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Das Palästinensertuch findet von der Politik in die Modewelt

09.01.2009RECHTS PLUS LINKS MACHT UNPOLITISCH

Das Palästinensertuch findet von der Politik in die Modewelt

Louis Vuitton hatte Anfang Jannuar das Problem, ob sich die Kundschaft wohl fragen könnte, ob die widerbelebte Sprouse-Edition von 2001 nicht schon mal etwas da gewesenes symbolisierte. Ähnliche Troubles könnte dieser Tage das Palästinensertuch haben.

Noch nie konnte ich verstehen, weshalb Menschen wegen eines überbezahlten Täschchen aus khakifarbenen Plastikstoff ein derartiges Tamtam machen. Wussten Sie, dass dieses LV-Taschenmuster ursprünglich als Sitzbezug für die Pariser Metro gedacht war. Doch Louis Vuitton erhielt den Auftrag nicht, machte aus der Not eine Tugend und produziert seither komische Täschchen. Das erklärt auch, weshalb dieses Durchfallbraun zu keinem vernünftigen Kleidungsstück passt. Ähnlich wie mit LV Täschchen ergeht es mir mit der designtechnischen Abart eines Palästinensertuches, vor allem dann, wenn es zum widersprüchlichen Ausdruck eines unüberlegten Statements dient.

Das Palistinänser-Tuch entstammt der Kufiya. Das ist ein quadratisches weißes Tuch, teilweise mit Quastenrand, in der Regel aus Baumwolle, das häufig in der Mitte ein gleichmäßig gewürfeltes Muster trägt, am Rand Streifen, meist in Schwarz oder Rot, aber auch Blau und Lila eingewebt oder aufgestickt hat. Farbigkeit und Material variieren regional, so ist die Kufiya in Saudi-Arabien beinahe immer ganz weiß, in den Golfstaaten rot, und in Palästina schwarz. In Palästina sind viele Kufiyas aus einem Wolle/Baumwolle-Mischgewebe hergestellt, das schnell trocknet, und den Kopf warm hält. Den Rest lesen Sie bitte bei Wikipedia nach.

Populär machte es Yassir Arafat, Gründer der Bewegung zur Befreiung Palästinas und später Palästinenser-Präsident. Er trug das Tuch ständig - vor der UN und vor den Fernsehkameras. Der Legende zufolge hat er es so drapiert, dass es die Umrisse des Mandatsgebiets Palästinas darstellt.

Doch der Glanz der Symbolik ist dahin. 2000 hat man Palästinensertücher auf einer rechten Demo in Berlin gesehen. Plötzlich begannen sich Rechte das Symbol der Linken anzueignen. Und das hat vor allem zwei Gründe. Die Rechte schmückt sich gern mit revolutionären Symbolen. Deshalb sieht man da sogar Che-Guevara-Zeichen. Außerdem hat das Tuch als Zeichen des palästinensischen Widerstands auch eine antijüdische Bedeutung - und das ist den Rechten natürlich willkommen.

In der linken Szene gibt es inzwischen Aufrufe, es nicht mehr zu tragen. Das Palästinensertuch ist also heruntergekommen zur Bauernkleidung, Zeichen der Rechten, Symbol für den Judenhass usw. Es ist also bedeutungsschwer. Tja, an Radikalität waren sich Linke und Rechte wohl immer schon einig. Gottlob also dem Liberalismus.

Kreuzdonnerwetter. Plötzlich hing das Pali-Tuch, wie nimmersatte Nihilisten zu sagen bevorzugen, auch noch am Hals von Johnny Depp, Carrie Bradshaw aus Sex and the City und Kleiderständern von H&M und Zara. Auch Avantgarde-Designer wie Raf Simons, Hussein Chalayan oder Marjan Pejoski machten es zum ideologischen Vorbild ihrer Kreationen. Sie sahen das schwarz-weiße Tuch als Symbol der Befreiungsbewegungen im arabischen und afrikanischen Raum insgesamt, oder so. Und Andy Warhol würde so etwas sicher auch tragen. Vorprogrammierter Synapsendurchfall also?

Zwei Indianer, Großvater und Enkel, sitzen zusammen und unterhalten sich. Der Großvater meint: "Ich habe stets das Gefühl, als würden in meinem Herzen zwei Wölfe miteinander kämpfen. Der eine dürstet nach Rache, ist zornig und wild. Der andere aber ist gütig, voller Liebe und Kraft." Welcher der beiden wird gewinnen, wollte der Enkel wissen. "Der dem ich am meisten Nahrung gebe", war die Antwort des Großvaters. Und welchen Wolf nähren Sie gerade?

Beruhigend also, dass das Palästinensertuch seine politische Eindeutigkeit verloren hat.

WÖRTERBERG
Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen.

Petra Augustyn

www.museum-tv.eu

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