Nicht wenige Kommentatoren haben mit einem Stirnrunzeln reagiert, als der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain die 44-jährige Sarah Palin als seine Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten vorstellte. Eine Frau kandidiert bei den konservativen Republikanern, kann das gut gehen? Doch die Gouverneurin von Alaska kommt bei den evangelikalen Protestanten gut an - wie auch bei Anhängern von Hillary Clinton.
Im Prinzip hatte John McCain für das gleiche Problem die gleiche Lösung wie sein demokratischer Konkurrent Barack Obama: Beide haben unbestreitbare Schwächen in ihrem politischen Profil, die sie ausgleichen möchten. Und beide nominierten daher Kandidaten als 'Running Mates', die das komplette Gegenteil von ihnen selbst sind: Auf Obamas Seite der erfahrene Haudegen Joe Biden, der nicht wirklich mehr darstellt als eine demokratische, weich gespülte Version von John McCain. Und auf der republikanischen Seite eben Sarah Palin, die ehemalige Schönheitskönigin aus Alaska. Als Obama-Verschnitt geht die 44-Jährige zwar nicht durch, wohl aber als republikanische Antwort auf Hillary Clinton.
Seit dem Ende der schmutzig abgelaufenen Vorwahlen der Demokraten überlegen die Republikaner, wie sie dem siegreichen Barack Obama die enttäuschten, zumeist weiblichen Anhänger der unterlegenen Hillary Clinton abspenstig machen können. Sarah Palin wirkt da wie die perfekte Antwort. Bei ihrer Vorstellung durch John McCain am Freitag in Dayton, Ohio, klang das dann so: „Ich könnte eine solche Aufgabe nicht antreten, ohne zuerst die Leistung Geraldine Ferraros 1984 zu würdigen und natürlich Senatorin Hillary Clinton, die so viel Entschlossenheit und Größe in ihrem Präsidentschaftswahlkampf gezeigt hat."
Ferraro war Vize-Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, unterlag aber zusammen mit Walter Mondale dem amtierenden Präsidenten Ronald Reagan. Die Rechnung der Republikaner ist einfach: Hillary Clinton ist eine Frau, die vor allem von anderen Frauen gewählt wird. Und Sarah Palin ist ebenfalls eine Frau. Also identifizieren sich die Hillary-Anhänger mit ihr womöglich eher als mit Barack Obama.
Wie Clinton ist die Gouverneurin aus Alaska keine große Rednerin, aber sie hat das jugendliche Charisma, das Obama letztendlich zum Sieger in den Primaries machte. Sie gewann 1984 einen Schönheitswettbewerb in ihrer Heimatstadt Wassila, ist sportlich, führte ihr College-Basketballteam von
Sieg zu Sieg. Und wenn Palin spricht, strahlt sie etwas Mädchenhaftes und
zugleich Verführerisches aus, was männliche Wähler durchaus anziehend finden können. Auf diese Weise versucht also durchaus der republikanische Kandidat dem Wunsch vieler Amerikaner nach neuen Gesichtern in Washington zu entsprechen.
Wie aber reagiert die religiös-konservative Rechte, die wichtigste Wählergruppe der Republikaner, auf die Nominierung einer 44-jährigen Karrierefrau? Die verblüffende Antwort: Die Evangelikalen lieben Sarah Palin. Denn hinter der hübschen Fassade verbergen sich äußerst konservative Ansichten. Als streng gläubige Christin ist Palin gegen gleichgeschlechtliche Ehen, für die Todesstrafe und gegen Abtreibung. Besonders Letzteres kommt bei den Evangelikalen gut an, denen McCain vor allem in dieser Hinsicht zu liberal ist. Sarah Palin brachte im Juli diesen Jahres sogar ein Kind zur Welt, von dem sie wusste, dass es das Down-Syndrom haben würde. Ein weiterer Pluspunkt: Die 44-Jährige ist begeisterte Jägerin und Mitglied in der National Rifle Association, der einflußreichsten Waffenlobby der USA, die zugleich eine republikanische Hochburg ist.
Auch in der Umweltpolitik vertritt Palin eine zutiefst konservative
Position. Zwar sagte sie in einem Interview, die Auswirkungen des
Klimawandels machten sich vor allem in Alaska bemerkbar, doch
sie weigert sich, den Menschen als Verursacher des Klimawandels zu betrachten. Seit ihrer Wahl zur Gouverneurin Ende 2006 trieb sie die Öffnung von Naturschutzgebieten für Ölbohrungen voran. Palin versuchte sogar, per Gerichtsverfahren zu verhindern, dass der Polarbär auf die Liste vom Aussterben bedrohter Arten gesetzt wird. Palins Argumentation: Dies würde Ölbohrungen in Alaska erschweren und somit die Wirtschaft schädigen.
Finanziell zahlt sich McCains Coup bereits jetzt aus. Einen Tag nach der Bekanntgabe des republikanischen 'Running Mates' spendeten begeisterte Anhänger nach Angaben von McCains Wahlkampfteam insgesamt 6,8 Millionen Dollar - mehr als im gesamten vierten Quartal 2007. Da verwundert es nicht, dass Sprecher Brooke Buchanan die Ernennung von Palin zur Vizepräsidentschaftskandidatin als „großartige Nachricht" bezeichnete.
Doch die Nominierung der Mutter von fünf Kindern bleibt nicht ohne Risiken. Das größte Problem für die Republikaner: Wie sollen sie Barack Obama weiterhin seine mangelnde politische Erfahrung vorwerfen, wenn sie eine Frau als 'Running Mate' nominieren, die bis 2002 noch Bürgermeisterin des 7.000-Seelen-Ortes Wasilla war? „Wir können das Argument vergessen, dass Barack Obama zu wenig Erfahrung habe", sagte ein
anonymer Wahlkampfstratege McCains unmittelbar nach der Nominierung. Amerikanische Medien spekulierten, John McCain hätte lieber den Ex-Demokraten Joe Lieberman nominiert, seines Zeichens Senator von Connecticut und persönlicher Freund von McCain. Doch der rechte Flügel der Republikaner soll den 72-Jährigen zu einer anderen Lösung gedrängt haben.
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Andere Kommentatoren sahen die mangelnde Erfahrung der
Vizepräsidentschaftskandidatin weniger eng. Ein Moderator auf Fox News analysierte ohne Anflug von Ironie, Palin wisse bestimmt einiges über Außenpolitik. „Alaska liegt doch dicht bei Russland. Das vergisst man ja leicht."