Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan steht nach seiner Rede in der Kölnarena im Kreuzfeuer der Kritik. Erdogan hatte Assimilierung als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet und die Errichtung von türkischen Schulen in Deutschland gefordert. CSU-Chef Erwin Huber stellt nun sogar den EU-Beitritt der Türkei in Frage.
Vor etwa 16.000 türkischen Zuhörern forderte Erdogan in seiner Rede im Rahmen einer Kundgebung am Sonntag seine Landsleute zu Integration auf. Gleichzeitig warnte der türkische Ministerpräsident jedoch auch vor Assimilierung und dem Verlust der eigenen Kultur. Es sei zwar wichtig, Deutsch zu lernen, aber die Türken stünden in Europa auch vor der Herausforderung, ihre Identität und ihre Kultur zu bewahren.
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Desweiteren forderte Erdogan die Einführung von türkischen Schulen in Deutschland. Die Rede war der Abschluss eines viertägigen Deutschland-Besuchs Erdogans, der von der Brandkatastrophe in Ludwigshafen überschattet war, bei der neun Deutschtürken ums Leben kamen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel warf Erdogan eine falsche Vorstellung von Integration vor. Integration bedeute, sich in die Lebensweise eines Landes hineinzufinden. Wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitze, sei Staatsbürger ohne Abstriche. „Die Loyalität gehört dann dem deutschen Staat", sagte die Kanzlerin am Montag in Hamburg. „Deshalb glaube ich, dass wir über das Integrationsverständnis schon auch mit dem türkischen Ministerpräsidenten noch weiter diskutieren müssen."
Für CDU-Chef Erwin Huber waren die Aussagen Erdogans ein Grund, den EU-Beitritt der Türkei neu zu überdenken. Dem „Münchner Merkur" sagte der Politiker: "Erdogan hat türkischen Nationalismus auf deutschem Boden gepredigt. Das ist antieuropäisch und man muss jetzt überlegen und prüfen, ob unter diesen Umständen die Fortführung der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei überhaupt noch sinnvoll ist". Huber empfand Erdogans Rede als „Kampfansage an die Politik in Deutschland".
Der Vorschlag des türkischen Ministerpräsidenten, in Deutschland türkische Schulen zu bauen, stößt bei dem CDUler auf Unverständnis. "Erdogan will gemeinsame Werte verhindern und will, dass auch in Deutschland geborene Türken der zweiten und dritten Generation auf immer Türken bleiben". Damit erhebe der türkische Staat Anspruch auf die Identität der Jugendlichen, was keinem Staat zustünde, kritisierte Huber. Der türkische Politiker habe mit seinem Besuch "dem deutsch-türkischen Verhältnis und dem Zusammenleben von Deutschen und Türken schweren Schaden zugefügt", findet der CDU-Chef.
Auch aus der alevitischen Gemeinschaft hagelt es Kritik: Die Aussagen Erdogans seien „scheinheilig", sagte der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde in Deutschland, Ali Ertan Toprak. Schließlich würden in der Türkei „und nicht etwa in Deutschland Minderheiten wie die Aleviten, Christen und Kurden zur Assimilation gezwungen", sagte Toprak.
Erdogans Forderung nach türkischen Schulen und Gymnasien stieß auf breite Kritik. Auch Alevit Toprak bezeichnete sie als überzogen und meinte, türkischsprachige Schulen in Deutschland könnten zur Verfestigung von Parallelgesellschaften führen. „Was wir brauchen, ist eine bessere Sprachförderung. Das Beherrschen der deutschen Sprache ist der Schlüssel zur erfolgreichen Integration in Deutschland", sagte Toprak, der Türkische Regelschulen in Deutschland eher für einen Rückschritt hält. Viel wichtiger wäre es, die Migrantenkinder bereits im Kindergarten zu fördern.
„In vielen Migrantenfamilien sind die Eltern, wie in deutschen Familien auch, mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Doch im Gegensatz zu deutschen Kindern haben viele Migrantenkinder neben sozialen auch noch sprachliche Probleme, und dann schaffen sie den Anschluss an die Gesellschaft nicht mehr und bleiben ohne Schulabschluss und berufliche Ausbildung."
Der Vorsitzende des Deutsch-Türkischen Forums in der CDU Nordrhein-Westfalens, Bülent Arslan, stellte sich dagegen hinter Erdogans Vorschlag, türkischsprachige Schulen in Deutschland einzurichten. Die deutsche Sprache müsse jedoch Priorität haben. Türkischsprachige Schulen könnten aber gescheiterten Jugendlichen eine Chance geben. „Es kann sein, dass Jugendlichen, die in der Schule gescheitert sind, über die türkische Sprache mehr Selbstwertgefühl vermittelt werden kann", sagte Arslan.
Auch der Vorsitzende des Islamrats in Deutschland, Ali Kizilkaya, verteidigte Erdogans Positionen: „Assimilation abzulehnen steht doch nicht im Gegensatz zu Integration, sagte er dem „Tagesspiegel". „Wir leiden schließlich in Deutschland darunter, dass viele junge Migranten gar keine Identität mehr haben." Die Aufforderung des Regierungschefs, sich zwar zu integrieren und die deutsche Sprache zu lernen, aber dabei die Ursprungskultur nicht zu vergessen, dürfte vielen Türken aus dem Herzen gesprochen haben.
Auch in der deutschen Politik lassen sich positive Stimmen finden: Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth sagte, sie fände es bemerkenswert, dass Erdogan als erster türkischer Regierungschef seine Landsleuten in Deutschland aufgerufen habe, deutsch zu lernen. Die Politikerin beklagte sich außerdem, dass die gegenwärtige Integrationsdebatte von großer Unkenntnis geprägt sei. Erdogan habe dazu beigetragen, nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen seine Landsleute zu beruhigen.