Es hat mich voll erwischt. Das Unwetter. Und das nach einem 37 Grad Badetag. Seltsam. Der plötzliche, extrem Kontaktlinsen feindliche Wind samt typischem Regenzeitwetter irritierte mich weniger. Damit kann ich unhysterischer als andere umgehen. Es waren die Hagelkörner die einfach nur weh taten am Körper.
Potenziert man die Fahrradfahrgeschwindigkeit mit dem Einfallswinkel (oder dem Umfallwinkel) der Hagelkörner und dessen Geschwindigkeit, macht das einen Körperaufprall von Eiskugeln auf Körper mit circa 80 oder mehr km/h. Im Gegensatz zu mir, hatten die Eiskörner Rückenwind und waren somit eindeutig im Vorteil.
Ich wollte dem Unwetter davonradeln, doch der Satz von Thales; ein Mathematiker und Philosoph der Antike, der meinte: alle Winkel am Halbkreisbogen sind rechte Winkel, ließ mich in Stich. Oh Gott.
Doch lassen wir in diesem kausalen Zusammenhang besser Gott aus dem Spiel. Ich musste an Stefan Zweig und seine Sammlung der zwölf historischen Miniaturen denken. Er nannte sie DIE STERNSTUNDEN DER MENSCHHEIT. Darin beschrieb er, dass alles Wesentliche, alles Dauernde, immer nur in den wenigen und seltenen Augenblicken der Inspiration geschehe.
Wie wahr! Denn in dieser geheimnisvollen Werkstatt Gottes (so nannte bereits Goethe ehrfürchtig die Historie) geschieht unermesslich viel Gleichgültiges und Alltägliches. Wie Hagelkörner, oder Steine die einen plötzlich am Kopf fallen können. Bevor diese schöpferischen Hagelkörner mich also dem Zeitlichen segneten, und die Begünstigen meiner Lebensversicherung den Deal ihres Lebens machen (ich bin tot mehr wert als lebendig) rettete ich mich ins stadtbekannte CAFE BLAUSTERN (Schleichwerbung sei aufgrund der freundlichen Aufnahme in solch einem historischen Ausnahmezustand gestattet).
Die Schicki-Schacki Gesellschaft, irritiert vom Hagel, nun noch mehr irritiert davon, dass ihre heile Luxus, Gucci, Ed Hardy Welt von einer nasstriefenden Person in Badeoutfit, ungeschminkt und mit Eiskörnern am Kopf samt Fahrrad zusätzlich erschüttert wird. Die Kellner wohlbedacht und gewappnet, stürmten mit Tischtüchern auf mich zu. Ein Typ kreischte mir ins Gesicht: „Ist ja Ärgstens". Wer jetzt, das Unwetter, mein Fahrrad, oder ich? Artikulation ist alles im Leben. Eine heiße Zitronenlimonade bitte. Aber zurück zu Stefan Zweig.
Vor allem bei einem Unwetter sind wie überall in der Geschichte und im Leben die sublimen, die unvergesslichen Momente selten - sonst würde am nächsten Tag die ganze Stadt, samt dem dazugehörigen Nachrichtendiensten andere Themen haben. Reihen wir Menschen doch meist nur gleichgültig und beharrlich Masche an Masche, Faktum an Faktum aneinander, und das in jener riesigen Kette, die durch Jahrtausende wirkt - unwissend, dass alle Spannung eine Zeit der Vorbereitung braucht. Jedes wirkliche Ereignis Entwicklung. Wie das Zusammenbrodeln eines Unwetters.
Damit also ein Genius entsteht sind immer Millionen von Menschen nötig. Immer müssen Millionen müßige Weltstunden verrinnen, ehe eine wahrhaft historische, eine Sternstunde der Menschheit eben in Erscheinung tritt. Entsteht aber zum Beispiel in der Meteorologie, der Kunst oder in der Liebe ein Genius, so überdauert er die Zeiten.
Ereignet sich eine solche Weltstunde, so schafft dies eine Entscheidung für Jahrzehnte, ja sogar Jahrhunderte. Wie in der Spitze eines Blitzableiters die Elektrizität der ganzen Atmosphäre sich in der engsten Spanne von Zeit komprimiert, um sich dann geballt und in unermesslicher Fülle von Geschehnissen zusammengedrängt zu entladen.
Alles konzentriert sich in einem einzigen Augenblick. Alles, was ansonsten gemächlich nacheinander und/oder nebeneinander abläuft. Unbemerkt. Ein einziger Augenblick der alles bestimmt und entscheidet: ein einziges Ja, ein einziges Nein, ein Zufrüh oder ein Zuspät macht diese Stunde unwiderruflich - für hundert Geschlechter, egal welcher Nation, Herkunft, Rasse und bestimmt das Leben jedes Einzelnen, ja sogar eines ganzen Volkes und damit den Schicksalslauf der Menschheit, sowie eines Hagelkorns.
Solche dramatisch geballten, solch schicksalträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, auf eine einzige Stunde, eine Minute oder Moment zusammendrängt, sind selten im Leben eines Einzelnen und selten im Laufe der Geschichte. Solche Sternstunden, leuchtend und unwandelbar wie Sterne nun mal die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen, verfärben oder verstärken sich seelische Wahrheiten der inneren und äußeren Geschehnissen niemals - schon gar nicht durch eigene Erfindung.
In jenen Augenblicken, wo sie vollendet gestaltet sind, bedarf die Geschichte keiner nachhelfenden Hand. Wo sie (die Historie), wahrhaft als Dichterin, Dramatikerin oder Komödiantin waltet, darf kein Dichter, Künstler, Politiker, Manager oder Mensch versuchen, sie zu überbieten.
WÖRTERBERG
Manch einer hadert mit seinem Aussehen, aber selten jemand mit seinem Verstand.
Petra Augustyn