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26.07.2004Auch ohne Dogma lebendig

Die dänische Filmszene blüht

Dänemark ist längst kein Geheimtipp mehr, wenn es um gute Filme geht. Das Schlüsselwort heißt Dogma, und dazu gehört Kultregisseur Lars von Trier. Aber das kleine skandinavische Land hat weit mehr zu bieten als das.

Schon vor über hundert Jahren war Dänemark ein Filmland. In Zeiten des Stummfilms wurden hier Stars gemacht und Filme wie am Fließband produziert. Heute ist es dort zwar ein wenig ruhiger geworden, aber Aufsehen erregt die dänische Filmszene noch immer. Und die Dänen sind ein Kinovolk: Durchschnittlich 2,3 Mal pro Jahr wandert jeder von ihnen in einen der 160 Lichtspielpaläste.

Das Dänische Filminstitut hat Zahlen gesammelt, die für sich sprechen: Allein 2003 kamen 209 Spielfilme in die dänischen Kinos. Davon waren 24 dänische Produktionen. Damit nicht genug: Im ersten Halbjahr 2003 sahen die Dänen mehr dänische Filme als amerikanische. Und diese Eigenproduktionen lassen durchaus die Kassen klingeln.

Von der Geschichte geformt

Eine derart lebendige Szene kommt allerdings nicht von ungefähr. So makaber dies klingen mag, aber der Zweite Weltkrieg war für die Filmszene Dänemarks äußerst praktisch. Die Deutschen verboten von 1940-45 im besetzten Dänemark die Filme der Alliierten, also wurden mehr dänische Filme produziert. Und diese Filme zu sehen war für die Dänen ein symbolischer Ausdruck des Widerstands gegen die Besatzung. Auch nach dem Krieg blieb die deutsche Fremdherrschaft Thema vieler Filme. 1948 wurde der dänische Filmpreis „Bodil“ eingeführt, der jährlich im Januar vom Verband der Filmkritiker verliehen wird. Der Film wurde auch vom Gesetz nicht mehr als bloße Unterhaltung eingestuft, sondern als Kunstgattung. Bald unterlag die Förderung nicht mehr länger Privatfirmen, sondern wurde aus Mitteln der öffentlichen Hand bestritten.

Die Filmkultur wird in Dänemark schon lange gezielt gestärkt, unter anderem durch verschiedene Einrichtungen, die in den vergangenen Jahrzehnten ins Leben gerufen wurden. So zum Beispiel die Dänische Filmschule 1966 und die Filmwerkstatt 1970. Pro Jahr entstehen so rund 40 Filme. 1996 wurden die staatlichen Mittelgeber unter dem Dach des Dänischen Filminstituts zusammen gefasst. Dazu kommen Talentwettbewerbe wie „Close-Up“, der 1997 ins Leben gerufen wurde. Hier können Amateure ihre Filme einer breiten Öffentlichkeit zeigen und stattliche Preisgelder gewinnen.

Low-Budget-Philosophie

Seit gut zehn Jahren gibt es außerdem die Vereinigung „Dansk Novellefilm“. Hier legen das Dänische Filminstitut, das Kultusministerium und zwei Fernsehsender Geld zusammen, um jährlich bis zu 15 kurze Filme zu finanzieren. Ein großer Teil dieser Filme wird von jungen Kreativköpfen realisiert, die vorher noch keinen Spielfilm produziert haben. Teilweise mit unglaublich großem Erfolg. Henning Camre, Leiter des Dänischen Filminstituts, weiß, wie zusätzliche Fördergelder eingesetzt werden: Man will damit mehr Filme produzieren, nicht teurere Filme. Für die Finanzierung blickt man indes gerne ins Ausland: Der durchschnittliche dänische Film besteht seit 1998 in der Regel zu 24% aus ausländischer Finanzierung. Wichtig ist den Dänen vor allem auch der Kinderfilm: Ein Viertel der Fördergelder wandern in die Entwicklung von Filmen für Kinder und Jugendliche.

Bis über die Grenzen Dänemarks schaffen es dennoch eher wenige Filme. Zwar finden viele dänische Filme in Deutschland Verleiher, aber das Publikum bleibt zögerlich. Immerhin ist man hierzulande von PR-Lawinen für amerikanische Mega-Produktionen verwöhnt, während die dänischen Filme eher leise von sich reden machen.

Lars von Trier und der Dogma-Kult

Anders dagegen die Filme von Lars von Trier. Der 1956 in Kopenhagen geborene Regisseur und Absolvent der Dänischen Filmschule hat mit Filmen wie „Breaking the Waves“ 1996 und „Dancer in the Dark“ 2000 in Cannes, Berlin und Hollywood Preise abgeräumt und internationalen Ruhm eingeheimst. Von Trier gehört zu den erfolgreichsten Regisseuren Europas. Bekannt wurde er vor allem dadurch, dass er die Dogme 95-Bewegung aus der Taufe gehoben hat.

Der Dogma-Stil, übrigens in einem Manifest und Regelwerk festgehalten, wurde oft als „Schwur filmischer Keuschheit“ bezeichnet. Die 35mm-Kamera wird frei in der Hand gehalten, es gibt keine Filter, kein künstliches Licht, keine Requisiten, keine Kulissen, keine Nachbearbeitung der Bilder, keine Nachvertonung, keine musikalische Untermalung, keine Darstellung von Waffengewalt und Mord und keine Nachahmung bestehender Genres. Die Provokation ging weiter: Sogar auf seinen persönlichen Geschmack, Künstlerstatus und seine namentliche Nennung sollte der Dogma-Regisseur verzichten. Die derart entstandenen puristischen Filme wurden mittlerweile ein regelrechter Kult – und ein eigenes Genre.

Mittlerweile wagen sich immer mehr Frauen auf die dänischen Regiestühle, und weg vom ewigen Dogma-Gewackel. So zum Beispiel Lone Scherfing mit ihrem erfrischenden „Italienisch für Anfänger“ oder Susanne Bier, deren „Open Hearts“ als bester fremdsprachiger Film sogar eine Oscar-Nominierung bekam und im Heimatland alle Kassenrekorde gebrochen hat. Und die „Olsen-Bande“ hat mit ihren Gaunereien ebenfalls ein Millionenpublikum für sich gewinnen können.

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