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31.10.2006Barack Obama sorgt als Politik-Newcomer des Jahres für Furore

'America’s hottest political phenomenon’

Jung, politisch unerfahren, und schwarz: Warum ein Außenseiter in den USA die politischen Fronten vereinen könnte. Ob man in Barack Obama einen 'besseren Clinton' oder einen 'schwarzen Kennedy' sieht – an ihm kommt derzeit keiner vorbei.

Vor vielleicht drei Jahren im Weißen Haus. Als George W. Bush die Abgeordnete Janice Schakowsky aus Illinois verabschieden will, fällt sein Blick auf den Button auf ihrem Mantel, und er wird etwas blass. Er soll sogar regelrecht einen Satz nach hinten gemacht haben. Rasch klärt man ihn auf: nein, das ist ein „B“, „Obama“, mit einem „b“, kein „s“. Bush ist beruhigt. Den habe er noch nicht kennen gelernt. „Das werden sie noch“, versichert ihn Schakowsky.

Bis Ende Juli 2004 war der Name Barack Obama in den USA bestenfalls originell, aber keineswegs bekannt. „Niemand konnte meinen Nachnamen aussprechen, Leute verstanden Alabama oder Yo Mama.“ Derartige Verballhornungen muss der Senator aus Illinois heute, da man ihn bedrängt, bei der Präsidentschaftswahl 2008 zu kandidieren, nicht mehr befürchten. Noch vor wenigen Monaten hatte der 45jährige eine Kandidatur ausgeschlossen. „Gewisse Reaktionen“ aber, die er in letzter Zeit erhalten habe, scheinen ihn ins Grübeln gebracht zu haben.  

Die Biographie des amerikanischen Traums

Eine Rede, die Obama am 27. Juli 2004 auf einem Parteitag der Demokraten hielt, katapultierte ihn erst mit zwei Dritteln der Wählerstimmen auf den Senatorensitz und dann in die Riege der Präsidentschaftsanwärter. Der Anlass der Rede war kein geringer; der offizielle Präsidentschaftskandidat der Demokraten, John Kerry, wurde auf dem nationalen Parteitag gekürt. In seiner Ansprache stellte sich Obama hinter den Parteifreund. Heute hat er ihm bereits den Rang abgelaufen. Bei demokratischen Parteistrategen wird er längst als ernstzunehmender Konkurrent von Hillary Clinton gehandelt.  

Damals begann der weitgehend unbekannte Politiker mit einer Vorstellung seiner selbst. Er erzählte dem geneigten Publikum, wie sein Vater, der in seiner Kindheit in Kenia noch Schafe gehütet hatte, später als Austauschstudent nach Honululu ging. Dort traf dieser Baracks Mutter, eine Weiße aus Kansas, die mit ihrer Familie nach Hawaii gezogen war. Sie heirateten, bekamen ein Kind und nannten es Barack, der Gesegnete. Als dieses zwei Jahre als war, ließen sich die Eltern scheiden, die Mutter heiratete neu. Barack wuchs auf in Indonesien und auf Hawaii, erwies sich als begabt und ehrgeizig, ging auf die besten Schulen, schaffte es schließlich auf die Columbia Universität in New York und nach Harvard.  

Und so erinnerte Barack Obama die Teilnehmer des Parteitags an die Geschichte von Amerika als  dem Möglichkeits-Land, dessen Kinder alle gleich geschaffen sind und die gleichen Rechte und Voraussetzungen miteinander teilen. Ein Land, das demjenigen, der für seine Ziele arbeitet, keine Grenzen setzt. Dem Land, in dem eben auch der Sohn eines kenianischen Hirten alles erreichen kann – und warum nicht das höchste politische Amt.

Der erste schwarze Präsident?

Der alte amerikanische Mythos, der über die Jahrhunderte mehr und mehr an Glaubwürdigkeit verloren hat, wird hier nur deshalb überzeugend wiederbelebt, weil der Erzähler selbst die Hauptfigur ist. Seine persönliche Erfolgsgeschichte verwandelt Obama in die Erfolgsgeschichte Amerikas, die Möglichkeit seiner Biographie zur Möglichkeit des amerikanischen Traums. „Ich weiß, dass meine Geschichte nur ein Teil der größeren amerikanischen Geschichte ist, dass ich in der Schuld all derer stehe, die vor mir kamen, und dass meine Geschichte in keinem anderen Land auf der Welt auch nur möglich wäre.“  

Obama ist derzeit der einzige Afro-Amerikaner im US-Senat und erst der dritte der letzten hundert Jahre. Erst einmal hat sich ein US-Staat einen schwarzen Regierungschef gewählt, das war 1989, als Douglas Wilder Gouverneur in Virginia wurde. Ist Amerika schon reif für einen schwarzen Präsidenten? Obamas Außenseiter-Attribut, seine Hautfarbe, gewährleistet seine Glaubwürdigkeit und Authentizität. Kein weißer Harvard-Absolvent könnte zentrale demokratische Forderungen je so überzeugend auf den Punkt bringen, ohne sich eines Lippenbekenntnisses verdächtig zu machen: „Es gibt kein schwarzes Amerika und weißes Amerika, kein Latino-Amerika und asiatisches Amerika; es gibt die Vereinigten Staaten von Amerika.“  

Oder ein Mode-Phänomen?

Wenn amerikanische Zeitschriften Barack Obama beschreiben sollen, beginnen sie mit seinem gewinnenden Lächeln, mit seiner Begabung, jedem Gesprächspartner auf Augenhöhe zu begegnen, seiner Lockerheit vor wichtigen Auftritten. Charismatisch und witzig sei er, und dazu stets stilvoll gekleidet. Fotos von Obama mit Ehefrau Michelle und den beiden Töchtern Malia Ann (7) und Sasha (5) wird gelegentlich eine Ästhetik von GAP-Werbeplakaten angedichtet.  

Wer Obama aber als kurzlebige Modeerscheinung abtut, wird seiner politischen Statur nicht gerecht. Hart hatte er in Illinois für eine Einschränkung der Todesstrafe und eine Verschärfung des Waffengesetzes gearbeitet. Das sind keine Positionen, die sich politische Opportunisten in den USA zu eigen machen. Außerdem setzt er gegen Folter im Antiterrorkampf und für die Abtreibung ein. Obama frischt das Bild der Demokraten nicht nur optisch auf, auch inhaltlich ist er progressiv.

Und genau das könnte ihm in zwei Jahren zugute kommen. Von dem endlosen Desaster des Irak-Krieges verdrossen und von den Sex-Skandalen um die Pagen im Capitol angewidert, empfängt das amerikanische Wahlvolk den charismatischen Obama, den rein gar nichts mit dem verstaubten Washingtoner Establishment zu verbinden scheint, mit offenen Armen. Das verblüffendste ist, dass der Demokrat nicht nur bei weißen und schwarzen Wählern, sondern auch in „roten“ und „blauen“ Staaten gleichermaßen beliebt ist. Da sich besonders in der Politik beharrlich das latente Vorurteil hält, dass Schwarze keinesfalls auch die Interessen der weißen Bevölkerung vertreten könnten, ist dieser Umstand bemerkenswert. Auf den Außenseiter mit der Ausnahme-Biographie kann sich die ganze Nation einigen.  

Eine einmalige Chance

Kritiker verweisen freilich immer wieder auf dieselben Punkte. Der Mann sei zu jung, zu unerfahren, säße erst seit zwei Jahren im Senat. Obwohl das „Time Magazine“ Obama bereits im vergangenen Jahr in die Liste der 100 mächtigsten Menschen der Welt aufnahm, ist sein politischer Wirkungskreis doch auf die Bundesebene beschränkt. Außenpolitisch ist er ein unbeschriebenes Blatt. Ein Jahr Sozialarbeit in einem Wohnprojekt, die Arbeit in einer auf Bürgerrechte spezialisierten Anwaltskanzlei, sein Lehrstuhl für Verfassungsrecht an der Universität von Chicago, der ihn dazu zwinge, immer wieder über die wirklich wichtigen Fragen nachzudenken – Tätigkeiten, die geeignet sind, seine Integrität zu untermauern, nicht aber Erfahrung in politisch relevanten Führungspositionen dokumentieren. 

Beobachter gingen deshalb bislang davon aus, dass Obama der richtige Kandidat für 2012 wäre. Dann aber würde er gegen einen bereits amtierenden Präsidenten antreten; 2016 wiederum wird der heutige Shooting-Star Schnee von gestern sein. Gerade 2008 könnte der Moment für einen Richtungswechsel gekommen sein. Die Republikaner kämpfen sich derzeit durch ein kriegsbedingtes Dauertief, die Sonntagsfrage wird landauf, landab zugunsten der Demokraten entschieden.

Innerhalb der Demokraten hingegen ist das Feld weit offen, noch hat keiner der Anwärter offiziell Ansprüche auf die Kandidatur angemeldet. Al Gore würde es zwar gern noch einmal versuchen und auch John Kerry und John Edwards haben dem Anschein nach noch nicht alle Hoffnung fahren lassen. Als aussichtsreich gelten Wesley Clark, der ehemalige NATO-Befehlshaber, Hillary Clinton und Obama. Zwischen Clinton, deren Vorbereitungen für ihren großen Auftritt seit sechs Jahren auf Hochtouren laufen und dem Vietnamveteranen Clark, dessen außenpolitische Befähigung nach seiner  steilen Karriere in der Army höher eingeschätzt werden als die des amtierenden Präsidenten, wird es schwer werden für den Newcomer.  

Andererseits zeigt bereits Obamas Rede, mit der er sich vor zwei Jahren dem Gedächtnis der Partei empfahl, dass er genau weiß, wie stark sich amerikanische Wahlkämpfe auf persönliche Fragen zuspitzen, in denen Sympathiepunkte eine Bilderbuch-Karriere wettmachen können. Die Möglichkeit, dass in zwei Jahren genau das Klima herrschen wird, in dem ein junges, unverbrauchtes Gesicht seine Chance erhalten könnte, ist durchaus gegeben. Richard J. Durbin, zweiter Senator aus Illinois und ebenfalls Demokrat, arbeitet bereits daran, seinen Parteikollegen von der frühen Kandidatur zu überzeugen: „Solche Möglichkeiten ergeben sich nur einmal in einem politischen Leben.“   

Wie groß die Wahrscheinlichkeit eines demokratischen Präsidenten sein wird, wird die Kongresswahl am 7. November zeigen. Momentan stellen die Republikaner die Mehrheit in beiden Häusern; sollten die Demokraten die Kontrolle über Parlament oder Senat erobern können, würde das den politischen Spielraum Bushs empfindlich beschränken. Die Demokraten wären in einer deutlich besseren Ausgangslage für den nächsten großen Wahlkampf.   

Auf jeden Fall aber wird man sich auf Machtkämpfe innerhalb der Parteien freuen dürfen. Das tut zumindest John Kerry: „Wenn Obama denkt, dass er bereit für die Präsidentschaftswahl ist und sich aufstellen lassen will, und auch ich mich dazu entscheide, dann werden wir einen wunderbaren Wettkampf haben.“

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