Ungeachtet weltweiter Proteste ist das israelische Militär am Samstagabend mit Panzern und Infanteristen in den umkämpften Gaza-Streifen vorgerückt. Bereits seit einer Woche hatte die Israel der radikal-islamischen Hamas mit diesem Schritt gedroht. Bei den jüngsten Kämpfen wurden sechs israelische Soldaten verletzt, insgesamt fielen bislang 50 Palästinenser den Angriffen der israelischen Bodentruppen zum Opfer. Amnesty International spricht von der schwerwiegendsten Offensive seit 1967.
Zwei Tage nach Beginn der Bodenoffensive im Gazastreifen hat die israelische Armee in der Nacht zum heutigen Montag ihre Angriffe auf Ziele der radikal-islamischen Hamas-Organisation fortgesetzt. 30 Hamas-Ziele seien in dem Palästinensergebiet unter Beschuss geraten, wie der israelische Rundfunk meldete. Drei palästinensische Kinder und ihre Mutter starben nach Angaben palästinensischer Ärzte bei einem Panzerangriff im Osten von Gaza-Stadt. Der Zeitung 'Haaretz' zufolge sind bei den jüngsten Kämpfen sechs israelische Soldaten am Montag verletzt worden. Die vorrückenden Einheiten gerieten unter Raketenbeschuss der radikalen Palästinenser.
Die israelische Armee will offiziell jene Gebiete unter Kontrolle bringen, aus denen in den vergangenen acht Tagen rund die Hälfte aller Raketen aus dem Gazastreifen abgeschossen wurden. Seit dem 27. Dezember schlugen bis zum Samstag mehr als 450 Raketen auf israelischem Boden ein. Vier Israelis wurden dabei getötet. Die Reichweite der Hamas-Raketen ist zwischenzeitlich sogar bis auf 40 Kilometer gestiegen. Nach einer Umfrage der israelischen Tageszeitung ‚Maariv‘ zufolge unterstützen 85 Prozent der Befragten die laufende Militäroffensive, aber nur 41,8 Prozent sprachen sich für eine Bodenoffensive aus.
Am Wochenende hatten die israelischen Soldaten mehrere Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht, aus denen militante Palästinenser Raketen auf Israel abgefeuert hatten. Dabei lieferten sie sich schwere Gefechte mit Hamas-Kämpfern. Nach palästinensischen und israelischen Berichten gelang des den vorrückenden Truppen am Sonntag, den Gazastreifen militärisch in die Zange zu nehmen und zu spalten. Die Einheiten trennten den Norden mit der dicht besiedelten Stadt Gaza vom Süden ab und kreisten Gaza-Stadt ein. Nach palästinensischen Angaben starben allein seit Beginn der Bodenoffensive 50 Palästinenser, 200 Personen seien verletzt worden. Nach israelischen Armeeangaben wurde seit Beginn der Bodenoffensive ein israelischer Soldat getötet, 31 weitere seien verletzt worden.
Unterdessen verschlimmert sich die humanitäre Lage in den angegriffen Gaza-Gebieten von Tag zu Tag. So berichtete ein norwegischer Arzt im Nachrichtensender CNN, dass sich seit Anfang der Bodenoffensive die Zahl der ins Krankenhaus gebrachten Verletzten verdreifacht habe. Bei etwa ein Drittel der Verletzten handele es sich um Kinder und Frauen. Bereits am Vortag hatten Helfer auf die katastrophalen Zustände in den überfüllten Krankenhäusern im Gazastreifen hingewiesen. Einige Familien suchten im Norden des Küstenstreifens Zuflucht in einer von der UN geführten Schule.
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat die israelische Offensive im Gaza-Streifen sogar als die gravierendste seit der israelischen Besetzung 1967 bezeichnet. Donatella Rovera, Nahost-Expertin der Organisation, sagte der ‚Berliner Zeitung‘: „Die allgemeine Lage hat sich seit zwei Jahren kontinuierlich verschlechtert, aber dass die Menschen nichts zu essen haben, das gab es noch nie." Grundlegende Nahrungsmittel wie Reis, Zucker und Brot seien im krisengeschüttelten Gaza-Streifen kaum mehr aufzutreiben.
Israels Ministerpräsident Ehud Olmert lehnte trotz der offensichtlichen Leiden der Bevölkerung ein vorzeitiges Ende der Offensive in einer Reihe von Telefongesprächen mit ausländischen Staats- und Regierungschefs ab. Laut seinem Büro teilte der 63-Jährige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit, dass die Militäroffensive unvermeidbar sei. Dem russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew gegenüber äußerte der Kadima-Politiker, Israel könne seine Offensive erst dann beenden, wenn es seine Ziele erreicht habe. Israelische Politiker sowie hochrangige Militärs hatten bereits zuvor versichtert, dass es bei der begonnenen Bodenoffensive nicht um eine Rückeroberung des Palästinensergebietes mit seinen 1,5 Millionen Einwohnern gehe. „Wir haben keine Absicht, den Gazastreifen wieder zu besetzen", so ein hochrangiger Militär.
Ähnlich wie Ministerpräsident Olmert erklärte auch Israels Präsident Schimon Peres am Sonntag in einem Fernsehinterview, es wäre inakzeptabel, dass die Hamas ihren Raketenbeschuss fortsetze und Israel eine Feuerpause verkünde. „Die Hamas braucht eine echte und ernsthafte Lektion und die bekommt sie jetzt", so der 85-Jährige. Eine erneute Besetzung der Küstenregion schloss Peres jedoch ebenfalls aus. „Wir beabsichtigen nicht, den Gazastreifen einzunehmen oder die Hamas zu vernichten; wir wollen lediglich den Terror vernichten."
Auf den israelischen Einmarsch reagierte die Hamas hart. „Gaza wird für Euch kein Picknick. Gaza wird für Euch zum Friedhof", warnte Hamas-Sprecher Ismail Radwan die israelischen Soldaten. Zuvor hatte bereits Hamas-Politbürochef Chaled Maschaal dem einmarschierten Militär mit einer unheilvollen Zukunft gedroht: „Ihr Soldaten der Besatzungsmacht müsst begreifen, dass auf Euch das dunkle Schicksal von Tod, Verletzung und Gefangennahme wartet". Gut 16 500 gut ausgebildete Soldaten soll die Hamas unter Waffen haben. Ihre Miniarmee ist im Städte- und Straßenkampf ausgebildet, mehrere Scharfschützen und Selbstmordattentäter sind alarmiert.
Ungeachtet der militanten Äußerungen will die radikal-islamische Organisation Fernsehberichten zufolge am Montag eine Delegation nach Kairo schicken und die ersten diplomatischen Gespräche seit Beginn der israelischen Offensive vor zehn Tagen aufnehmen. Die Delegation folge damit einer Einladung Ägyptens, erklärte ein Hamas-Sprecher. Die Hamas hatte einen Waffenstillstand mit Israel zuvor bereits für möglich erklärt, allerdings unter der Bedingung, dass Israel seine Blockade des Gaza-Streifens aufhebe und die Grenzübergänge wieder öffne.
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Der Besuch der Hamas-Delegation in Kairo fällt mit der geplanten Ägyptenreise des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zusammen. Der Spitzenpolitiker bemühte sich bereits unter der französischen EU-Ratspräsidentschaft im vergangenen Jahr um eine Waffenruhe im Gazastreifen und wollte ab Montag unter anderem nach Kairo, Ramallah, Jerusalem und Damaskus reisen. Sarkozy kündigte an, auch nach der Übergabe der EU-Ratspräsidentschaft an Tschechien im Nahost-Konflikt weiterhin vermitteln zu wollen. Der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg war bereits am Sonntag mit einer EU-Delegation in die Krisenregion angereist.