Im US-Wahlkampf hat Barack Obama am Samstag in Springfield im US-Bundesstaat Illinois Joe Biden als seinen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft vorgestellt. In seiner ersten Rede als Obamas Juniorpartner attackierte der 65-Jährige den republikanischen Präsidentschaftsbewerber John McCain scharf. Biden soll Schwächen in Obamas politischem Profil ausgleichen - doch viele Demokraten befürchten, dass der Senator Obama wegen seines losen Mundwerks mehr schadet als nutzt.
Ein Vizepräsident der USA hat in seinem Amt eigentlich nicht besonders viel zu tun: Entsteht bei einer Senatsabstimmung ein Patt, ist seine Stimme ausschlaggebend. Und sollte der Präsident sein Amt nicht mehr ausführen können (beispielsweise weil er zurücktritt oder ihm etwas zustößt), übernimmt er bis zur nächsten Wahl die Regierungsgeschäfte. Inoffiziell hat es sich in Washington außerdem eingebürgert, dass der Vizepräsident als Berater seines Chefs fungiert.
Im Wahlkampf hat der Vize jedoch eine ganz andere Funktion: Er soll entweder das genaue Gegenteil des Präsidenten verkörpern, um dessen Schwächen zu kaschieren, oder er soll durch seine große Ähnlichkeit mit dem Chef dessen Stärken noch weiter heraus stellen. Auf jeden Fall soll er jedoch all das sagen, was der Präsidentschaftsbewerber sich aus Gründen der 'political correctness' nicht zu sagen traut und den Gegner scharf attackieren. Gewissermaßen ist der Vizepräsidentschaftskandidat also nicht mehr als eine Art rauflustiger Kettenhund. Mit Joe Biden hat Obama am Samstag den schärfsten Kettenhund präsentiert, der in den Reihen der Demokraten zu finden ist.
Bereits in seiner ersten Rede als 'Running Mate' attackierte der Senator aus Delaware den republikanischen Präsidentschaftsbewerber John McCain. Bidens Mission ist es, McCain als vom Establishment korrumpierten Schnösel darzustellen, der in den letzten acht Jahren als bloßer Erfüllungsgehilfe George W. Bushs fungierte und dessen Politik nahtlos fortführen wird. Die ersten Tiefschläge saßen bereits: „Euer Tisch ist wie meiner", rief der 65-Jährige zehntausenden Anhängern in Springfield, Illinois zu. McCain, der auf Anfrage eines Journalisten nicht wusste, wie viele Häuser er und seine Frau besitzen, wisse dagegen nicht, an welchem seiner sieben Küchentische er sitzen solle.
Solche Sätze würde Obama nie aussprechen. Zu viel liegt dem Präsidentschaftsbewerber an einer harmonischen Zusammenarbeit mit den Republikanern, sollte der 46-Jährige die Wahl im November für sich entscheiden können. Auch sonst könnten Obama und Biden kaum weniger gemeinsam haben, aber genau aus diesem Grund könnte der Senator sich als kluge Wahl herausstellen. Der 65-Jährige ist bereits seit 1973 im Senat tätig - Obama war damals elf Jahre alt.
Biden verfügt also über genau die politische Erfahrung (vor allem im außenpolitischen Bereich), die Obama von seinen Kritikern immer wieder abgesprochen wird. Außerdem votierte der Senator aus Delaware sowohl für den Krieg in Afghanistan als auch für die Invasion des Iraks. Die Demokraten hoffen, den Republikanern damit konservative Wähler abspenstig machen zu können. Hinzu kommt: Biden wurde in der Industriestadt Scranton in Pennsylvania geboren, aus der auch Hillary Clintons Vater stammt. Im US-Wahlkampf zählt jedes Detail.
In einer Hinsicht sind sich Biden und Obama jedoch sehr ähnlich: Beide entstammen der Arbeiterklasse, und beide mussten hart arbeiten, bis sie oben im politischen Establishment ankamen. Biden, Sohn eines Autoverkäufers, wurde in jungen Jahren wegen seines Stotterns immer wieder als 'B-B-Biden' verspottet. Doch das hinderte ihn nicht daran, Geschichte, Politikwissenschaft sowie Jura zu studieren und 1973 mit 29 Jahren in den Senat einzuziehen. 1988 und auch 2008 trat Biden selbst als Präsidentschaftsbewerber der Demokraten an, gab allerdings jeweils in den Vorwahlen auf.
Auch vor Schicksalsschlägen war der Senator nicht gefeit: Wenige Tage vor Bidens offiziellem Einzug in den Senat hatte seine Familie einen schweren Autounfall. Seine Frau sowie seine Tochter starben, seine beiden Söhne überlebten schwer verletzt. Seine Amtseinführung nahm Biden am Krankenbett seiner Söhne vor. Der 65-Jährige pendelt seitdem auch mit dem Zug zwischen Washington und Delaware, jeden Tag insgesamt drei Stunden. In der Hauptstadt heißt es, Biden kenne jeden Schaffner mit Vornamen.
So zynisch es klingen mag: Solch eine Vita kommt in der weißen Arbeiterschicht, zu der Obama bislang keinen Draht fand, gut an. Der gläubige Katholik inszeniert sich als Anwalt der einfachen Leute, beklagt die rapide steigenden Preise für Benzin, Energie und Lebensmittel, kritisiert Steuererleichtungen für Großunternehmen. „Ich bin hier für den Feuerwehrmann, für den Polizisten und den Lehrer - um Amerikas Seele zu heilen", rief Biden den begeisterten Anhängern in Springfield zu.
Trotzdem könnte der 65-Jährige Obama mehr Schaden als Nutzen bringen. Biden ist dafür bekannt, immer wieder in Fettnäpfchen zu treten. 1988 musste er sich aus den Vorwahlen zurück ziehen, als bekannt wurde, dass Biden große Teile einer Rede von einem britischen Parlamentsabgeordneten abgekupfert hatte. Auch zu Studienzeiten galt Biden als notorischer Plagiator. 2007 sorgte der Senator außerdem für Empörung, als er Barack Obama als „ersten Schwarzen" bezeichnete, „der artikuliert ist und klug und sauber und ein nett aussehender Typ".
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Die Republikaner haben auf ihrer Website bereits eine Uhr eingerichtet, die die Zeit seit dem letzten verbalen Ausrutscher Bidens anzeigt. Auf den ersten Fauxpas mussten sie nicht lange warten: In Springfield nannte der 'Running Mate' der Demokraten seinen Chef versehentlich „Barack America". Die Uhr tickt, in jeder Hinsicht.