Der Präsidentschaftswahlkampf in den USA schien bereits entschieden, doch der amerikanische Wähler ist ein sprunghaftes Wesen. Einer neuen Umfrage zufolge soll Barack Obama nur noch einen Prozentpunkt vor John McCain liegen - die Demoskopen in den USA sind sich so uneinig wie selten. Und das, obwohl Obama mehr und mehr prominente Unterstützer um sich schart. Neben dem Republikaner Colin Powell sprach sich nun auch die renommierte Zeitung 'New York Times' für den 47-Jährigen aus.
Wie groß der Vorsprung des Demokraten auf seinen Konkurrenten wirklich ist, lässt sich im Moment kaum realistisch abschätzen. Eine vom Institut GfK im Auftrag der Nachrichtenagentur AP durchgeführte Umfrage sieht Obama bei 44 und McCain bei 43 Prozent. Die gleiche Erhebung hatte Obama vor drei Wochen noch sieben Prozentpunkte Vorsprung attestiert.
Das liegt sicher nicht daran, dass McCains letzte Attacken auf seinen Konkurrenten, in denen er Obama des Versuchs der "sozialistischen Umverteilung" bezichtigte, bei den Wählern plötzlich fruchten würden. Der Präsidentschaftswahlkampf scheint schlicht knapper zu sein als bisher angenommen. Erst letzten Dienstag hatte das 'Pew Research Center' Obama mit 14 Prozent in Front gesehen.
Die üblichen statistischen Schwankungen einer solchen Umfrage sind dabei nur bedingt eine Erklärung für die Uneinigkeit der Demoskopen. Die Erhebungen sind natürlich auch politisch gefärbt. Während der liberale Nachrichtensender 'CNN' Obama einen Vorsprung von neun Prozentpunkten attestierte, liegt dem konservativen 'Fox News' zufolge McCain mit zwei Prozentpunkten vorne. Hinzu kommt, dass die meisten Umfragen in den USA von eher liberalen Instituten durchgeführt bzw. von liberalen Medienvertretern in Auftrag gegeben werden.
Doch auch das ist nur die halbe Wahrheit. Die USA waren schon immer gefährliches Terrain für Meinungsforschungsinstitute. Zu unberechenbar scheint der amerikanische Wähler. Bereits in den Vorwahlen der Demokraten mussten die Demoskopen viel Häme und Spott über sich ergehen lassen. Bei der zweiten 'primary' der Demokraten in New Hampshire sagten die Institute einen Erdrutschsieg für Obama voraus, doch am Ende lag Hillary Clinton mit drei Prozentpunkten vorne.
Unvergessen ist auch die Rolle der Umfrageinstitute im Präsidentschaftswahlkampf 1948. Die Demoskopen sahen so einhellig den republikanischen Kandidaten Thomas Dewey in Front, dass die 'Chicago Tribune' ihn schon voreilig als Sieger vermeldete. Doch der amtierende demokratische Präsident Harry Truman konnte die Wahl deutlich mit 50 zu 45 Prozentpunkten für sich entscheiden. Triumphierend posierte Truman damals mit dem Titelblatt der 'Tribune'.
Dass die Demoskopen in den USA daneben liegen, ist also nichts Neues. Vor allem die noch unentschlossenen Wähler gelten als sprunghaft, ändern oftmals von einem Tag auf den anderen ihre Präferenzen. Daher umkämpfen Demokraten und Republikaner wichtige 'Swing States' wie Florida, Colorado oder Ohio so hart wie nie zuvor.
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Umso dankbarer dürfte Obama für die Unterstützung der 'New York Times' sein, die in einem Leitartikel vom heutigen Freitag eine Wahlempfehlung für den Senatoren aus Illinois ausgesprochen hat. "So hart auch die Zeiten sind, die Auswahl eines neuen Präsidenten ist einfach", schrieb die 'Times'. Ob die Unterstützung des Blattes allerdings wirklich etwas bewirken kann, ist fraglich. Die 'New York Times' wird vor allem von Intellektuellen gelesen - eine Klientel, die Obama bereits geschlossen hinter sich hat. Vielen Wählern ist die 'Times' allerdings zu elitär und liberal. Und letzteres gilt in den USA immer noch als Schimpfwort.