Wie die 'New York Times' (NYT) am vergangenen Montag bekannt gegeben hat, hielten Medien weltweit die Entführung des Pulitzerpreisträgers David Rohde in Afghanistan geheim. Die Manipulation seines Wikipedia-Eintrags löste unter Wikipedianern eine Diskussion aus. Rohde war am vergangenen Samstag wie durch ein Wunder die Flucht aus der Geiselhaft gelungen.
Die NYT brach erst vor wenigen Tagen mit einer Meldung über Rohdes Entführung und seiner Flucht das globale Schweigen. Die Zeitung hatte wichtige Berichterstatter gebeten, die Entführung nicht bekannt zu geben. Nach eigenen Angaben hielt auch der 'Spiegel' auf Drängen der NYT die Nachricht zurück. Darüber hinaus weihte die Times den Wikipedia-Chef Jimmy Wales ein, der Informationen über das Kidnapping in Rohdes Wikipedia-Eintrag unterdrückte. Edit-Wars und Sperren waren die Folge.
Außerdem manipulierte der NYT-Journalist Michael Moss den Eintrag dahingehend, dass er ein islamfreundliches Bild des Entführten suggerierte. Beispielsweise ließ Rohdes Kollege das Wort "christlich" im Namen des früheren Arbeitgebers des Journalisten verschwinden und hob seine Kritik an Guantanamo hervor. "Ich hatte noch nie zuvor eine Seite der Wikipedia editiert", äußerte sich Moss in der 'Times'. Wales bedankte sich in einer Twittermeldung bei Moss und anderen Helfern: "Ich bin wirklich stolz auf die Wikipedianer, die dies wahr gemacht haben, vielleicht sogar sein Leben retteten."
Doch nicht alle Wikipedianer sind einer Meinung mit Wales. In der freien Enzyklopädie tobt eine heiße Diskussion über den Fall Rohde. "Vielleicht brauchen wir einen Grundsatz, der besagt, dass Wikipedia kein außenpolitisches Instrument der New York Times ist?", fragt ein User auf der Diskussionsseite. Der Newsticker 'heise' sieht im Fall Rohde ein kritisches Indiz für die umstrittene Machtposition Jimmy Wales'. Die Wikipedia-Regeln sind anscheinend nicht so strikt und wasserdicht wie propagiert. Dieser Vorwurf ist nicht neu: Wales hat angeblich in der Vergangenheit öfters Änderungen an Seiten von Bekannten, zum Beispiel seiner Ex-Freundin, vorgenommen, so die 'taz'.
Über alle Differenzen hinweg eint Erleichterung über den gimpflichen Ausgang der Verschleppung die Kontrahenten jedoch. Rohde ist nach Medieninformationen unverletzt und wohlauf. Der US-Amerikaner arbeitete als Investigativjournalist zunächst für den 'Christian Science Monitor' und gewann für seine Beweise über ein Massaker an Bosniern in Srebrenica 1996 den Pulitzer-Preis. 2008 erhielt der Reporter die begehrte Auszeichnung zum zweiten Mal, die seine Berichterstattung in Afghanistan und Pakistan würdigte. Zu diesem Zeitpunkt war den Ermittlern unbekannt, ob der Verschleppte überhaupt noch lebte.
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Der 41-Jährige war bereits am 10. November 2008 zusammen mit seinem Übersetzer und einem Fahrer von Taliban im hochgefährlichen Grenzgebiet zu Pakistan entführt worden. Vermutlich hatten ihn die Entführer an den pakistanischen Taliban-Führer Hakkani übergeben, der als besonders grausam gilt und Verbindungen zu Al Kaida haben soll. Im Jahr 2002 war der amerikanische Reporter Daniel Pearl vor laufender Kamera ermordet worden. Vielleicht wäre es David Rohde ähnlich ergangen, hätten sich die Medien nicht weltweit mit ihrer Berichterstattung zurückgehalten.