17 lange Jahre dauerte der Kampf, nun scheint das Ende gekommen zu sein. Am gestrigen Donnerstag ist die künstliche Ernährung für die Komapatientin Eluana Englaro gestoppt werden, trotz des Protests der italienischen Konservativen. Längst ist der Fall zum heiß umstrittenen Politikum geworden, vom Papst bis zum italienischen Ministerpräsidenten wird die Einleitung des Todes scharf kritisiert. Doch an den Willen der Patientin denken nur die Wenigsten.
Anders als in Deutschland ist im erzkonservativen Italien auch die passive Strebehilfe verboten. Das heißt, das maschinell-künstliche am-Leben-halten darf nicht gestoppt werden. Der Papst verteidigte am vergangenen Wochenende diese christliche Einstellung. Benedikt XVI. sprach von der „Kraft des Lebens" und dass „die Euthanasie eine falsche Lösung im Drama des Leids" ist. Kardinal Javier Barragán, gewissermaßen der „Gesundheitsminister" des Vatikans hatte noch drastischere Worte gefunden: Demnach sei die richterliche Erlaubnis, Eluana Englaro in den Tod zu entlassen, das „erste Todesurteil in Italien seit 1946".
Auch Ministerpräsident Silvio Berlusconi griff in die Diskussion um Eluana Englaro ein. Der Politiker weiß um die Wirkung des Falls auf sein konservatives Wählerklientel und stellte sogar in Aussicht, mit einer Verordnung die angebliche Tötung noch zu verhindern. Interessant ist dabei, dass weder der Papst noch der Ministerpärsident das geltende Recht anerkennen, nach dem im Jahr 2008 ein Mailänder Richter das Ende der künstlichen Ernähung ausdrücklich erlaubt hatte. Ebenfalls undiskutiert bleibt die Frage, ob das künstliche am-Leben-halten von Englaro nicht ebenfalls ein Eingriff in die göttliche Fügung ist.
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Nach ihrem Unfall im Jahr 1992 - ausgerechnet an ihrem 21. Geburtstag war die Italienerin auf eisglatter Straße mit ihrem Auto verunglückt- verhinderte der technische Fortschritt in der Medizin, dass Englaro starb. Eine Genesung war jedoch ausgeschlossen. Die Routinemaßnahmen, die nach ihrer Einlieferung getroffen worden waren, retteten die damals 21-Jährige nur in ein Wachkoma. Seitdem muss Englaro über eine Magensonde künstlich ernährt werden. Zwar atmet, verdaut und altert die Italienerin, doch ihre Eltern kann sie seitdem nicht mehr erkennen, an Kommunikation ist nicht im Entferntesten zu denken.
„Für uns, für mich und meine Frau, ist unsere Tochter am Tag des Unfalls gestorben", erklärte der Vater am heutigen Freitag. „Für uns lebt sie", erkläre hingegen die Heilligen Schwestern des Hospitals, das Englaro in den vergangenen Jahren gepflegt hatte. Beide Aussagen gehen jedoch an des Pudels Kern vorbei. Denn gestorben ist Englaro nicht, ihr Körper ist bisher noch nicht verfallen. Sicherlich, noch vor dreißig Jahren wäre die Italienerin kurz nach dem Unfall verstorben, doch sie ist es eben nicht. Andererseits fehlen Englaros Existent zwei entscheidende Elemente, um es Leben nennen zu können: Geist und Würde. Vielmehr ist der damals 21-Jährigen attestiert worden, nur noch rein „vegetativ" am Leben zu sein, ähnlich wie eine Pflanze, allerdings ohne die Aussicht auf eine Blütephase.
In Italien sind die Fronten derweil verhärtet. Auf der einen Seite stehen die vehementer Kämpfer für das Leben, die nach dem Urteilsspruch die de-facto Einführung der Euthanasie befürchten. Auf der anderen Seite stehen die Betroffenen, allen vorn der Vater: „Sie hätte in diesem Umstand nicht weiterleben wollen. Das hat sie mir oft gesagt", lautet sein Versuch, den Willen der Patientin zu wahren. Als Waffe im Streit um das Leben von Englaro werden viele ideologischen Grabenkämpfe geführt, die Medien tuen ihr Übriges dazu. Der Unfall selbst vor 17 Jahren ist von der bunten Medienlandschaft, der Politik und auch dem Papst hingegen nicht wahrgenommen worden.
Mittlerweile befindet sich Englaro in einem Altenheim in Udine, eines der Einzigen, die den Richterspruch nicht in Frage stellen. Nun soll die künstliche Ernährung eingestellt werden, am gestrigen Donnerstag ist der schrittweise Prozess in die Wege geleitet worden. Es wird mehrere Wochen dauern, bis Englaro endlich ihren Frieden finden kann, bis dahin wird auch die italienische Diskussion nicht verstummen, die schon lange zum politischen Kampf geworden ist. (cai)