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Heidi Klum versucht sich als Sängerin

14.04.2008 DER FC BAYERN MÜNCHEN FORDERT GERMANY'S NEXT TOPMODEL

In jedem Haushalt kracht's

Als am vergangenen Donnerstag beim Spiel des FC Bayern München die 120. Minute angelaufen war, drückten die meisten Frauen vor dem Fernsehschirm dem Underdog aus Getafe die Daumen. Doch nicht ihr Sachverstand im Fußball, das Mitleid mit dem no-name-Verein aus Spanien oder die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Laufbahn von Oliver Kahn waren ausschlaggebend für die Sympathiebekundungen des zarten Geschlechts, sondern vor allem die Aussicht auf einen freien Zugriff auf die Fernbedienung. Denn am Donnerstagabend ist die Prime Time in weiblich dominierten Haushalten fest reserviert - 'Germany's Next Topmodel' ist allwöchentliche Pflicht.

Manch ein Mann wünscht sich jeden zweiten Donnerstag um 20.15 Uhr einen eigenen Fernseher, um den FC Bayern München beim Retten der deutschen Fußballehre auf europäischem Parkett zu bestaunen. Doch in Haushalten mit nur einem Anschluss ist die Lösung des Problems kompliziert, wenn Franck Ribèry mit seinen zu kurz geratenen und Luca Toni mit seinen krummen Beinen gegen Heidi Klums geballte Modelschönheit antreten muss. Auch die Gesichter der Nachwuchklümchen sind eindeutig attraktiver als die verbissene Fratze von Oliver Kahn oder die wütend-hochrote Glatze von Uli Hoeneß.

Heidi Klum buhlt um die Gunst der Männer

Wenigstens Kai Pflaume, bei Sat.1 neuerdings vom Schnulzenmoderator zum Fußballspezialisten aufgestiegen, sollte die weiblichen Fans fesseln. Doch eine wirkliche Aussicht auf Erfolg bestand nie: Nur als Gast-Juror unter Königin Heidi könnte Pflaume den Baum der Quoten vielleicht ein wenig emporklettern. Schließlich bleibt dem im Kampf der Geschlechter unterlegenen Mann nur die Flucht in die Eckkneipe, oder zum Single-Freund in die Frauen-freie Zone - denn wer beißt schon gern in den sauer-amüsanten Apfel, und gönnt sich Heidis Flanierrunde widerstandslos unter dem Geschrei der anwesenden Damenwelt.

Dennoch, der moderne Mann zeigt sich prinzipiell interessiert, schwankt beim Betrachten der Supermodels auf dem Flimmerkasten zwischen der eigenen metrosexuellen Ader und dem Versuch, die schönste Frau unter Heulboje Giselle, Superproll Gina-Lisa und all den anderen Model-Anfängern zielsicher zu orten. Auch die Macher und Quotenrechner bei Pro Sieben wollen den Zulauf des männlichen Geschlechts bereits erkannt haben, und versuchen nun mit zweifelhaften Methoden den werbewirksamen Zuschauerkreis auszuschlachten: So heißt es ab kommender Woche bei Germany's Next Topmodel Heidi sucht die süßesten Jungs - und das ausgerechnet am Uefa-Cup freien Donnerstag. Dass das den Frust bei so manchem Topmodel-verwöhnten Hausmann nicht auf atemberaubende Gipfel treibt, glaubt allerdings nur Heidi Klum.

FC Bayern München gegen Germany´s Next Topmodel: 1:0

Natürlich sind Fragen wie 'Was trägst du unter dem Kleid' und 'welche Farbe hat dein Höschen' keineswegs uninteressanter als der bigotte Medienrummel um den FC Bayern München in einem kleinen Kaff irgendwo im großen Europa. Doch was ist der eigentliche Kitzel, der Woche für Woche beinahe 4 Millionen Zuschauer zum Stelldichein mit ProSieben bewegt? Ist es die Fremdscham für die sehr jungen und naiven Kandidatinnen, oder doch der ein hemmungslos ausgelebte Voyeurismus, wie ihn Big Brother bereits salonfähig gemacht hat? Der Sozialpsychologe mag seine Hirnwindungen beim Grübeln darüber zum rauchen bringen, uns erscheinen beide Erklärungen gleich plausibel.

Wie dem auch sei: Die Tatsache, dass in der Spitze über acht Millionen Zuschauer dem FC Bayern München die Treue hielten, als zeitgleich nur vier Millionen mit den Topmodels fieberten, gibt eine vielleicht unzeitgemäße, aber letztlich unanfechtbar klare Antwort auf die Frage, wer den heimischen Zweikampf um die postmoderne Höhlenkeule, sprich die Fernbedienung, im Konfliktfall für sich enscheidet. Mit einem Marktanteil von über 30 Prozent entschied der FC Bayern München den Kampf der Giganten eindeutig für sich. Alice Schwarzer könnte also ihre helle Freude daran haben, wieder einmal die hartnäckig fortbestehende Vorherrschaft des Patriarchats zu bescheinigen.

2030: Heidi und die wilden Rentner

Doch auch jene Männer, die am vergangenen Donnerstag den Fußballenthusiasmus ihrer Herzdame unterordneten, und ihr betont lässig über die Schulter lugten, haben es noch gut erwischt: Denn wirklich unansehnlich werden Casting-Shows ohnehin erst in gut zwanzig Jahren, so etwa ab dem Jahr 2030, wenn mehr als 50 Prozent der Bündesbürger älter sind als 65 - und damit zur bevorzugten Zielgruppe für Werbung im Fernsehen werden. Dann wird eine 57-jährige Heidi Klum mit rüstigen Rentnern auf Quotenjagd gehen, und die schönste 'reife' Frau ohne Verfallserscheinungen suchen.

Statt markigen Sprüchen und großen Emotionen reicht Heidi ihren Schäfchen im Kampf um die Quote dann Kaffee und Kuchen, redet über alte Zeiten und deckt sie später zum Nachmittagsschläfchen gemächlich zu. Das Schlummerlied aus dem Hintergrund trällert Casting-Show-Altmeister Dieter Bohlen im Duett mit seinen gerade erwachsen gewordenen Schützlingen Daniel Kübelböck und Mark Medlock. Auch der mittlerweile 73-jährige Bruce Darnell wird dann wieder reumütig in Heidis Schoss zurückgekehrt sein und auf dem Gruppenbild mit Dame prangen. Mission: Hässliche Entlein unter den Mittsechzigern trösten.

Doch bis dahin heißt es auch am Donnerstag in zwei Wochen - immerhin zum vorletzten Mal - in deutschen Wohnzimmern wieder: Germany´s Next Topmodel versus FC Bayern München - wer gewinnt darf bleiben.

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