Er teilt die Welt in Freund und Feind - Hugo Chavez, der venezolanische Präsident, sorgt mit linkspopulistischen Konzepten und Anfeindungen gegenüber den USA innerhalb und außerhalb seines Landes für Aufsehen. Was steckt dahinter?
Seit Langem hat kaum ein lateinamerikanischer Politiker mehr so starken internationalen Widerhall gefunden wie Hugo Chávez. In Lateinamerika hat er zahlreiche Gegner im bürgerlich-konservativen Lager, wird aber umso mehr von der Unterschicht geliebt. Auch international setzt sich die Spaltung fort: während Chavez aus der Abneigung gegenüber der Weltmacht USA oder Israel keinen Hehl macht, zählen Länder wie China, Russland, Paraguay, Bolivien, Kuba, sowie einige arabische Staaten, allen voran der Iran, zu seinen Verbündeten.
Diese Aufteilung erinnert beinahe an den kalten Krieg, vor aktuellerem Hintergrund auch irgendwie an Anti-Terror, Achse des Bösen und Konsorten. Wer ist der Mann, der es vermag, die Welt derart zu polarisieren?
Zwei Menschen in einer Person
„Plötzlich erkannte ich, dass ich mich sehr gern mit zwei absolut verschiedenen Menschen in einer Person unterhalten habe. Mit einem, dem das Schicksal die Möglichkeit gegeben hat, sein Land zu retten, und einem anderen: einem Illusionisten, der fähig ist, in die Geschichte als ein Despot einzugehen.” So schilderte der kolumbianische Schriftsteller Gabriel Garcia Marquez seine Eindrücke nach Begegnungen mit Venezuelas Präsident.
Tatsächlich scheint Hugo Chavez eine komplizierte, bisweilen widerspruchsvolle Gestalt.
Er zitiert die Bibel und Werke des lateinamerikanischen Freiheitshelden Bolivar aus dem Gedächtnis und beschäftigt sich mit dem Zen-Buddhismus. Er schreibt Gedichte und Novellen und malt begeistert. Seine Anhänger erklären, er sei ein Verteidiger der Armen, ein Revolutionär, der die Macht der Reichen zerstören und den Reichtum Venezuelas gleichmäßiger verteilen wolle.
Gleichzeitig ist er ein Mann des Militärs, von der Opposition wird er als autoritär bezeichnet. Chavez, der im Alter von 17 Jahren dem Militär beitrat, ist im Grunde ein Soldat geblieben, der militärisch denkt und nicht politisch. Seine Befehle will er ohne Diskussion umgesetzt sehen. Ein „Caudillo, ein Diktator, ein zweiter Hitler“ sei er, ereifern sich seine Gegner.
Zweifelsohne besitzt Chavez das Talent eines Organisators, mitreißende Energie, enorme Arbeitsfähigkeit, Beredsamkeit. Er kann die Menschen überzeugen. Und er erkennt „die extreme Verzweiflung, Frustration und zivile Unkultur“ der venezolanischen Gesellschaft, so Christoph Twickel in seiner Biografie über den Präsidenten.
Bolivarische Revolution
Chavez’ Leitbild ist die bei den Lateinamerikanern beliebte Figur Simon Bolivar und dessen Traum von der gesamtkontinentalen Vereinigung der authochtonen Bevölkerung. Chávez war bereits seit seiner Jugend ein begeisterter Anhänger Simon Bolivars. Am 24. Juli 1983, dessen 200. Geburtstag, gründete Hugo Chavez linke paramilitärische Widerstandsbewegung MBR 200 (Movimiento Boliviario Revolucionario 200).
Während seines Studiums der Sozial- und Politikwissenschaften konstituierte Chavez gemeinsam mit anderen Offizieren die Organisation ”COMACATE”. Zusammen entwickelten deren Mitglieder eine linksnationalistische Doktrin, den Bolivarismus. Die zentralen Punkte dieser sozialistisch und kommunistisch geprägten Doktrin sind nationale Unabhängigkeit, ökonomische Eigenständigkeit, gerechte Verteilung, die Bekämpfung der Korruption sowie die Beteiligung des Volkes an der Politik. Diese wurden maßgeblich für sein späteres politisches Handeln. Heute spricht Chavez von seiner „bolivarianischen Revolution“.
Die breite Bevölkerung sieht in Chavez einen Anwalt der Armen, der gegen Ungerechtigkeit kämpft. Er selbst stammt kommt aus der autochtonen Bevölkerung: in seinen Adern fließt sowohl Indianer- als auch Negerblut. Der 1954 in Sabaneta, einem Ort im Südosten Venezuelas, geborene Sohn eines Dorfschullehrers hatte die Bewunderung für Volkshelden, die heroisch für Unabhängigkeit und gegen Unterdrückung kämpften, mit in die Wiege gelegt bekommen.
Turbulente politische Karriere
Seine politische Laufbahn erwies sich von Anfang an als turbulent. Nach einem gescheiterten Putschversuch der MBR 200 gegen die damalige Regierung im Jahr 1992, saß Chavez zwei Jahre im Gefängnis. Nach seiner Freilassung stürzte er sich in die Politik. Ende 1998 wurde er mit 56 der Stimmen zum Präsidenten gewählt und begann, den verschuldeten Staatshaushalt zu sanieren und die Armut zu bekämpfen.
Im April 1999 veranlasste Chávez ein Referendum, das ihm die Zustimmung zur Erarbeitung einer neuen Verfassung gab. Die Etablierung dieser neuen Verfassung gilt als Chavez’ bisher bedeutendste politische Leistung. Sie erweitert zwar auch die Machtbefugnisse des Präsidenten, führt aber darüber hinaus beträchtliche basisdemokratische Elemente in die venezolanische Politik ein, untersagt die Privatisierung der staatlichen Ölressourcen, gibt Armeeangehörigen erstmals das Wahlrecht und gesteht den Indios 54% des Landes zu.
Trotz dieser und ähnlicher Maßnahmen ist die sozialökonomische Situation in Venezuela aber noch immer kompliziert. Mit 12,3 Prozent gehören die Arbeitslosenziffern zu den höchsten in der westlichen Hemisphäre. Bezüglich es Armutspegels ist Venezuela sogar führend; zur Kategorie der Armen gehören mehr als 47 Prozent der Landesbevölkerung.
Dennoch ist Chavez’ Rückhalt innerhalb des Landes weiterhin stark. Die Opposition hat zwar bereits mehrmals versucht, sich ihn vom Halse zu schaffen. Am 12. April 2002 wurde Chavez bei einem Staatstreich gestürzt, aber nur zwei Tage später brachte er dank der Hilfe seiner Anhänger und regierungstreuer Soldaten die Macht wieder an sich. Ein Jahr später wollten Unternehmer und Gewerkschaften seiner bolivarianischen Revolution mit einem Generalstreik buchstäblich den Erdölhahn abdrehen. Beides hat nur dazu geführt, dass Chavez die wichtigsten Eckpfeiler der Macht - die Militärs und das Erdöl - vollständig unter seine Kontrolle brachte und seine nationalistisch-populistische Revolution nur noch entschiedener vorantrieb.
Sozialismus für eine bessere Welt
Seine linkspopulistischen Überzeugungen hält Chavez auch auf internationaler Ebene hoch. „Ich bin überzeugt, dass der Weg zu einer neuen, besseren Welt keineswegs über den Kapitalismus, sondern vielmehr über den Sozialismus führt. Der Kapitalismus treibt uns direkt in die Hölle. Der Kapitalismus will die Arbeiter vernichten.” Während die internationale Linke Venezuela als neues Modell eines demokratischen Sozialismus feiert, ist das Verhältnis zu den USA jedoch bereits mehr als gespannt.
Chavez’ hartnäckige Kritik an der Politik der USA, des IWF und der WTO, und die Versuche, auch in anderen lateinamerikanischen Ländern Antiamerikanismus zu schüren, haben zu einer dramatischen Konfrontation des Landes mit den Vereinigten Staaten geführt. Bei einer Rede vor der UN-Vollversammlung im September sagte Chavez mit Bezug auf George W. Bush: "Der Teufel war gestern hier, und es riecht noch nach Schwefel". Diese Äußerung ist nur eine in einer ganzen Reihe von gegenseitigen Beleidigungen und Anfeindungen. In letzter Zeit verbreitet Hugo Chavez das Projekt, in Lateinamerika ein militärpolitisches Bündnis im Rahmen der so genannten „Achse des Guten” als Gegenstück zur amerikanischen „Achse des Bösen” zu schaffen.
Politischer Showmaster
Wie viele Politiker heutzutage setzt auch Chavez bei seiner Beliebtheit auf Medienpräsenz. Der Biograf Twickel nennt ihn einen „politischen Showmaster“. Venezuelas Präsident hat ein eigenes Fernsehprogramm, das regelmäßig ein Millionenpublikum vor dem Bildschirm versammelt. In Aló Presidente erklärt der prominente Starmoderator Sonntag für Sonntag seinem Volk die Welt, wirbt für seine revolutionäre Politik, kanzelt einzelne Minister seines Kabinetts ab, parliert mit Gästen „aus dem Volk“ oder donnert gegen George Bush, seinen Lieblingsfeind.