hier obliegt mir nicht die Bürde, mich mit einer Luxusmarke zu konfrontieren, die eine dermaßen wichtige Hinterlassenschaft mit sich herumträgt." (acr)