Eine heftige, schwer vorurteilsbeladene Welle der Empörung hat das Land nach der umstrittenen Rede des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Köln erfasst. Von einer Beleidigung seiner Gastgeber (‚stern'), gar einem Unwillen zur Integration (‚FAZ') ist die Rede. Nützlich ist es vor dem Hintergrund der hoch brandenden Emotionen jedoch noch einmal nüchtern und sachlich zu rekapitulieren, was Erdogan in seiner Rede inhaltlich wirklich gesagt hat.
Zum einen war da die Rede davon, dass es wichtig und unabdingbar ist, dass türkische Einwandererkinder Deutsch lernen. Zum zweiten hat Erdogan eine Unterscheidung zwischen Integration und Assimilierung getroffen, und zwar die erstere wortstark befördert, die zweite aber als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit" gebrandmarkt. Zum Dritten hat der AKP-Politiker, um letzterem Phänomen vorzubeugen, die Etablierung türkischer Schulen in Deutschland vorgeschlagen, oder alternativ die Entsendung türkischer Lehrer für den Sprachunterricht.
Gott bewahre. Letztere Vorschläge haben dann auch prompt eine reflexartig verkrampfte, hysterische Reaktion nach dem Muster des „Untergang des Abendlandes" hervorgerufen.
Kurios dabei ist allerdings die Unkenntnis vieler über die Praxis deutscher Kulturpolitik im Ausland. An jedem Standort deutscher Firmen in ausländischen Metropolen existiert in der Regel, und in einigen Fällen seit bereits über 100 Jahren, eine deutsche Schule. Diese vermittelt in der Regel die für das deutsche und das lokale Abitur notwendigen Fertigkeiten und Kenntnisse. Die Rolle der Sprachübermittlung, des Unterrichts der „deutschen Muttersprache" also, übernehmen dabei wie selbstverständlich aus Deutschland entsandte Lehrkräfte.
Diese Schulen gelten in der Regel nicht als Brutstätte einer wie auch immer gearteten Parallelgesellschaft, sondern schimpfen sich gar elitär, und produzieren bilinguale Bürger, die sich zumeist relativ mühelos - und vor allem aufgrund ihrer systematischen Zweisprachigkeit - in den Wettkampf um die Top-Positionen auf dem Arbeitsmarkt ihres Landes einfügen.
Dies mag dem, von PISA mittlerweile geadelten, deutschen Bildungssystem geschuldet sein. Doch will man sich nicht dem Verdacht aussetzen, auf neowilhelministische Manier die Welt am deutschen Wesen genesen zu wollen, kommt man gar nicht darum hin anzuerkennen, dass Zweisprachigkeit gerade bei Einwandererkindern (und nichts anderes sind die Sprösslinge deutscher Beamter, Ingenieure und Manager, die dauerhaft im Ausland bleiben) zur Exzellenz führen kann und muss.
Türkischen Kindern und Jugendlichen in Deutschland jene Chancen zu verwehren, die man deutschen Kindern und Jugendlichen im Ausland nur allzu gerne gewährt, ist nicht nur ungerecht, sondern im Keim auch rassistisch. Ist es denn so schwer einzusehen, dass der Verlust der Muttersprache, ihrer Grammatik und ihrer korrekten Schreibweise den Menschen ein zentrales Stück ihrer Identität nimmt? Ist es so unmöglich nachzuvollziehen, dass türkische Einwanderer für ihre Kinder eine bessere Erziehung und Bildung anstreben, als ihnen selbst angedieh?
Für Deutschland führt der Weg zu mündigen, und auch auf dem Arbeitsmarkt gleichberechtigten Einwandererkindern zwangsmäßig über eine Berücksichtigung ihrer kulturellen Herkunft im deutschen Schulsystem. Das hat mit Parallelgesellschaft sehr wenig, mit Chancengleichheit und einer Bereicherung der deutschen Gesellschaft hingegen sehr viel zu tun.